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Urlaub im Krisenland Vangelis und der dicke Max

 ·  Kann man in Griechenland noch Spaß haben - gerade als deutscher Urlauber? In einem Hotel auf Kreta scheint die Krise weit weg zu sein. Und wird die Stimmung doch mal mies, schlichtet ein Deutsch-Grieche.

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© Anne Hähnig Soft-Animation: Vangelis Gerasis und Kollegen in ihrer typischen Pose

Bevor sie ihre Verlobung bekanntgeben dürfen, muss Marie ihrem Gigi einen Eiswürfel durch die Hose fummeln. Gigi stellt sich breitbeinig hin, Marie bückt sich, schiebt den Eiswürfel unter das rechte Hosenbein. Sie lässt die kleine Beule in Gigis Jeans nach oben wandern und kichert vor sich hin. Die Leute im Publikum klatschen und kreischen.

Marie und Gigi, das französische Pärchen, kennen die meisten von ihnen gar nicht persönlich, aber sie haben etwas mit ihnen gemeinsam: Alle tragen dieses Plastikarmband, das sie an der Hotel-Rezeption gleich beim Einchecken bekommen haben. Diese Armbänder sind so etwas wie das weltweite Erkennungszeichen der All-inclusive-Urlauber. Sie stehen für unbegrenzt viel Essen und Getränke - und das Versprechen, für die Dauer des Urlaubs bespaßt zu werden.

Um Spaß zu haben, dafür scheint das von Krisen geschüttelte, kurz vor dem Kollaps stehende Griechenland derzeit eigentlich nicht die nächstliegende Adresse zu sein. Vangelis Gerasis obliegt es, im Hotel „Kosta Mare Palace“ den Gegenbeweis zu liefern. Gerasis ist 23, er ist Animateur - und er vereint in seiner Person jene Nationen, die sich in der Krise scheinbar am unversöhnlichsten gegenüberstehen: Gerasis hat einen griechischen Pass, aber geboren wurde er in Deutschland, wo er auch lebt.

Die Witze aber sind ihm auch auf Kreta nicht vergangen: „Oh la la, oh la la“ ruft er ins Mikrofon, als Marie den Eiswürfel an Gigis Reißverschluss entlang drückt. Gigi verzieht das Gesicht. „Ihr seid noch nicht verheiratet, kein Wunder, dass sich Marie in Gigis Hose nicht gut auskennt, aber das wird noch“, sagt Vangelis.

Der Humor wird nicht subtiler an diesem Abend, aber das muss er gar nicht. Die Zuschauer klatschen und lachen jedes Mal, wenn Vangelis den Hosenwitz an diesem Abend wiederholt. Er klingt wie eine Mischung aus Sportreporter und dem Frauenschenkelklopfer Thomas Gottschalk. Vangelis kommentiert, wie Paare mit einem Luftballon zwischen ihren Körpern auf der Bühne tanzen. Er moderiert, wenn Urlauber Karaoke singen. Manchmal hüpft er mit seinen Kollegen eine Choreographie zur Musik von Abba.

Man könnte sich andere Zeitvertreibe vorstellen an einem Abend am Strand von Kreta bei zwanzig Grad Celsius. Trotzdem sind solche Urlaube beliebt, bisher auch solche in Griechenland. Doch spätestens seit in Athen eine deutsche Fahne brannte, buchen weniger Deutsche einen Urlaub auf Kreta, Rhodos oder Kos.

Aus dem Metzger wurde ein Mittler zwischen den Völkern

Deswegen dürfen die griechischen Hotels in dieser Saison nichts falsch machen. Die Urlauber, die nach Kreta fliegen, müssen glücklich wieder zu Hause landen. Für Vangelis bedeutet das: Er muss Stimmung machen, er ganz besonders. Und zwar nicht nur bei den Deutschen, sondern auch bei den Griechen. Die nämlich mixen die Getränke oder tragen die Koffer der Deutschen, von denen sie immer lesen, sie hielten die Griechen für faul, korrupt und verschwenderisch.

