13.01.2012 · Der deutsche Vorentscheid zum „Eurovision Song Contest“ ist die freundlichste, menschlichste und damit ungewöhnlichste Castingshow im deutschen Fernsehen. Aber sie kommt so brav daher, dass es an Langeweile grenzt.
Von Peter-Philipp SchmittThomas D. hatte schon im Vorfeld geklagt, er habe sich beim Casting 150 Cover-Versionen von „Rolling In The Deep“ anhören müssen. Der Adele-Hit war der Hit unter den rund 2800 Bewerbern für „Unser Star für Baku“ (USFB). Und ja, einige machten ihre Sache offenbar auch ganz gut. „Aber Leute: Wir reden hier von Adele, einer der besten Sängerinnen der Welt.“
Da hat der Frontmann der Fantastischen Vier, der selbst zwar rappen und hiphoppen, aber nicht wirklich gut singen kann, sicherlich recht. Und genau das ist das Problem von allen Castingshows. Das Original bekommt man einfach nicht aus dem Kopf. Erst recht nicht, wenn die Kopie auch noch wesentlich schlechter ist.
Am Donnerstagabend wagte sich beim deutschen Vorentscheid zum „Eurovision Song Contest“ (ESC) zwar keiner der zehn Kandidaten an Adeles Megahit, doch ansonsten gab es viel Zeitgenössisches zu hören: darunter eine Amy Winehouse, eine Lilly Allen, eine Kelly Clarkson, einen Justin Timberlake und einen Usher sowie eine Bruno Mars. Das immerhin war anders, eine junge Frau sang das Lied eines Manns. Insgesamt war das nett, unterhaltsam war es nur bedingt.
Die freundlichste, menschlichste und damit ungewöhnlichste Castingshow im deutschen Fernsehen kommt so brav daher, dass es an Langeweile grenzt. Die ständigen Werbeunterbrechungen bei Pro Sieben machen es nicht besser, und wenn dadurch die Show auch noch um mehr als 20 Minuten überzogen wird, wenn aus 90 am Ende 110 Minuten werden, wird es für den Zuschauer geradezu unerträglich.
Das Echtzeit-Voting machte es immerhin ein bisschen spannender, spannender als vor zwei Jahren allemal. Damals wurde „Unser Star für Oslo“ gesucht, die Zuschauer konnten erst zum Schluss der Sendung für ihren jeweiligen Favoriten anrufen. Vor vier Wochen hatte Stefan Raab (wer sonst?) die, wie er findet, geniale Idee, dass das Publikum doch die ganze Zeit über seine Stimme abgeben könnte, die Rangfolge wird ständig aktualisiert und eingeblendet („Jede Sekunde zählt!“). Die Idee hat den schönen Nebeneffekt, dass Pro Sieben mehr Geld verdienen kann. Denn ein Anruf aus dem deutschen Festnetz sowie SMS kosten 50 Cent, bei mobilen Anrufen sind die Kosten sogar noch höher.
Raab nennt seine Idee „sportlich“, auch weil er sie aus dem Sport abgekupfert hat und sie so etwas ähnliches wie die „Blitztabelle“ im Fußball darstellt. Statt gekickt wird gesungen. Das allein wird aber auch bei USFB nicht bewertet. Es geht genauso um den Augenschein, um Sympathie. Und so kam es, dass der junge Mann, der als Letzter antreten musste, sich trotzdem fast eine Stunde lang zu den besten fünf zählen durfte.
Die Sympathietabelle gab es so vor: Der Berliner Rotschopf Katja Petri musste als erstes singen, weil sie sich nach der kurzen Vorstellungsrunde der Kandidaten abgeschlagen auf Platz zehn wiederfand. Roman Lob, der Industriemechaniker aus Neustadt/Wied, war hingegen beim Publikum spontan beliebt und sofort die Nummer eins.
Katja Petris kaum wieder zu erkennende Version des Bruno Mars’ Songs „Marry You“ ließ sie dann aber geschwind nach oben vorstoßen. Das Lied war kaum verklungen, und schon lag die Vierundzwanzigjährige auf dem ersten Platz. Die nun folgenden Urteile der Jury – „großartig“ und „wunderschön“, „fehlerfrei“ und „wie Du das aus dem Dunkel heraus mit einem Lächeln gemeistert hast“ – katapultierten ihre Prozentzahlen noch weiter in die Höhe: 15 Prozent, 16 Prozent, 18,4 Prozent.
Ein paar Sätze von ihr hinter der Bühne, in denen sie von ihren gigantischen Klickzahlen bei Youtube für ihre Coverversion von Milows „You And Me“ berichtete, und dass der belgische Sänger ihr Video sogar mit seiner Internetseite verknüpft habe, führte sie auf 19,8 Prozent. Ihren ersten Rang verlor sie erst eine Viertelstunde später, nachdem Jan Verweij und Leonie Burgmer gesungen hatten. Allerdings nur kurz, dann war sie schon wieder obenauf.
