22.06.2003 · Tatort Telgte: Ein Mann ließ seine schwangere Ehefrau umbringen, weil sie seine Pläne störte. Jetzt beginnt der Prozeß, in dem das Tatmotiv in keiner Relation zur Tat steht.
Von Katrin HummelEs ist ein Tag Ende Januar, nicht lange vor Mitternacht, als die drei Putzfrauen des Fitneß-Studios "fit & fun" im Gewerbegebiet von Telgte-Orkotten Feierabend machen. Sie gehen durch das graue Tor, lassen die grauen Rolläden herab und wenden sich zum Gehen. Da stellt sich ihnen ein junger Mann mit vorgehaltener Waffe in den Weg, treibt sie von dem Auto weg, hinter dem sie unwillkürlich Schutz gesucht haben, und macht ihnen deutlich, daß sie sich in einer Reihe vor ihn aufstellen sollen. "Tut mir leid", sagt er beiläufig - und tötet die Frauen mit drei Kopfschüssen, der Reihe nach von rechts nach links. Eine von ihnen, eine 39 Jahre alte Deutsche, hinterläßt vier Kinder, eine dreißigjährige Türkin erwartete ihr zweites Kind. Was die drei Frauen miteinander verband? Nichts als ein Zufall: ihre Arbeitsstätte.
Wenn am Donnerstag vor dem Landgericht Münster der Prozeß gegen drei Männer beginnt, die dieser Tat beschuldigt werden, wird es nicht in erster Linie darum gehen, sie der Tat zu überführen. Sie sind geständig und bedauern, was sie angerichtet haben.
Tatmotiv steht in keiner Relation zur Tat
Es wird vielmehr darum gehen, zu klären, ob man einfach nur unglaublich naive und einfältige Mörder vor sich hat oder ob sie darüber hinaus auch noch habgierig, heimtückisch und voller niedriger Beweggründe sind. Denn auf den ersten Blick steht das Tatmotiv in überhaupt keiner Relation zur Tat, es macht sie nicht erklärbar und nicht begreifbar. Und wenn man dann noch den Hauptbeschuldigten zu Gesicht bekommt, den kleinen, schmächtigen, fast zierlichen, schüchtern, bescheiden und zurückhaltend wirkenden 31 Jahre alten Hüseyn Dag, dann fragt man sich unwillkürlich, ob der Angeklagte die Folgen dessen, was er tat, auch nur ansatzweise abschätzen konnte.
Fest steht: Dag ließ seine schwangere Ehefrau erschießen, und um die Ermittler in die Irre zu führen, hat er zusätzlich den Mord an ihren beiden Kolleginnen in Auftrag gegeben. Die Ermittler wurden nach der Tat schnell auf Dag aufmerksam, weil er sehr gefaßt und emotionslos auf die Nachricht vom Tod seiner Frau reagierte. Auch hatten befreundete Türken aus Telgte angedeutet, daß Dag eine Beziehung zu einer 22 Jahre alten Polin unterhalte. Die Mordkommission schloß daraus, daß die Ehe der Dags nicht die beste gewesen war, und ermittelte verstärkt im Umfeld Hüseyn Dags. Bald stellte sich heraus, daß die jungen Leute von ihren Familien füreinander ausgesucht worden waren und nicht viel gemein hatten. Da aber eine Scheidung aufgrund des islamischen Hintergrundes der beiden nicht in Frage kam, blieben sie zusammen, und Dag ging seiner Wege.
Einfältig und labil
Das ging so lange gut, bis er den Plan faßte, reich zu werden. Gemeinsam mit seinem Freund Ali D., der nun der Beihilfe zum Mord angeklagt ist, wollte er in Telgte ein Bordell aufmachen und dort Frauen aus Osteuropa beschäftigen. Auch von Rauschgiftgeschäften träumte Hüseyn Dag, von Autoschiebereien und Menschenhandel. Es war - so viel weiß die Staatsanwaltschaft inzwischen - nicht mehr als ein Traum, denn die Männer hatten nicht die geringste Infrastruktur aufgebaut, um ihn zu verwirklichen - keine Wohnung, kein Haus, gar nichts. Nur einen weiteren Freund hatten sie mit ins Boot geholt, den 21 Jahre alten Timucin Ö., der außer einer abgebrochenen Lehre zum Maler und Lackierer nicht viel vorzuweisen hatte, aber immerhin Russisch sprach.