Vangelis kam im April 2010 das erste Mal als Animateur nach Kreta. Damals verabschiedeten die Euroländer das erste Hilfspaket, Griechenland wurde herabgestuft. In diesem Land, aus dem seine Eltern vor 32 Jahren ausgewandert waren, sollte Vangelis nun hauptberuflich gute Laune verbreiten. So ist er, der gelernte Metzger mit Fachabitur, zu einer Art Mittler zwischen den Völkern geworden. Nach der Show mit den Eiswürfeln darf Vangelis verkünden, dass sich Gigi und Marie verlobt haben. Gigi holt einen Herzanhänger aus seiner Hosentasche, Marie weint, das Publikum ist gerührt. Vangelis mag solche Momente: Deutsche freuen sich über Franzosen, und der Grieche moderiert.

Kurz vor Mitternacht, an einem Tisch neben der Bar, ist jedoch Schluss mit Sentimentalitäten. Jetzt kommt die harte Politik auf den Cocktailtisch. Ein deutscher Urlauber will von Vangelis wissen, wie das nun sei mit der Krise, ob er davon etwas mitbekomme. „Nein“, sagt Vangelis, „hier ist es immer gleich, aber es gibt Leute, die wegen der Krise ihren Urlaub stornieren.“ - „Echt?“, fragt der Urlauber. Das sei ja völliger Quatsch, das Geld müsse doch gerade jetzt hierher. In Athen, sagt der Tourist, kriege man wahrscheinlich etwas mit von den Streiks, aber dort mache ohnehin keiner Urlaub.

Darauf weiß Vangelis nichts zu sagen. Er stieße auch auf taube Ohren. Die Urlauber im „Kosta Mare Palace“ sind nicht nach Griechenland gereist, weil sie das Land oder dessen Kultur erkunden möchten. Sie liegen zwei Wochen am Strand und fahren allenfalls ein wenig mit dem Jeep über die Insel oder mit dem Reisebus zu „Land und Leuten“. Ihr Eindruck beschränkt sich auf ein paar wenige Momente außerhalb des Hotels und auf die Menschen, die im Hotel arbeiten.

Vergangenes Jahr streikten die Taxifahrer auf Kreta. Vangelis sah die Urlauber am Straßenrand stehen, sie kamen nicht zum Flughafen. Es war eines der wenigen Male, dass die Reisenden etwas bemerkten von der Krise. Vangelis wirkt heute noch wütend, wenn er darüber spricht. Mitten in der Hochsaison dürfe man nicht streiken, auch um die eigenen Einkünfte nicht zu riskieren.

Das Hotel ist gut gebucht - aber zu niedrigeren Preisen

Sein Vater, der „typisch griechische Patriot“, hat ihn zurechtgewiesen: Er solle nicht schlecht über seine Landsleute reden. Aber Vangelis ist gerade näher dran an den Griechen. Sein Vater arbeitet seit Jahrzehnten als Metallgussmechaniker in Köln, seine Mutter ist Kellnerin und Altenpflegerin. Sie haben ein Haus in Köln und ein Haus in Griechenland. Vangelis zuliebe buchen auch sie sich manchmal ins „Kosta Mare Palace“ ein. Zwei Wochen kosten in der Hochsaison etwa so viel, wie Vangelis im Monat als Chefanimateur verdient: 1050 Euro. Schlafen, essen und trinken darf er kostenlos.

In diesem Jahr ist das Hotel gut gebucht - allerdings zu niedrigeren Preisen als sonst. Manager Thomas Sapountzakis hat unter anderem zehn Prozent mehr Rabatt für Frühbucher angeboten. Der Umsatz ist um 15 Prozent geringer als vergangenes Jahr. Das Hotel lebt zu fast einem Viertel von Stammgästen, auch die rufen bei ihm an und wollen wissen, ob alles wie vorher ist. Für Sapountzakis selbst ist nicht alles wie immer. Wenn die Krise sich verschärft, kann er seinen Hauskredit nicht abbezahlen. Seine Mitarbeiter müssen inzwischen mehr arbeiten - bei gleichem Gehalt. Die Urlauber aber sollen keine Krisenstimmung spüren. An der Bar am Pool stehen weiterhin die Markenschnäpse: Metaxa, Campari. „Kein Fusel“, wie eine Urlauberin sagt.

