09.11.2005 · Der Start ist geglückt, der europäische Forschungssatellit Venus Express ist auf dem Weg zu seinem Ziel. Vom kommenden Frühjahr an soll er die Treibhausatmosphäre der Venus enträtseln - zum Nutzen der Erde.
Von Dieter HoßOb der Morgenstern auch an diesem Morgen am Himmel über Darmstadt leuchtete, hat sich niemand gefragt. Sternenklar war's, doch der Blick der „Raumfahrer“ im Missionskontrollzentrum der Esa in Darmstadt (Esoc) richtete sich nicht ans Firmament, sondern auf die großen Plasma-Bildschirme im Event-Raum - schließlich fliegt man im All nicht auf Sicht. Was auf den Monitoren zu sehen war, ließ die Esa-Verantwortlichen merklich aufatmen: „Venus Express“, neues Prunkstück in einer inzwischen recht stattlichen Flotte von Sonden und Satelliten, machte sich wie geplant auf den Weg zu ebendiesem Morgenstern, dem Planeten Venus. Alles klappte wie am Schnürchen an diesem frühen Morgen, und schon bald konnte sich Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain einem der liebsten Raumfahrt-Rituale hingeben und verkünden: „We have a mission!“
Es ist der erste Ausflug der europäischen Raumfahrt zur Venus, dem sonnennäheren Nachbarplaneten der Erde. Nach der „Mars-Express“-Mission (bei der allerdings die Teilsonde Beagle 2 beim Landeversuch verlorenging), der „Smart-1“-Sonde zum Mond, dem Kometenjäger „Rosetta“ und dem euphorisch gefeierten Erfolg der Landung der Sonde „Huygens“ auf dem fernen Saturnmond Titan festigt die Esa damit ihren Platz in der Planetenerkundung. „Wir haben jetzt unsere Marke gesetzt“, bilanziert Gerhard Schwehm, Chef der Planetenforschung bei der Esa, zufrieden. „Venus Express“ ist ein wichtiger Schritt sowohl für die europäische Raumfahrt als auch für das Kontrollzentrum in Darmstadt, wie dessen Leiter Gaele Winters betonte. Nicht weniger als vierzehn Satelliten in elf Missionen werden vom Esoc nun gesteuert.
„Und 2013 geht es zum Merkur“
Angesichts der Bedeutung überraschte die Reaktion der meisten Beteiligten auf „Venus Express“. Statt mit ausgelassenem Jubel wurde der Erfolg eher mit abgeklärter Freude aufgenommen. Das mag daran liegen, daß die eigentlich spannende Phase erst im Frühjahr beginnt, wenn die Sonde nach einem Flug von 155 Tagen voraussichtlich am 11. April die Venus erreicht. Andererseits dürfte das auch Ausdruck eines trotz mancher Rückschläge gewachsenen Selbstbewußtseins sein. „Es ist doch prächtig, was wir erreicht haben“, bilanziert Gerhard Schwehm. „Wenn ich bedenke, daß wir noch Anfang der Achtziger darüber nachdenken mußten, wie wir die Planetenphysik in Europa aus dem Schattendasein holen könnten.“ Und nun fliege die Esa in eigener Regie zur Venus und unternehme dort eine komplexe Mission, für die sich auch amerikanische Wissenschaftler interessieren. Die nächsten Projekte seien zudem schon geplant - vor allem „Bepi Colombo“, eine nach einem italienischen Forscher benannte Sonde, die 2013 zum innersten Planeten des Sonnensystems fliegen soll: zum Merkur.
Doch zunächst einmal heißt es: „Next stop, Venus!“ Der Planet erhielt zwar schon in den sechziger und siebziger Jahren irdischen Besuch von russischen und amerikanischen Sonden, doch nie zuvor wurde die Atmosphäre des Erdnachbarn so intensiv erforscht, wie es „Venus Express“ nun tun soll. Und das aus gutem Grund: Die Venus führt uns vor Augen, was unserem Planeten blühen könnte, wenn sich der auch auf der Erde existierende Treibhauseffekt nicht aufhalten läßt. „Wir sehen dort einen Prototypen einer Treibhausatmosphäre“, erläutert Schwehm, sozusagen eine Klimakatastrophe im Endstadium. Ähnlich könne sich im schlimmsten Fall auch die Erde entwickeln, wenn der Kohlendioxyd-Ausstoß nicht verringert werde, meinen die Esa-Wissenschaftler. Von der Erforschung der komplexen Vorgänge in der Venus-Atmosphäre erhoffen sie sich Rückschlüsse auf die Entwicklungen auf der Erde.
„Absurde Umweltbedingungen“
Und die soll auf keinen Fall so enden wie die Venus. „Dort herrschen absurde Umweltbedingungen“, sagt Bernd Häusler, Leiter des Instituts für Raumfahrttechnik an der Münchner Universität der Bundeswehr. An die Existenz von Leben auf der höllisch heißen Venus mag daher kein Fachmann glauben. Kein Wunder angesichts von mehr als 460 Grad mittlerer Temperatur an der Oberfläche, einem Druck von 90 Erdatmosphären und mächtigen Sturmfronten von dreifachem irdischen Orkantempo. Warum auf dem Schwesterplaneten der Erde nichts diese Entwicklung zu einem „Vorhof der Hölle“ aufgehalten hat, ist eine zentrale Frage der Mission. Nicht zuletzt, weil die Planetenforscher davon ausgehen, daß Venus und Erde angesichts gleicher Größe und Masse und nicht allzu unterschiedlicher Entfernung zur Sonne vor viereinhalb bis dreieinhalb Milliarden Jahren nahezu die gleichen Startbedingungen gehabt haben dürften. Häusler fragt sich daher: „Warum haben sie sich so unterschiedlich entwickelt?“
Ob die Esa mit dem „Venus Express“ Antworten auf solche Fragen finden kann, muß sich erst noch zeigen. Erste Forschungsergebnisse werden für den kommenden Sommer erwartet. Damit das klappt, muß „Venus Express“ sein Ziel jedoch erst einmal erreichen. Es ist ein heikles Bremsmanöver, das die 1240 Kilogramm schwere und 220 Millionen Euro teure Forschungssonde nach monatelanger Reise im kommenden Frühjahr zu überstehen hat.
„Die Raumsonde tut das, was sie soll“
Um „Venus Express“ gezielt in die gewünschte Umlaufbahn in 250 bis 66.000 Kilometer Höhe über dem Planeten und den Polen der Venus zu bringen, hat die Esa nur einen Versuch. Auch an diesem Tag wird wohl niemand in den Himmel schauen, um den Morgenstern zu sehen. Aber alle Esa-Verantwortlichen werden die Venus dennoch im Blick haben. Es wird ein weiterer Tag werden, an dem das Selbstbewußtsein der Esa auf die Probe gestellt wird. Im Darmstädter Kontrollzentrum gibt man sich bisher zuversichtlich. Flugleiter Manfred Warhaut meint: „Die Raumsonde tut genau das, was sie tun soll.“