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In Meerbusch : Aus den Gleisen geschleudert

Mitarbeiter der Bahn bei der Bergung der verunglückten Züge in Meerbusch Bild: dpa

Dem Lokführer der in Meerbusch verunglückten Regionalbahn soll über Funk mündlich die Erlaubnis zur Weiterfahrt erteilt worden sein, obwohl sein Streckensignal auf Halt stand. An der Strecke kommt jetzt ein „schwerer Notfallkran“ zum Einsatz.

          Es war gegen 19.30 Uhr am Dienstagabend, als einige Anwohner in Osterath einen lauten Knall und nur wenige Minuten später Martinshörner hörten. In Windeseile sprach sich in dem Stadtteil von Meerbusch herum, dass auf der Bahnlinie Krefeld–Köln ein Regionalexpress auf einen Güterzug aufgefahren war. Von einem schweren Unglück, womöglich mit Toten war die Rede. Die ersten Rettungskräfte waren schnell am Bahndamm. Doch die eigentliche Unfallstelle fanden sie nicht sofort. Die Feuerwehrleute sahen zunächst nur den langen Güterzug, der auf der Nebenstrecke von Dillingen nach Rotterdam unterwegs war und nun kurz vor dem Bahnhof Osterath stand. Dann endlich erreichten erste Retter die Stelle, an der sich der moderne weiße Triebwagen des privaten Betreibers National Express in einen Güterwagen gebohrt hatte.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Mit der Rettung der Passagiere aus dem Regionalexpress konnten die Feuerwehrleute allerdings nicht beginnen. „Denn bei dem Aufprall war die Oberleitung abgerissen worden, sie lag auf dem Boden“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr Meerbusch am Mittwoch. In solchen Fällen müssten die Einsatzkräfte zu ihrer eigenen Sicherheit, aber auch zur Sicherheit der Passagiere warten, bis Spezialisten der Deutschen Bahn kommen, um die Gefahr zu bannen. Gleichwohl habe man sich schnell einen Überblick über den Zustand der Reisenden machen können. Zum einen seien bei dem Aufprall einige Fenster kaputtgegangen, zum anderen habe der Lokführer Türen des Zuges öffnen können, man habe also mit den Insassen sprechen können und auch erfahren, dass es keine Todesopfer gebe und niemand in Lebensgefahr schwebe. Klar war aber auch, dass sich mehrere Dutzend Passagiere verletzt hatten.

          Zugunglück in Meerbusch : Experten: Personenzug war auf falschem Gleisabschnitt

          Wie viele Passagiere bei dem Unglück verletzt wurden, blieb selbst dann noch unklar, als am späten Dienstagabend endlich der letzte Reisende aus dem Zug geborgen war. Zunächst hieß es, von den insgesamt 150 Reisenden seien 50 verletzt, dann war von 41 Verletzten und neun Schwerverletzten die Rede. Immer wieder machten die für die Bahnanlagen zuständige Bundespolizei und die Meerbuscher Feuerwehr unterschiedliche Angaben. Erst am Mittwochvormittag stand dann fest, dass im RE7 am Dienstagabend 173 Personen unterwegs waren. Die Zahl der Schwerverletzten gab die Feuerwehr nun mit sieben an.

          Wurde mündlich die Erlaubnis zur Weiterfahrt erteilt?

          Derweil begannen die Bundespolizei und die Bundesstelle für Eisenbahn-Unfalluntersuchungen (BEU) mit den Ermittlungen zur Ursache des Unglücks. Nach Erkenntnissen der BEU hätte der Regionalexpress den entsprechenden Gleisabschnitt zum fraglichen Zeitpunkt nicht befahren dürfen, eben weil sich dort noch der Güterzug befand. Das sei aber ausdrücklich keine Schuldzuweisung an den Triebwagenführer, sagte ein BEU-Sprecher. Es sei noch ungeklärt, warum der Regionalexpress in den Abschnitt fuhr. Durch die Ermittlungen müsse nun geklärt werden, ob ein Signal falsch gestellt war oder vom Triebwagenführer übersehen wurde.

          Mitarbeiter der Bahn bereiten die Bergung der verunglückten Züge vor.
          Mitarbeiter der Bahn bereiten die Bergung der verunglückten Züge vor. : Bild: dpa

          Das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtete am Mittwoch, dass das Zugunglück vermutlich auf einen Fehler der Fahrdienstleitung zurückgeht: In Ermittlerkreisen heiße es, dass dem Lokführer der Regionalbahn über Zugfunk mündlich die Erlaubnis zur Weiterfahrt erteilt worden sei, obwohl sein Streckensignal auf Halt stand. Die Ermittler befassen sich demnach jetzt vor allem mit der Frage, warum der Fahrdienstleiter die vom Güterzug besetzte Strecke freigab. 

          Ungeklärt ist auch noch, warum der Güterzug auf freier Strecke einen Halt eingelegt hatte. Entscheidende Informationen erhoffen sich die Ermittler von den Fahrtenschreibern der beiden Züge, sowie durch die Auswertung von Daten der zuständigen Stellwerke und des aufgezeichneten Bahnfunkverkehrs.

          Fahrgäste des RE7 berichteten, der Triebwagen habe am Dienstagabend einige Minuten vor dem Aufprall auf freier Strecke gehalten – wegen eines vorausfahrenden Zuges, habe es in einer Durchsage geheißen. Dann sei der Zug aber wieder angefahren, um kurz darauf scharf zu bremsen. Nach bisherigen Erkenntnissen sah der Triebwagenführer den Güterzug, der immer noch auf dem Gleisabschnitt stand und verhinderte mit seiner Vollbremsung, dass es zu einem noch schlimmeren Unglück kam. Der Triebwagenführer soll nach Zeugenberichten kurz vor dem Aufprall noch Warnungen in den direkt hinter seinem Führerstand liegenden Waggon gerufen haben. Der Aufprall war dann trotz Notbremsung noch so stark, dass die letzten beiden Waggons des Güterzugs aus den Gleisen geschleudert wurden.

          Die Deutsche Bahn konnte unterdessen mit der Bergung der beiden Züge beginnen. Dabei kam, wie das Unternehmen mitteilte, ein „schwerer Notfallkran“ zum Einsatz. Erst wenn die Züge fortgeschafft seien, lasse sich beurteilen, wie hoch der Schaden ist, der am Gleiskörper und an der Oberleitung entstanden ist. Probleme bereite auch bei der Bergung der Züge wieder die herunterhängende Oberleitung.

          Quelle: F.A.Z.

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