Wenn die Touristen doch unzufrieden sind, wenn sie wissen wollen, wie warm es morgen wird oder aus welcher Region das Schweinefleisch kommt, dann fragen sie Vangelis Gerasis. Er ist immer greifbar, hat außer donnerstags täglich Dienst. „Ich muss wissen, wer in Ruhe gelassen werden will“, sagt Vangelis, „und ich muss mit denen umgehen können, die im Volleyball den dicken Max spielen.“

Der dicke Max heißt am Pfingstwochenende Marco und ist etwa einen halben Meter zu klein für sein breites Kreuz. Marco kommentiert jeden Spielzug und sagt über die älteren französischen Damen, die am Spielfeld entlanglaufen: „Jetzt kommen die Fans.“ Stefan aus dem anderen Team setzt noch einen drauf: „Die Ultras.“ Stefan ist von vorn braun und von hinten rot, weswegen seine Haut mit einem weißen Sonnencremefilm überzogen ist. Als er mit dem Rücken in den Sand fällt, sagt Vangelis: „Da paniert der sich.“ Ein Lacher.

Im Hotel wohnen viele Deutsche, aber auch viele Franzosen. Und weil die Deutschen immer mit den Deutschen und die Franzosen nur mit den Franzosen zusammenspielen wollen, schreitet Vangelis ein. Er holt Lose aus seiner Tasche: Nur der Zufall soll bestimmen, wer mit wem zusammen auf dem Feld steht. Die Urlauber seien übertrieben ehrgeizig, sagt Vangelis, und würden schnell mal streiten, wenn sie als Ländermannschaften kämpften. Schließlich geht es um etwas: „For the winner we have diploma, for the loser we have Ouzo.“

„Die brauchen sich nicht wundern, wenn keiner mehr kommt“

Beim Cocktail-Spiel um zwölf Uhr soll der dicke Max alias Marco mit einer Gabel die Kartoffel fangen, die eine Animateurin ihm zuwirft. Marco ist ein geschickter Kartoffelfänger, er spießt zwei Stück auf und zieht gemeinsam mit „der Jess und dem Olaf“ in die Endrunde ein. Vangelis nennt ihn einen echten „Kartoffelhelden“, und Wiebe, ein anderer Animateur, startet mit den sieben Mitspielern eine La Ola nach der anderen. Am Ende hält Marco im Feinripphemd die aufgespießte Kartoffel wie eine Trophäe in die Höhe. Dann legen sich die Urlauber zurück auf ihre Liegen am „Action-Pool“.

Nur Vangelis ist sauer auf seinen Kollegen Wiebe. Der hätte während des Spiels die Kartoffelreste aufsammeln sollen. Stattdessen hat er die Teilnehmer zu La Olas angespornt. So musste eine Kollegin die Kartoffelreste aufheben und konnte Vangelis’ Ansagen nicht übersetzen. Was nach Kindergeburtstagsstreitereien klingt, ist im „Kosta Mare Palace“ von quasi nationaler Bedeutung. Vangelis nämlich spricht nur Deutsch und Englisch, seine Kollegen, die aus Belgien und Frankreich kommen, müssen ins Französische übersetzen. Tun sie das nicht, sind die Franzosen verärgert.

Griechenland braucht die Franzosen, es braucht die Deutschen und alle anderen Touristen noch mehr als sonst. Auch die Reiseveranstalter mühen sich, Urlauber nach Kreta oder Rhodos zu locken. Sie bekommen Anfragen von besorgten Europäern, die wissen wollen, was passiert, wenn das Land auf Drachme umstellt. Für diesen Fall, verkündete die TUI im Mai, sollten zumindest die Selbstversorger etwas mehr Bargeld mitnehmen. Könnte sein, dass die Lebensmittel knapp werden.

“So ein Quatsch“, sagt Ralph Gismann. „Die brauchen sich nicht wundern, wenn keiner mehr herkommt.“ Er liegt mit seinem iPad am Strand von Kreta. Gismann liest regelmäßig, was die deutschen und die österreichischen Medien über das Land schreiben, in dem er seit Jahren lebt und arbeitet. Er ist Österreicher und hat eine Animationsagentur gegründet. Neben Vangelis beschäftigt er achtzig Animateure auf Kreta.

