Wer am Sonntag in Peking ein Freibad besuchte, konnte kaum glauben, wie versessen die Menschen auf das Wasser waren – nachdem ihre Stadt am Tag zuvor unter den heftigsten Regenfällen seit sechs Jahrzehnten gelitten hatte. Doch am Sonntag zeigte sich über der Hauptstadt wieder ein strahlend blauer Himmel mit Schönwetterwolken, leichtem Wind und Sommerhitze, in der jede Abkühlung wohltat. Noch etwas anderes trieb die Familien in die Cafés, in die Ruderboote oder Wasserrutschen der Freizeitparks: Die Feinstaubwerte waren so niedrig wie lange nicht, als hätten die schweren Niederschläge die Luft gewaschen.
Am Samstag war mehr Regen gefallen als an jedem anderen Tag seit Beginn der Aufzeichnungen 1951. Schon gegen Mittag verdunkelten die Wolken die Stadt so sehr, dass die Autos mit Licht fahren mussten. Es regnete fast den ganzen Tag und die ganze Nacht. Nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua gingen über Peking am Samstag im Durchschnitt 163 Millimeter Niederschlag nieder. Im Außenbezirk Fangshan waren es sogar 360 Millimeter und damit mehr als beim Elbehochwasser 2002 in Deutschland.
Mindestens 37 Tote
Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete von mindestens 37 Toten. Im ländlichen Tongzhou-Distrikt, der noch zu Peking gehört, seien zwei Personen unter einem einstürzenden Dach begraben, eine weitere vom Blitz erschlagen worden. In Fangshan habe eine heruntergefallene elektrische Leitung einen Mann tödlich verletzt, als er eine Gruppe Eingeschlossener befreien wollte.
Der Fernsehsender CNTV meldete, 14 000 Personen hätten in Sicherheit gebracht werden müssen, 100 000 Hilfskräfte seien im Einsatz gewesen. Der Verkehr kam am Samstag weitgehend zum Erliegen. Straßen waren überflutet, die Untergrundbahn musste zeitweilig den Betrieb einstellen. Rund 240 Flüge am zweitgrößten Flughafen der Welt fielen aus, 270 waren verspätet. Viele Keller in der Metropole mit 19 Millionen Einwohnern standen noch am Sonntag unter Wasser.
Eigentlich ist die Region sehr trocken
Nordchina zählt eigentlich zu den trockensten Regionen des Landes. Je Einwohner steht nur ein Fünftel des durchschnittlichen Wasservorkommens in China zur Verfügung, in Peking sogar nur ein Siebtel. Nach Angaben eines EU-Wasserprojektes in Wuhan ist das Oberflächenwasser im Großraum Peking weitgehend aufgebraucht, der Grundwasserspiegel sinke jedes Jahr um einen Meter.
Die befürchtete Versalzung der verbliebenen Ressourcen hätte gefährliche Folgen, da in der Region fast ein Drittel der Landwirtschaft vom Grundwasser abhängt. Um die Versorgung sicherzustellen, entsteht derzeit ein mehr als 1400 Kilometer langes Kanal- und Röhrensystem, das Peking mit dem Einzugsgebiet des Jangtse-Flusses verbinden soll. Das sogenannte Süd-Nord-Wasserverteilungsprojekt ist das größte Infrastrukturvorhaben der Welt und kostet 420 Milliarden Yuan (55 Milliarden Euro).