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Verbot gefordert : Staatsjagd im Fadenkreuz

Staatsfern: Ein Jagdhund bereitet sich auf eine Treibjagd im Forst von Neu-Isenburg vor. Bild: Cornelia Sick

Der Steuerzahlerbund entdeckt seine sozialrevolutionäre Ader: In Hessen kritisiert der Verein die von Ministerpräsident Bouffier organisierte Jagd auf Kosten der Staatskasse.

          Immer mehr Wildschweine durchpflügen die Vorgärten von Reihenhaussiedlungen, eine Überpopulation an Hirschen schält im Wald die Rinde von den Bäumen, und die vielen Rehe lassen dem Forst kaum eine Chance, sich zu verjüngen. Es gibt zu viel Wild im Wald – aber die Jagd wird misstrauisch beäugt. Wenn gar Politiker, Verbands- und Wirtschaftsvertreter gemeinsam auf Kosten des Steuerzahlers dem Wild nachstellen, dann werden Jagdkritiker und Sozialrevolutionäre hellwach. Jetzt ist Hessen im Visier, wo Ministerpräsident Volker Bouffier im November eine Staatsjagd im Wald von Groß-Gerau organisieren lässt.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Dabei schien in Deutschland das Halali der Staatsjagden schon fast verklungen. In Niedersachsen verpasste Agrarminister Meyer (Die Grünen) vor zwei Jahren den Staatsjagden als „hochherrschaftlichen Riten aus der Kaiserzeit“ einen Blattschuss. Im Saupark Springe endete damit eine Tradition, die 1837 König Ernst August von Hannover begonnen hatte und die von den niedersächsischen Ministerpräsidenten sechs Jahrzehnte lang fortgesetzt wurde.

          22.000 Euro für den Festschmaus nach der Jagd

          Im Saarland wurde schon im Jahr 2010 aus der Staatsjagd als Gelegenheit zum Netzwerken eine „Waldschutzjagd“ zur „Demonstration neuer jagdlicher Philosophie“. Und in Hamburg war 2013 nach einem Vorstoß der Grünen in der Bürgerschaft die Senatsjagd im Staatsforst von Alt-Erfrade die letzte ihrer Art.

          In Hessen aber hat der Steuerzahlerbund die Staatsjagd ins Visier genommen. Zwar streiten die hessischen Grünen gerade mit dem Landesjagdverband heftig über eine neue Jagdverordnung, doch sind auch die Grünen grundsätzlich der Ansicht, dass von Schwarz- und Rotwild im großen hessischen Wald eher mehr als weniger geschossen werden muss. Da dürfen auch die Politiker ruhig mittun.

          Ein Jagdtag an der frischen Luft allerdings macht hungrig, und für das „Festessen“ danach in einem Hotel sind laut Staatskanzlei 50 Euro pro Person veranschlagt. Die ganztägige Jagd soll den hessischen Etat mit 22.000 Euro belasten, abzüglich des je nach Jagderfolg durchaus beachtlichen Erlöses beim Verkauf des erlegten Wildes. Das ist vermutlich weniger, als wenn Bouffier den zwanglosen Gedankenaustausch mit verdienten Vertretern der Forstwirtschaft und der Naturschutzverbände auf einen Golfplatz verlegt hätte.

          Lange Tradition der Staatsjagden

          Für den ungewohnt sozialrevolutionären Steuerzahlerbund bleibt die Jagd dennoch „das fragwürdige Vergnügen eines exklusiven Kreises“. Die lange Tradition der Diplomaten- und Staatsjagden in der Bundesrepublik wird dabei ausgeblendet. Selbst die Bundespräsidenten Scheel und Heinemann luden regelmäßig zur Jagd, ebenso der Jagdgegner Lübke, der das Diplomatische Korps bei der Pirsch immerhin als „Schlachtenbummler“ begleitete, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung 1954 in einem „Bulletin über eine Diplomatenjagd“ berichtete.

          Die Nähe von Jägern und Politikern wird bisweilen auch mit Jägerlatein erklärt: Es werde nirgends so viel gelogen wie vor einer Wahl und nach einer Jagd. Ganz ohne schlechtes Gewissen hält aber auch Hessen nicht an der langen Tradition der Staatsjagden fest. Beim Abendessen wird laut Staatskanzlei fürs Müttergenesungswerk gesammelt.

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