15.06.2002 · Die Maßnahmen gegen pädophile Priester, für die sich amerikanische katholische Bischöfe entschieden haben, stoßen bei den Opfern auf Kritik.
Alle katholischen Priester in den USA, die Minderjährige sexuell missbraucht haben, sollen aus der Seelsorge entfernt werden. Darauf einigten sich die katholischen US-Bischöfe am Freitag auf ihrer Tagung in Dallas im Bundesstaat Texas. Die Priester sollen jedoch nicht automatisch entlassen werden und somit ihre Priesterwürde verlieren. Das hatten Opfer und Kritiker gefordert. Die Bischöfe trafen ihre mit Spannung erwartete Entscheidung nach zweitägigen, kontroversen Diskussionen mit 239 gegen 13 Stimmen.
Die neue Entschließung bietet Geistlichen, die sich an Minderjährigen sexuell vergangen haben, diem Möglichkeit, weiter Priester zu bleiben und in einer nicht öffentlichen Position innerhalb der Kirche zu arbeiten. Sie dürfen keine Messen mehr abhalten und kommen der Entschließung zufolge nicht mehr mit Kindern in Kontakt. In den einzelnen Diözesen entschieden die Bischöfe von Fall zu Fall, ob Priester tatsächlich entlassen würden. Dabei sollen die Bischöfe künftig von Gremien beraten werden, die mehrheitlich aus Laien bestehen.
Ja aus Rom steht noch aus
Zudem ist sexueller Missbrauch keine Kirchen-Sache mehr. Die Entschließung enthält die Klausel, dass Bischöfe künftig jeden Verdacht durch Geistliche der Polizei melden müssen und derartige Fälle nicht mehr vertraulich innerhalb der Kirche behandeln können. Die Entschließung von Dallas muss jetzt vom Vatikan in Rom genehmigt werden, ehe sie wirksam werden kann.
Das Dokument stieß auf herbe Kritik durch Vertreter der Opfer sexuellen Missbrauchs durch pädophile Priester. Sie hatten die so genannte „Zero Tolerance“ verlangt, die durchgängige Entlassung aller Priester und Kirchenmitarbeiter, die sich an Minderjährigen vergangen haben - keine Toleranz also für die Täter. Aber auch aus den Reihen der katholischen Kirche in den USA wurde Kritik laut: Es solle mehr Mitbestimmung für Laien geben, denn die Machtstruktur der Kirche habe die furchtbaren Vorkommnisse begünstigt.
Kritik an Entschließung
Die Vertreter der Opfer kritisierten darüber hinaus, dass in der Entschließung von einer Verantwortung der Bischöfe im Sexskandal nicht die Rede ist. Sie verlangten über die neue Entschließung hinaus auch Maßnahmen gegen Bischöfe, die wissentlich Sexualtäter weiter beschäftigten.
Zum Auftakt der Frühjahrstagung hatte sich der Präsident der Bischofskonferenz bei den Opfern entschuldigt. „Ich biete jedem von ihnen, der von einem Priester oder einem Kirchenangestellten Leid erfahren hat, meine tiefst empfundene Entschuldigung an“, sagte der schwarze Bischof Wilton Gregory aus Belleville, Illinois. „Was wir Bischöfe getan und was wir unterlassen haben, hat zu dem Missbrauch beigetragen.“
Mindestens 850 Fälle bekannt
Seit Anfang der 60er Jahre sind nach Ermittlungen der „Washington Post“ mindestens 850 Fälle bekannt geworden, in denen katholische Priester Kinder oder Jugendliche sexuell missbraucht haben. Hunderte Geistliche seien entlassen worden, hieß es. Die Kirche soll an Opfer rund eine Milliarde Dollar Entschädigung gezahlt haben. Ein Geschworenengericht in Omaha (Bundesstaat Nebraska) verurteilte die Diözese der Stadt am Freitag zur Zahlung von 800.000 Dollar an einen früheren Ministranten, an dem sich ein Priester vergangen hatte.