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Gestrandeter Frachter : Warum konnte die „Glory Amsterdam“ nicht gerettet werden?

Neue Touristenattraktion: Die „Glory Amsterdam“ steckt wenige Hundert Meter vor dem Strand von Langeoog fest. Bild: HANDOUT/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Deutschland leistet sich seit vielen Jahren eine teure Bereitschaftsflotte von Hochseeschleppern. Trotzdem droht jetzt eine Umweltkatastrophe, weil ein Frachter vor Langeoog gestrandet ist. Die Behörden müssen Antworten auf unangenehme Fragen finden.

          Es war eine Katastrophe mit Ansage: Den ganzen Sonntag lang trieb der 225 Meter lange und 32 Meter breite Massengutfrachter „Glory Amsterdam“ von seiner Ankerposition in der deutschen Bucht auf die ostfriesischen Küste zu – und strandete schließlich 2,2 Kilometer vor der Insel Langeoog. Seitdem sitzt das riesige Schiff dort mitsamt seiner 22-köpfigen Besatzung fest. Bisher ist nicht absehbar, wie, wann und ob es das mittlerweile zuständige Bergungsunternehmen aus den Niederlanden überhaupt schafft, den Frachter wieder ins offene Meer zu ziehen: Am Montagnachmittag erklärte eine Sprecherin des Havariekommandos, das mit dem Bergungsunternehmen zusammen arbeitet, dass der Wasserstand rund um das Schiff so niedrig sei, dass die Schlepper dort nicht wie eigentlich geplant arbeiten könnten. Ein Schleppversuch mit dem Abendhochwasser gegen 19.30 Uhr sei nicht mehr vorgesehen.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Und auch am Dienstagmorgen gab es schlechte Nachrichten: Es werde es nach jetzigem Stand keinen Schleppversuch im Laufe des Tages geben, hieß es im Havariekommando. Das Bergungsunternehmen müsse erst eigene Schlepper anfordern, möglicherweise aus den Niederlanden. „Die staatlichen Schlepper dürfen nur in einer absoluten Gefahrensituation zum Einsatz kommen.“ Die sei jetzt nicht mehr gegeben. Wann ein Schleppversuch gestartet werden kann, ist damit weiter völlig offen. Damit bleibt die Gefahr bestehen, dass es noch zu einer verheerenden Umweltkatastrophe kommt: Im schlimmsten Fall könnten 1800 Tonnen Schweröl und 140 Tonnen Marinediesel die Strände der Badeinseln und die Vogelrastgebiete verseuchen.

          Wie konnte es so weit kommen? Das 225 Meter lange Frachtschiff hatte sich am Sonntag in der Deutschen Bucht wegen des heftigen Sturms mit bis zu sieben Meter hohen Wellen losgerissen. Es hatte zuvor den Hamburger Hafen verlassen und war in der Nähe von Helgoland auf Reede gegangen. So können Schiffe Hafengebühren sparen. Ein Sprecher der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes erklärte auf Anfrage gegenüber FAZ.NET, dass es nicht üblich sei, eine Tiefwasserreede wegen eines bevorstehenden Sturmes zu sperren. „Dort warten Schiffe ja gerade besseres Wetter ab. Das sind eigentlich schon Stellen, die etwas besser geschützt sind vor dem Wind.“ Trotzdem war der Seegang so heftig, dass zwei Anker das Schiff am Sonntag nicht mehr halten konnten, sagte die Sprecherin des Havariekommandos. Die Maschine des Frachters sei nicht defekt gewesen. Warum die Anker dann nicht eingeholt wurden? „Dann hätte die Gefahr bestanden, dass man gar keine Kontrolle mehr über das Schiff hat.“

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          Die Anker konnten die Glory Amsterdam vor Langeoog nicht halten :

          Das deutsche Notschleppkonzept sieht vor, dass jedes havarierte Schiff innerhalb von zwei Stunden nach Bekanntwerden eines Notfalls von einem Schlepper des Havariekommandos erreicht werden kann. Dafür stehen immer drei Notschlepper in der Nordsee und fünf in der Ostsee bereit. Allein für das Chartern der nicht verwaltungseigenen Schlepper, inklusive Besatzung und Wartung, sind im Bundeshaushalt 2017 laut Verkehrsministerium rund 13,5 Millionen Euro veranschlagt. Nach Angaben des Havariekommandos sind vier der acht Schlepper gechartert. Unterstützt werden die Teams auf den Schiffen durch zwei sogenannte „Boarding Teams“, die im Notfall eine sichere Schleppverbindung zwischen Schlepper und dem havarierten Schiff herstellen sollen. Genau das klappte am Sonntag aber nicht.

          Das Haveriekommando – eine gemeinsame Einrichtung des Bundes und der Küstenländer – übernahm am Sonntag um 9.45 Uhr die Gesamteinsatzleitung. Der Hochseeschlepper Nordic, dessen Bereitschaftsposition knapp 20 Kilometer nördlich von Norderney liegt, erreichte die „Glory Amsterdam“ dann auch lange bevor sie auf Grund lief, schaffte es aber nicht, das Schiff abzuschleppen. Eine Verbindung kam zwar immer wieder zustande, die Schlepptrosse brach aber jedes Mal. Beim Havariekommando hieß es am Montag: „Es wurden genau die für solche Fälle vorgeschriebenen Schleppleinen verwendet, aber sie haben nicht gehalten. Das Wetter war einfach zu extrem.“ Das „Boarding Team“ aus der Nordsee habe es wegen der hohen Wellen überhaupt nicht geschafft, von der Nordic auf das havarierte Schiff überzusetzen, deswegen hätte das Einsatzteam aus der Ostsee per Helikopter auf das Schiff abgeseilt werden müssen.

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