Timucin Ö., ein einfältig und labil wirkender großer Junge, der die Pubertät noch nicht hinter sich gelassen zu haben scheint, hatte sich in den Monaten vor der Tat als Breakdance-Lehrer in einem Jugendzentrum betätigt. Er ist nun wie Hüseyn Dag des Mordes angeklagt, denn auch er wollte schnell reich werden und sich an den Geschäften der beiden anderen beteiligen.
Tatwaffe fand sich im Keller - in einem Kinderbett
Es muß so gewesen sein, daß Hüseyn Dag das große Geld schon in greifbarer Nähe gesehen hat. Wenn, ja wenn nur seine Frau nicht gewesen wäre. Bei der Vernehmung sagte er aus, sie habe seinen Plänen im Weg gestanden und damit gedroht, alles an die große Glocke zu hängen. Dag sah nur eine Lösung: Sie mußte weg. Er versprach Timucin Ö. 5000 Euro und beauftragte ihn, sie und ihre Kolleginnen umzubringen. Und Timucin Ö. murmelte eine Entschuldigung, dann schoß er - von rechts nach links. Als Dags Freund Ali D. selbst unter Mordverdacht geraten war, verpfiff er Timucin Ö., und ein Sondereinsatzkommando verhaftete den mutmaßlichen Mörder schlafend in seinem Bett. Die Tatwaffe fand sich im Keller - in einem Kinderbett.
Hüseyn Dag und Timucin Ö. können in dem Prozeß vor dem Landgericht Münster zu Freiheitsstrafen von bis zu 25 Jahren verurteilt werden - wenn das Gericht eine besondere Schwere der Schuld feststellt und wenn Timucin Ö. nicht nach dem Jugendstrafrecht verurteilt wird. Denn nach Angaben seines Verteidigers ist es aufgrund zahlreicher Verwicklungen durchaus möglich, daß Timucin Ö. tatsächlich erst zwanzig Jahre alt ist und seine Tat somit noch unter das Jugendstrafrecht fällt. In diesem Falle könnte er nach frühestens fünf Jahren aus dem Gefängnis entlassen werden.
„Keine Chance, viel zu erreichen“
Anders sieht es für Hüseyn Dag aus. Für ihn wird es eng, und er scheint das auch zu ahnen. Obwohl er kurze Zeit nach der Tat noch erklärt hatte, sich keinen Anwalt nehmen zu wollen, weil er sich gerecht bestraft zu werden wünsche, hat er nun drei Verteidiger um sich geschart. Doch auch die sind nicht übertrieben optimistisch. "Herr Dag ist am schlechtesten dran, wir haben keine Chance, da viel zu erreichen, sagt sein Verteidiger Sven Grotendiek. Einziges Ziel der Verteidigung könne es sein, die besondere Schwere der Schuld als Mordmerkmal "wegzukriegen". Gelingt dies, würde Dag nicht zu 25, sondern nur zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt.
In jedem Fall aber ist eine Haftstrafe nicht das Schlimmste, was ihm passieren kann: Im Moment steht seine Familie zwar noch zu ihm und weigert sich, zu glauben, was er getan hat. Aber insbesondere in der Familie seiner Frau schwele es, sagt Grotendiek: "Hinter den Kulissen sind schon Drohungen ausgesprochen worden." Da könnte es gut sein, daß Dag am Ende froh ist, wenn eine dicke Gefängnismauer ihn vor der Verwandtschaft schützt.
Katrin Hummel Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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