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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Unwort des Jahres Jury kürt „notleidende Banken“

 ·  Den Schöpfer des Begriffs „Notleidende Banken“, der zum „Unwort des Jahres 2008“ gewählt wurde, kennt niemand. Trotz intensiver Fahndung konnte die Unwort-Jury den Untäter noch nicht ausfindig machen. Der Frevler zittert schon vor der Entdeckung.

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„Notleidende Banken“ – irgendwo in der Tiefe des deutschsprachigen Raumes sitzt der Schöpfer dieses Wortes. Niemand kennt ihn. Seit dem Dienstag zittert er vor der Entdeckung, denn eine Jury aus Sprachwissenschaftlern und Journalisten hat „notleidende Banken“ zum Unwort des Jahres 2008 ausgerufen. Den Untäter ausfindig machen konnte sie nicht, trotz intensiver Fahndung.

Aber immerhin hielt der Sprecher der Unwort-Jury, der emeritierte Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser, dem unbekannten Frevler die Schandtat in flammender Volksrede vor: „Während die Volkswirtschaften in ärgste Bedrängnis geraten und die Steuerzahler Milliardenkredite mittragen müssen, werden die Banken mit ihrer Finanzpolitik, durch die die Krise verursacht wurde, zu Opfern stilisiert.“ Der Begriff stelle „das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise rundweg auf den Kopf“.

Den Kredit auf die (lange) Bank geschoben

Jawoll, das war jetzt mal nötig, rufen wir im ersten gerechten Zorn mit unserer vox populi. Aber der Volkszorn ist bald verraucht, und noch während wir die Jury mit Herz und Bauch loben und preisen, schießt uns aus der Tiefe des inneren Sprachraums der Zweifel durch den kühlen Kopf: Das wäre jetzt aber nicht nötig gewesen! Denn kann es nicht sein, dass es den Unwort-Bösewicht gar nicht gibt? Dass vielmehr viele harmlose Sprachverwender den Wirtschaftsfachbegriff „notleidende Kredite“ recht griffig auf die ganze Bank geschoben haben?

Kredite, so die Definition, werden notleidend, wenn Zinsen oder Kapital bei Fälligkeit nicht fristgerecht bezahlt werden können. Und Banken, die zu viele solcher Kredite ausgegeben haben, werden dann auch notleidend. Leute vom Fach meiden die griffige Übertragung. Aber auch der multiple Laienschöpfer der „notleidenden Bank“ weiß gewiss, dass diese technische „Not“ nicht in eins gesetzt werden darf mit realer Not, mit dem Elend der Notleidenden dieser Welt.

Die Unwort-Jury unterstellt dennoch ohne Not Volksverdummung aus niedrigen Beweggründen, fingiert populistisch eine Übeltat und spielt den Lichtbringer für die Verdammten dieser Erde. Mal sehen, was sprachkritisch passiert, wenn demnächst die ersten Länder notleidende Kredite in einer „bad bank“ sammeln – einer „schlechten Bank“.

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Jahrgang 1951, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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