Mehrfach rollten Kandidaten das Feld von hinten auf. Keiner allerdings so schnell wie der Letzte des Abends, Roman Lob. Dass nicht alle von der Raabschen Errungenschaft begeistert waren, schon gar nicht die vier, die die meiste Zeit chancenlos auf den Plätzen sieben bis zehn lagen, gab Yasmin Gueroui freimütig zu: Die Tabelle würde sie sich am liebsten wegwünschen.
Am Ende standen sechs Favoriten fast gleichauf an der Spitze, doch nur fünf konnten in die nächste Ausscheidungsshow einziehen. Vier Frauen und Roman Lob, der mit 16 Jahren schon einmal bei „Deutschland sucht den Superstar“ teilnahm, dort aber wegen einer Kehlkopfentzündung vorzeitig ausscheiden musste, kamen weiter. Der ein wenig jandelayhafte Lob, er sang „After Tonight“ von Justin Nozuka, könnte es weit bringen.
Aber auch die 20 Jahre alte Coburgerin Shelly Phillips überzeugte nicht nur die Jury mit „Valerie“ von Amy Winehouse. Thomas D, der neue Jurypräsident, rief überschwenglich: „A star is born“. Und Stefan Raab, der alte Jurypräsident: „Vieles ist Gesang, das war Kunst“. Eine Runde weiter sind auch neben Katja Petri die Barista Céline Huber aus der Schweiz, die für ihre Version von „Beautiful Disaster“ von Kelly Clarkson Szenenapplaus im Studio bekam, und Leonie Burgmer mit ihrem sehr eigenwilligen „Stronger Than Me“, ursprünglich von Amy Winehouse.
Die Aufgaben bei der vom Ersten und von Pro Sieben gemeinsam verantworteten Show wurden zwar neu verteilt, Raab ist aber nicht nur als Produzent von USFB weiterhin die Nummer eins. Er ist der Mann des letzten Wortes, er liebt Sätze, in denen das Personalpronomen „ich“ vorkommt. Seinen ESC-Rückzug auf Raten nehmen ihm allerdings viele übel, wie sich in Internetforen in den vergangenen Tagen nachlesen ließ. Raabs frühsommerliche Ankündigung, einen persönlichen Schlussstrich unter das Kapitel ESC ziehen zu wollen, nahmen viele zu wörtlich. Dass er nun als Juror wieder dabei ist, sieht nach Wortbruch aus.
Allerdings hieß es damals im Mai schon von Seiten der ARD, man würde sich freuen, wenn er „uns auch in Zukunft mit seinem Rat, beispielsweise als Jurymitglied, unterstützt“. Trotzdem sollte Raab aufpassen, dass er nicht zum Ralph Siegel wird. Über den hatte er sich stets lustig gemacht, gerade weil er sich nicht vom ESC lösen kann.
Die Suche nach einem jungen Talent als Vertreter für den ESC ist sein Verdienst, der Erfolg von Lena Meyer-Landrut hat ihm und seinem Konzept recht gegeben. Wer zurückdenkt, wird sich an die zum Teil harsche Kritik vor zwei Jahren an die ersten Sendungen von „Unser Star für Oslo“ erinnern. Auch damals war die Show zu Beginn eher zäh, die Quoten nicht gut, der Unterhaltungswert gering. Damals sollte eine wechselnde Jury, besetzt mit prominenten Künstlern, unter ihnen Marius Müller-Westernhagen, Sarah Connor, Peter Maffay, Nena, Anke Engelke, Jan Delay und Xavier Naidoo, ein wenig Pepp in die Vor- und Zweichenrunden bringen. Nun gibt es eine Jury für alle acht Shows, neben Thomas D und Stefan Raab noch Alina Süggeler, die Sängerin von Frida Gold („Wovon sollen wir träumen“).
Nächsten Donnerstag treten weitere zehn Kandidaten an, wiederum eine Woche später treffen die jeweils beliebtesten fünf der beiden ersten Shows aufeinander. Aus dann acht Favoriten werden sechs, schließlich fünf. Es folgen Viertelfinale (aus fünf werden vier) und Halbfinale (aus vier werden zwei).
Im großen Finale (am 16. Februar im Ersten) wählen die Zuschauer zunächst wie schon vor zwei Jahren das Lied für den ESC Ende Mai in Baku, danach denjenigen, der es in Aserbaidschan singen wird. Viertelfinale und Finale werden vom Ersten übertragen. Dann lohnt es sich auch fürs Publikum, noch öfter für seinen Favoriten anzurufen. Bei der öffentlich-rechtlichen ARD kostet ein Anruf und SMS 14 Cent.
Alles transparent oder was?
Engelbert Kühlwetter (wallibelli)
- 13.01.2012, 13:40 Uhr
"Wir lassen uns das Singen nicht verbiehieten, das Singen nicht und
auch nicht die Musihihik"
Roland Magiera (Roland_M)
- 13.01.2012, 12:26 Uhr
Falsches Konzept
Harald Dechant (H.Dechant)
- 13.01.2012, 10:11 Uhr
Wirtschaftlich genial...
Bernhard Labermeier (LaBernhard)
- 13.01.2012, 09:28 Uhr
Ich hoffe doch,
Christopher Haku (Ulquiorra)
- 13.01.2012, 08:18 Uhr