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Venedigs Untergang : Trauernde Gondeln im Klimawandel

Versinkt im Meer: Venedig – die Stadt der Vergänglichkeit Bild: MEROLA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Venedig ist in einer prekären Lage: Nicht nur der unaufhörliche Ansturm von Touristen plagt die altehrwürdige Lagunenstadt. Das Hochwasser könnte die Vergänglichkeit zum finalen Zustand werden lassen.

          Wind weht durch die dunklen Gassen. Die Luft ist mild. Es riecht nach Wasser und Moder. Der Abend ist schon fortgeschritten, der Autoverkehr in weite Ferne gerückt, aber Ruhe gibt es an diesem Ort nicht. Der Markusplatz steht unter Wasser. Venedig zeigt sich im warmen Novembersturm. Die Touristen schert es nicht. Sie versammeln sich auf dem Platz, fotografieren, laufen über die Stege, die in den Hochwasserstunden aufgestellt werden, und sorgen für einen beständigen Lärmpegel wie in einem vollen Schwimmbad. Der Stadt wurde ihre Stille genommen.

          Es sind an diesem Abend um die 15 Grad Celsius. Ist das die neue Normalität in Zeiten des Klimawandels? Venedig sinkt ins Meer, sagen Forscher – millimeterweise, aber stetig. Sie prophezeien, dass die Hochwasserphasen infolge des steigenden Meeresspiegels drastisch zunehmen werden. Die Voraussetzungen der Stadt sind ohnehin nicht gut: Für Öltanker und Kreuzfahrtschiffe wurden die drei Durchlässe zum offenen Meer immer breiter angelegt, so dass das Wasser immer schneller in die Lagune strömen konnte. Seit Jahren arbeitet Venedig an M.O.S.E. – einem Sturmflutsperrwerk mit Fluttoren, das bei Hochwasser das Meer von der Lagune trennen soll.

          Venedig, die Stadt der Liebe

          Die prekäre Lage der Stadt animierte den Künstler Lorenzo Quinn zu einem eindrucksvollen Kunstwerk, das während der diesjährigen Biennale zu sehen war: Zwei riesige weiße Hände ragten aus dem Canal Grande und stützten ein Haus, das Hotel Ca’Sagredo. Er habe damit ein Bewusstsein für den Klimawandel schaffen wollen, schreibt der Künstler auf Instagram.

          Kluge Leute tragen bunte Überzieher aus Plastik um die Schuhe, die die Touristenhändler an jeder Ecke für acht Euro verkaufen. Man fühlt sich darin wie ein Teletubbie, tapst durch die Stadt und kann sich über trockene Füße und mehr Bewegungsfreiheit freuen. Wenn man Glück hat, halten die knallorangenen oder blauen Überschuhe sogar länger als anderthalb Stunden. Noch klügere Leute tragen Gummistiefel. Eine Frau wird von einem Mann ritterlich zum Steg getragen. Drei Chinesinnen laufen barfuß durchs Wasser und kichern. Die Stimmung ist ausgelassen. Sorgen scheint sich unter den Touristen niemand um die Stadt zu machen. Plötzlich biegt ein alter Mann um die Ecke. Er stützt sich auf einen Stock, trägt grüne Gummistiefel und eine blaue Mütze. Er schaut ernst. Den Besucherandrang zu so später Stunde beachtet der alte Venezianer nicht. Sein Anblick inmitten der Touristengruppen hat etwas Rührendes.

          Je weiter man sich vom Markusplatz entfernt, desto leerer werden die Straßen. Eine schmale Gasse führt vom Weg ab. Zur Hälfte steht sie unter Wasser. Sie wird dunkler, je weiter man blickt. Ihr Ende ist aus der Ferne nicht zu erkennen. Ein beklommenes Gefühl steigt auf. Es ist eine Gasse der Hoffnungslosigkeit.

          Am nächsten Morgen ist das Wasser weg. Für kurze Zeit lässt sich die Sonne blicken. Der Himmel leuchtet in kräftigen Farben. Was im Dunkeln nichts Gutes erahnen ließ und nach braunem Wasser roch, zeigt sich im Hellen in unschuldiger Schönheit. Die Lagune ist grün-türkis. Eine Möwe schreit, Kirchenglocken läuten. Venedig, die Stadt der Liebe.

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