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„Unwort des Jahres“ : Der gute alte Gutmensch ist zurück

  • -Aktualisiert am

Freiwillige Flüchtlingshelfer, wie hier im Herbst 2015 beim Sortieren von Kleiderspenden in Dortmund, gelten einigen als naive „Gutmenschen“. Den Begriff gab es aber schon lange vor der derzeitigen Flüchtlingskrise. Bild: dpa

„Gutmensch“ ist das Unwort des Jahres 2015. Etwas spät, könnte man meinen, war es 2011 doch schon auf Platz zwei. Doch siehe da: Vor 22 Jahren erschien ein satirisches Buch zum Gutmenschen und seiner Sprache.

          Kann denn das noch Zufall sein? Zwischen den Jahren beim Kruschen in Bücherkisten ein „Wörterbuch des Gutmenschen“ von 1994 aus dem Keller gerettet, nostalgisch gelächelt – und am Dienstag erfahren, dass „Gutmensch“ das Unwort des Jahres 2015 ist. Man könnte glauben, dass Sprachkritik sich wiederholt.

          In der Debatte über Flüchtlinge diffamiere der Begriff „Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischen Imperialismus“, sagte die Sprecherin der Unwort-Jury, die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich, am Dienstag in Darmstadt. „Als ‚Gutmenschen‘ wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen.“

          „Gutmensch“ kam 2011 bei der Wahl des Unworts schon einmal auf Platz zwei. Das Schlagwort sei aber „im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsthema im vergangenen Jahr besonders prominent geworden“, sagte Janich. „Gutmensch“ ist das 25. gewählte Unwort – die vom Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser begründete sprachkritische Aktion mit einer Jury von Fachleuten gibt es seit 1991.

          Ein Dutzend Bücher zum „Gutmenschen“

          Das 22 Jahre alte „Wörterbuch des Gutmenschen“, herausgegeben von Klaus Bittermann und Gerhard Henschel, trug den Untertitel „Zur Kritik der moralisch korrekten Schaumsprache“, kam aus der satirischen Ecke der „Neuen Frankfurter Schule“ und schlug den politisch linken Mitstreitern ihre Floskeln um die Ohren. „Wut und Trauer“ zählte dazu, „Politikverdrossenheit“, „verkrustete Strukturen aufbrechen“, „die Mauer im Kopf einreißen“, „Streitkultur“, „Querdenker“, „Menschlichkeit“, „Mein Freund ist Ausländer“.

          Der zweite Band kam ein Jahr später heraus, nun mit Wiglaf Droste als Herausgeber neben Bittermann, Untertitel: „Zur Kritik von Plapperjargon und Gesinnungssprache“. Wieder zogen die linken Autoren munter und amüsant gegen Gutmenschenbegriffe vom Leder, gegen „aufrechter Gang“ und „Vergangenheitsbewältigung“, gegen „Befindlichkeit“ und „nicht den Rechten überlassen“.

          Dem Wörterbuch folgten bis heute gut ein Dutzend Bücher zum „Gutmenschen“ und der ihm eigenen politischen Korrektheit, die meisten allerdings nicht mehr aus linker Innenansicht, sondern aus rechter Perspektive, oft mit ordentlich Häme. Und wer dachte, das Prügeln des Gutmenschen sei jetzt allmählich vergangenheitsbewältigt, den reißen die Darmstädter Sprachforscher mit dem frischen Unwort noch einmal in alte Zeiten. Aus denen ragen aber auch noch reichlich Gutmenschenwörter in die Gegenwart. Auch den Gutmenschenprüglern sind sie unter der Hand ins Vokabular gerutscht, zum Beispiel auch „Glaubwürdigkeit“ und „Betroffenheit“.

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