Home
http://www.faz.net/-gum-767o7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Urteil gegen Vater des Winnender Schützen „Jungs sind so“

Im Revisionsprozess wird die Bewährungsstrafe für den Vater des Amokläufers von Winnenden reduziert. Doch das Gericht bleibt dabei: Der Angeklagte hätte die Tat verhindern können, wenn er Waffen und Munition ordnungsgemäß verwahrt hätte.

© dpa Vergrößern Eine Nebenklägerin mit Foto im Gerichtssaal des Stuttgarter Landgerichts

Jörg Wilhelm Ks. Gesicht ist gerötet. Grauer Anzug, schwarzes Hemd, grauer Kinnbart. Regungslos lässt er sich in den Verhandlungssaal 1 des Stuttgarter Landgerichts führen.

Wenn es während der vergangenen Monate in diesem Strafverfahren an etwas keinen Mangel gab - dann an Ermahnungen an den Angeklagten, zu seiner Mitschuld etwas zu sagen. Auch am Freitag, dem Tag der Urteilsverkündung, gibt sich der Vorsitzende Richter der siebten großen Strafkammer viel Mühe, Jörg Wilhelm K. zum Reden zu bringen.

„Wir wären gerne mit Ihnen ins Gespräch gekommen. Sie hätten nicht befürchten müssen, dass diese Kammer ihnen den Respekt versagt, den sie verdient haben“, sagt der Richter. Vielleicht sei es aber der Umgang mit der Schuld gewesen, der es heute vielen Menschen schwer mache, dem Angeklagten Respekt entgegen zu bringen. Der Richter erzählt dann ziemlich viel aus seinem eigenen Leben, vom „Freud und Leid“, die das Erziehen von Kindern mit sich bringe.

Scharfe Kritik am Strafverteidiger

Er attackiert in ungewöhnlich scharfer Weise den Strafverteidiger des Angeklagten, der das erstinstanzliche Urteil zu Beginn des Revisionsverfahrens als „Unrechtsurteil“ bezeichnet hatte - auch das Wort „Menschenrechtsverletzung“ war einmal aus dem Mund des Anwalts zu vernehmen. „In tiefere Fettnäpfchen als ihre Verteidiger hätten Sie nicht treten können. Der Ton macht die Musik. Ich dachte, ich bin im falschen Saal. Über Menschenrechtsverletzungen in Ruanda wird in Saal 6 verhandelt.“ Jörg Wilhelm K. sitzt wie versteinert auf der Anklagebank, verfolgt die Urteilsbegründung regungslos. „Das muss man als Angeklagter nicht hinnehmen, dass man so verteidigt wird.“

Am 10. Februar 2011 hatte die 18. Große Strafkammer den Vater des Amokläufers Tim K. wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung sowie wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer Bewährungsstrafe von 21 Monaten verurteilt. Weil das Gericht einer maßgeblichen Zeugin nach Auffassung des Bundesgerichtshofs (BGH) das Auskunftsverweigerungsrecht zugebilligt hatte, wurde der Revision stattgegeben.

Strafmaß um drei Monate verringert

Die siebte Große Strafkammer folgte dem erstinstanzlichen Urteil im wesentlichen, verringerte aber das Strafmaß um drei Monate, weil der Angeklagte von der Tötungsabsicht seines damals 17 Jahre alten Sohnes nichts gewusst haben konnte. Die Tatbestandsmerkmale für eine mehrfache fahrlässige Körperverletzung und Tötung sah das Gericht als erfüllt an: „Es wäre wohl nicht zum Amoklauf gekommen, wenn sie die Waffe und die Munition ordnungsgemäß weggeschlossen hätten, Punkt, aus“, sagt der Richter. Vielleicht hätte Tim K. dann einen späteren Bus genommen, vielleicht hätte er im Bus ein Mädchen getroffen, in das er sich verliebt hätte. Und Tims Leben und das vieler Familien in der schwäbischen Kleinstadt hätte einen anderen Verlauf genommen. In jedem Fall, so das Gericht, sei der Umgang des Angeklagten mit Waffen und Munition fahrlässig gewesen.

Mehr zum Thema

An dieser Stelle kann sich der Richter, der auf seine Erfahrung als langjähriger Jugendrichter verweist, eine kritische Bemerkung zur Argumentation der Verteidiger nicht verkneifen: In der Literatur gebe es keinen Zweifel, dass für eine Verurteilung wegen Fahrlässigkeit eine „abstrakte Gefahr“ ausreiche, die sich tatsächlich realisiere. Die Behauptung, der Unternehmer und Vater des Amokläufers sei über die Tötungsabsichten informiert gewesen, habe sich nicht belegen lassen, die hierzu vorgeladene Zeugin habe gelogen. „Natürlich hätten Sie aufmerksam werden müssen. Welcher Vater will denn nicht, dass sein Sohn Spaß hat. Jungs sind so, die sind auf der Suche nach allem, was knallt, deshalb verschließe ich solche Sachen“, sagt der Richter. Bei dem Angeklagten hätten doch „alle Alarmglocken“ schrillen müssen.

Anderthalb Stunden Urteilsbegründung

Jörg K. hat sich vom Drucker hochgearbeitet zum selbständigen Unternehmer. Er soll immer bis spät in der Nacht in der kleinen Fabrik für Industrieverpackungen gearbeitet haben. Er galt als besorgter Vater. Die Dimension der psychischen Erkrankung seines Sohnes hat er aber verkannt, sonst hätte er ihn nicht mit in den Schützenverein genommen - 15 Menschen starben am 11. März 2009 in Waiblingen und Wendlingen.

Nach anderthalb Stunden Urteilsbegründung fleht der Richter den Angeklagten geradezu an, von einer abermaligen Revision abzusehen: „Sie sollten sehen, was Sie Ihrer Familie und den Angehörigen der Opfer antun.“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mollath-Prozess Verteidigung ohne Vertrauen

Ohne seinen Verteidiger Gerhard Strate säße Gustl Mollath wohl immer noch in der Psychiatrie. Doch das Verhältnis zwischen beiden ist zerrüttet. Über eine Entpflichtung des Anwalts von seinem Mandanten entschied das Gericht am Montag. Mehr

28.07.2014, 15:15 Uhr | Politik
Kalifornien Callgirl soll einen Google-Manager mit Heroin umgebracht haben

Gegen ein Callgirl in Kalifornien werden schwerwiegende Vorwürfe erhoben: Die 26 Jahre alte Frau soll einem Google-Manager auf dessen Yacht Heroin injiziert und ihn sterbend zurückgelassen haben. Mehr

16.07.2014, 20:35 Uhr | Gesellschaft
NSU-Prozess Bricht Zschäpe jetzt ihr Schweigen?

Die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe hat ihren drei Verteidigern überraschend das Vertrauen entzogen. Nun wird darüber spekuliert, ob sie doch aussagen will. Mehr

16.07.2014, 15:36 Uhr | Politik

„Unprofessionell und schrecklich“ Kiefer Sutherland bringt Kollegen zum Verzweifeln

Ein Schauspielkollege hatte nach dem Dreh mit Kiefer Sutherland genug von seinem Job, Köchin Sarah Wiener und Schauspieler Peter Lohmeyer trennen sich und Promi-Friseur Udo Walz zieht blank – der Smalltalk. Mehr 8

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden