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Aktualisiert: 15.06.2017, 17:07 Uhr

Brennendes Haus in London Wie schützt man Bewohner von Hochhäusern vor Feuer?

Hochhäuser sind eine besondere Herausforderung für den Brandschutz. Lösch- und Rettungsarbeiten sind ungleich schwieriger als bei anderen Immobilien. In London mangelte es offenbar an ganz grundsätzlichen Vorkehrungen.

von Peter Thomas
© AP Schockierte Anwohnerin: Augenzeugen berichteten in der Nacht auf Twitter von Schreien, Menschen seien aus dem brennenden Gebäude gesprungen.

Je höher ein Gebäude ist, desto größer werden die Risiken bei einem Brand: Es sind sofort sehr viele Personen betroffen, die Fluchtwege sind lang und gefährlich. Gleichzeitig steigen die Herausforderungen für die Feuerwehr: Weder Standard-Drehleiter noch übliche Pumpen reichen aus. Entsprechend hoch sind die Ansprüche des vorbeugenden Brandschutzes, bestehend aus Technik, baulichen Maßnahmen und Organisation.

Das verheerende Feuer im Londoner Grenfell Tower führt drastisch vor Augen, wie wichtig diese Vorkehrungen sind: Auch wenn noch nicht genau feststeht, wie das Feuer ausgelöst wurde und warum es so schnell zum Vollbrand des Gebäudes kam, fokussiert sich die Kritik immer stärker auf zwei Bereiche. Die bei Sanierungsarbeiten von 2014 bis 2016 ausgeführte Fassadendämmung mit Elementen aus Aluminium und Kunststoffkern wird dafür verantwortlich gemacht, dass sich das Feuer so schnell an der Fassade entlang ausbreiten konnte. Außerdem wird auf die unzureichende Ausrüstung des Wohnhochhauses verwiesen, das wegen seines Baujahrs 1974 weder über eine Sprinkleranlage noch über zwei baulich unabhängige Sicherheitstreppenhäuser als Fluchtwege verfügte. Dabei hatte die London Fire Brigade (LFB) nach einem Brand eines anderen Hochhauses dem Betreiber des Grenfell Tower auferlegt, die Brandsicherheit auch im Fluchttreppenhaus zu verbessern.

© AP, reuters Tote und Verletzte bei Hochhausbrand in London

Als möglicher Auslöser für das Feuer wird ein defekter Kühlschrank im vierten Stockwerk genannt. Seit 2011 hatte die Feuerwehr der britischen Hauptstadt fast täglich einen Löscheinsatz, der durch den Brand eines Haushaltsgerätes ausgelöst wurde. Deshalb forderte die LFB die Bevölkerung auf, sensibler auf Schäden an der sogenannten Weißen Ware wie Wäschetrockner und Kühlschrank zu reagieren.

In 15 Minuten brannte das ganze Gebäude

Eigentlich sollte jedoch die bauliche Ausführung eines Hochhauses verhindern, dass sich ein Feuer derart schnell ausbreitet: Angeblich soll sich das Feuer in 15 Minuten über die ganze Höhe des Gebäudes gefressen haben, nachdem die Flammen im vierten Geschoss nach außen gedrungen waren. Die erst 2016 ausgeführte Dämmung der Fassade besteht aus Sandwich-Elementen, Aluminiumblechen mit einem – für sich genommen, brennbaren – Kern aus Polyethylen (PE). Werden die Paneele zwischen den Stockwerken nicht sorgfältig durch Brandriegel aus nicht brennbarem Material abgeteilt, kann die Dämmung das Feuer über die gesamte Fassade hinweg verteilen. Unterstützt wird der Effekt durch den Spalt hinter den Elementen, der einer Hinterlüftung dienen soll, um Feuchtschäden zu verhindern. Bei dem Großfeuer könnte er aber durch den Kamineffekt die Ausbreitung beschleunigt haben.

Hochhaus geht in Flammen auf Die Fassade des Hochhauses ist komplett verkohlt. © EPA/REX/Shutterstock Bilderstrecke 

Das Brandrisiko von Wärmedämmungen wird auch in Deutschland intensiv diskutiert – vor allem Wärmedämmverbundsysteme (WDV) mit Kern aus expandiertem Polystyrol (EPS). Solche Platten haben immer wieder schwere Gebäudebrände befördert. „Fassaden können wie Fackeln abbrennen, und der Brand ist für die Feuerwehr kaum noch beherrschbar“, sagte der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries 2012 nach einem Brand der Dämmung eines sechsstöckigen Hauses.

Brandriegel aus Steinwolle sollen die Ausbreitung des Feuers in der Dämmung eigentlich verhindern. Aber noch 2014 hat eine Arbeitsgruppe im Auftrag der deutschen Bauministerkonferenz festgestellt, dass ein starkes Feuer am Boden, beispielsweise eine brennende Mülltonne, die Dämmplatten nach wie vor entzünden kann. Dass EPS derzeit nach wie vor als „schwer entflammbar“ gilt, beruht auf der Annahme eines sachgerechten Einbaus mit sämtlichen dafür vorgeschriebenen baulichen Sicherheitsmaßnahmen.

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