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Scheidungskind : Gehen wir zu Mama oder zu Papa?

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Viele Väter freuen sich über das neue Sorgerechts-Urteil. Doch wie geht es den Kindern? Bild: dpa

Gerichte können für Scheidungskinder nun eine Woche bei der Mutter und eine beim Vater anordnen. Viele Männer freuen sich über dieses BGH-Urteil, doch tun das auch die Kinder?

          Wie die Kinder auf der Wasserrutsche oder beim Fußballspielen quiekten vor Glück, wie sie herumtollten und ihn, beide gleichzeitig, als Klettergerüst benutzten, das sind Till Beckers* schönste Erinnerungen an den Alltag als Vater. „Eine mega intensive Zeit“, die vor fünf Jahren mit der Trennung von seiner Frau endete. Tochter und Sohn, damals 8 und 11 Jahre alt, konnte er von diesem Zeitpunkt an nur noch sporadisch sehen.

          Für die schlechten Erinnerungen aus der Scheidungsphase hat Becker ein Word Dokument angelegt, inzwischen 100 Seiten lang. Name: „Das Tagebuch des Grauens“. Inhalt: Daten und Orte, die belegen, wann seine Ex-Frau die Kinder nicht zum vereinbarten Treffpunkt brachte und welche Lügen sie über ihn erfand. Gleichzeitig ist es die traurige Dokumentation, wie einem Vater seine Kinder entgleiten. All das hat Becker aufgeschrieben, falls er Beweise brauchen würde in Diskussionen mit der Mutter – oder vor Gericht. Dort, wo am Ende all jene getrennte Familien landen, die nicht anders aushandeln können, wie sie in Zukunft leben möchten.

          Was das Urteil bedeutet

          Für sie könnte sich jetzt viel ändern. In einem am Montag veröffentlichten Grundsatzbeschluss hat der Bundesgerichtshof (BGH) geklärt, dass das sogenannte paritätische Wechselmodell angeordnet werden darf. Das bedeutet: Ein Kind lebt beispielsweise eine Woche bei der Mutter, die nächste beim Vater. Es hat nicht nur zwei Zimmer und Betten, sondern auch zwei Elternteile, bei denen es zu gleichen Teilen zuhause ist.

          Kläger war ein Vater aus Franken. Ihm reichte es nicht, seinen mittlerweile 13-jährigen Sohn nur alle zwei Wochen zu sehen. 2013 hatte das Oberlandesgericht Nürnberg den Fall verhandelt, und eine paritätische Lösung abgelehnt. Die Begründung: Das Wechselmodell könne wegen Gesetzeslücken, aber auch, weil es ohne die Kooperationsfähigkeit der Eltern nicht umsetzbar sei, gar nicht angeordnet werden. Der Sohn, um dessen Zukunft es ging, wurde damals nicht einmal angehört.

          Durch das BGH-Urteil von Montag können Wechselmodelle von nun an angeordnet werden, entscheiden müssen die unteren Instanzen aber je nach Fall. Wie es für den Kläger aus Franken ausgeht, das wird sich bei einer neuen Verhandlung am Oberlandesgericht Nürnberg nun zeigen. Bedeutend ist der Grundsatzbeschluss aber auch für andere Familien, die getrennt leben. Er wird als großer Schritt hin zur gleichberechtigten Betreuung interpretiert.

          Diskriminierendes „Mutterschutzsystem“

          Till Becker wurde damals wie den meisten Vätern ein Umgangsrecht eingeräumt, bei dem er die Kinder anfangs jedes Wochenende sehen durfte, später nur noch alle 14 Tage. Dabei hatte er seit der Geburt seines Sohnes selbständig von zuhause aus gearbeitet, jeden Tag Frühstück gemacht, sogar eine Kindertanzgruppe an der Schule geleitet. Vom Jugendamt bekam er wenig Unterstützung als seine Ex-Frau Besuche ausfallen ließ, vom Familiengericht fühlte er sich diskriminiert. „Mutterschutzsystem“ nennt er die Strukturen in einer Mischung aus Bitterkeit und Ironie. „Früher haben die Leute über mich gesagt: ,Ist das ein toller Papa‘. Aber im Moment der Trennung gab es einen Salto rückwärts in ein Rollenmodell der 1950er Jahre. Plötzlich war der Vater ideal, wenn er sich komplett rauszog und sich nur noch ums Geld kümmerte.“

          Aus dem Alltag der Kinder fühlte sich Becker ausgeschlossen: Wie sich „der Kleine“ im Fußball machte, bekam er nicht mehr mit. Von der dritten Fremdsprache „der Großen“ erfuhr er zufällig, als sie ein Spanischbuch auf den Küchentisch legte. „Was da in einem abgeht“, sagt der Vater, „das kann man nicht beschreiben.“ Damit seine Kinder nicht das Gefühl bekamen, etwas falsch gemacht zu haben, überspielte er alles, forderte nichts und versteckte seine Traurigkeit bei den Abschieden. Nicht einmal „Ich vermisse euch“ konnte er sagen. Denn das, warnten die Experten, bringe die Kinder in einen noch größeren Interessenkonflikt. Auch vor Gericht wollte er nicht weiter kämpfen.

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