„Ich weiß, dass ich gut aussehe“

Gismanns Freundin, die schwanger war, ist vor mehr als zwanzig Jahren tödlich verunglückt. Er wollte danach nicht mehr in Österreich leben. Inzwischen ist er so etwas wie ein strenger, freundlicher Patenonkel für seine Mitarbeiter. Gismann kontrolliert ihre Zimmer, erwartet Loyalität und vor allem, dass sie pünktlich sind. Um neun Uhr müssen die Animateure in ihren roten Shirts bei den Gästen am Frühstückstisch sitzen. Eine Stunde später beginnen die „Aktivitäten“. Bis exakt Mitternacht ist der Tag durchgetaktet; selbst das lockere Gespräch mit den Gästen nach der Abendshow wird ihnen vorgeschrieben. Gute Animateure erkenne er daran, sagt Gismann, dass sie auch privat reflexhaft jeden grüßten, der sie länger als drei Sekunden ansehe.

Nach diesen Kriterien ist Vangelis Gerasis ein guter Animateur. Er spricht mit den älteren Gästen, merkt sich ihre Vornamen. Die Jüngeren mögen ihn, weil er sportlich ist und gute Volleyball-Aufschläge macht, und die Mädchen mögen ihn, weil er gut aussieht: Rehaugen, dunkle Haare, gepflegte Fingernägel, braune Haut.

“Ich weiß, dass ich gut aussehe“, sagt Vangelis. In seiner ersten Saison als Animateur habe er „ordentlich die Sau rausgelassen“. Eines der Mädchen, mit denen er eine Affäre hatte, kam innerhalb eines Sommers drei Mal nach Kreta. Dummerweise hatte Vangelis keine Lust, ihr dauerhafter Urlaubsflirt zu sein. Sie wurde zickig, sein Chef Gismann rastete aus. Der nämlich will nicht, dass sich Animateure auf Urlauber einlassen - und wenn doch, dann müssten sie sich um diese Urlauber kümmern, solange sie da sind. Vielleicht schreiben die verlassenen Mädchen später negative Hotelbewertungen in Internetportalen. Vangelis kennt solche Einträge, sie ärgern ihn.

Marcel Müller, Annett Teichelmann, Melanie Lisson und Mathias Dreibrodt-Lisson werden in den kommenden Tagen auch eine negative Bewertung schreiben. Sie haben es Vangelis schon angekündigt. Die beiden Magedeburger Familien mögen Pauschalreisen, sie lieben das Animationsprogramm in Clubhotels. Auf Kreta finden sie es „dramatisch“, wie sie sagen. Die Putzfrau lasse die Balkontür immer offen. Beim Essen dürften sie die Tische nicht zusammenrücken. Die Musik am Pool sei viel zu leise und die Steinplatten im Meer machten es unmöglich, dort zu schwimmen. „Können sich die Hotels nicht mal zusammentun und eine Firma engagieren, die im Meer ein bisschen rumbaggert?“, fragt Marcel Müller. „In Ägypten geht’s doch auch!“

Zur Parlamentswahl will Vangelis nicht gehen

Die Animateure, das seien „ganz nette, höfliche Leute“, aber das Programm, das sie böten, sei wiederum „dramatisch“. Auf Fuerteventura habe man die Kinder länger abgeben können. Das Urteil fällt entsprechend hart aus: „Die wollen uns als Deutsche nicht haben. Wir haben das Gefühl, dass die Franzosen bevorzugt werden.“

Vangelis hört sich das an, aber er kann für die Magdeburger nichts tun. Sein Chef verlangt „Soft-Animation“ von ihm. Er soll nicht mit der Pfeife zwischen den Liegen herumtigern, er soll sich nicht aufdrängen. Und natürlich will er die Franzosen nicht bevorzugen; er wüsste auch nicht, wie, weil er sie noch nicht einmal versteht. Die Deutschen aber fahren mit der Angst nach Griechenland, dass die antideutsche Stimmung doch bis ins Urlaubsgebiet geschwappt sein könnte. Und wenn ihnen etwas nicht gefällt, dann beziehen sie es im Zweifel darauf, dass sie sich als Sparnation Europas kollektiv unbeliebt gemacht haben.

Dazwischen steht Vangelis Gerasis, der Deutschland als seine Heimat sieht und trotzdem froh ist, griechischer Staatsbürger zu sein. Am 17. Juni ist Parlamentswahl in Griechenland. Vangelis wird seine Stimme nicht abgeben. Er sagt, dass er von der Politik im Land überhaupt keine Ahnung habe. Es ist sein dritter Sommer in Griechenland, es ist auch der dritte Krisensommer. Er will davon nicht viel mitbekommen. Er will nur ein guter Animateur sein.

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