Am Montagnachmittag waren noch keine Todesopfer zu beklagen wie bei den Bränden in der Provinz Alicante, wo zwei Feuerwehrleute ihr Leben verloren. Doch schon jetzt steht fest, dass La Gomera in diesen Tagen die größte Umweltkatastrophe seit vielen Jahrzehnten erlebt. Am Wochenende wurden auf der kleinen Kanareninsel neben Teneriffa mehr als 40 Grad gemessen, und der starke Wind und die extreme Trockenheit ließen die Brände der vergangenen Woche wieder aufflammen. Rund 4000 Hektar Fläche wurden bisher vernichtet. Die Feuer reichen von Vallehermoso im Norden des kaum 400 Quadratkilometer großen Eilands bis nach Valle Gran Rey im Westen. Die Feuerwehr wird von 200 Soldaten unterstützt, und vier Löschflugzeuge sind im Einsatz. Aber die Brände sind bisher nicht unter Kontrolle zu bringen.
La Gomera hat etwa 20000 Einwohner, unter ihnen viele Deutsche, die in den vergangenen Jahrzehnten als Aussteiger, Naturfreunde oder Anhänger alternativer Lebensformen hierhergefunden haben. Es gibt sogar ein kleine deutschsprachige Zeitung – „Erscheinungsweise je nach Bock und Wetterlage“. Die Brände zwangen etwa 5000 „gomeros“, also ein Viertel der Bevölkerung, vorübergehend ihre Häuser zu verlassen. Die Behörden wiesen darauf hin, dass es sich um eine Vorsichtsmaßnahme handele; der starke Rauch erreichte schon die Wohnhäuser in Vallehermoso und Valle Gran Rey. In der Nacht zum Montag ließen sich 900 Menschen in zwei Schiffen auf die Ostseite bringen, in die Hauptstadt San Sebastián de la Gomera. Andere verbrachten die Nacht im Hafen Puerto de Vueltas und bangten um Haus und Gut. Neben der Angst, so berichten spanische Medien, sei in dieser nächtlichen Szenerie große Traurigkeit zu spüren gewesen, besonders bei alten Menschen, die dergleichen noch nie erlebt hatten. Inzwischen durften viele wieder nach Hause zurückkehren. In Valle Gran Rey brannten 30 Wohnhäuser nieder.
Und die Gefahr ist noch nicht gebannt. Der kanarische Minsterpräsident Paulino Rivero bezeichnete die Lage am Montag als „sehr bedenklich“ und die Aussichten als „schlecht“. Starker Wind aus wechselnden Richtungen treibt mit den Flammen sein Spiel, und die Möglichkeiten für Löschfahrzeuge sind begrenzt. La Gomera, die vom Kanaren-Tourismus spät entdeckte Insel, weist bei geringer Ausdehnung Höhenunterschiede von fast 1500 Metern auf. Die Straßen winden sich durch zerklüftetes Gelände, das von sieben großen Tälern durchschnitten ist. Im Grunde geht es immer bergauf oder bergab, stets kurvig, nicht gerade. Mit Geduld und Zähigkeit haben die Bewohner ihre Terrassenfelder angelegt und kultivieren Bananen, Mais oder Süßkartoffeln. Mehr als alles andere aber gibt es kanarische Palmen, rund 100000 Stück.
WWF beklagt mangelnde Schutzmaßnahmen
Im zentralen Hoch- und Herzland der Insel thront der Nationalpark Garajonay, der zehn Prozent des gesamten Territoriums ausmacht. Es ist ein veritabler Urwald aus dem Tertiär, der die Eiszeit überlebt hat. Den Wanderlustigen bietet er unter normalen Wetterbedingungen einen feuchten, farbenprächtigen Dschungel aus Lianen, Riesenfarnen, Erdbeer-, Holunder- und Lorbeerbäumen. Jetzt fressen die Flammen an seinem Nordwestrand und schädigen ein außergewöhnliches Biotop, das bisher noch von keiner Feuersbrunst erreicht wurde. In diesem Sommer sind Palmen und Röhricht so ausgetrocknet, dass sie sich leicht entzünden und in rasender Geschwindigkeit verbrennen. Die Zeitung „El País“ berichtete am Montag, 750 Hektar der gesamten Parkfläche, mehr als 15 Prozent, seien schon vernichtet.
Die spanische Sektion des World Wide Fund for Nature (WWF) kritisierte, es werde nicht genug zum Schutz der spanischen Wälder unternommen. Zwei Drittel der verbrannten Fläche in den 24 Großbränden des laufenden Jahres beträfen geschützte Zonen wie Wälder und Naturparks. Doch kaum ein Zehntel der geschützten Flächen werde sinnvoll beforstet. Dadurch würden Großbrände begünstigt.
Unterdessen haben Löschkräfte in anderen spanischen Regionen die dort wütenden Großbrände zum Teil unter Kontrolle gebracht. Im Naturpark Doñana im Süden des Landes konnte ein Feuer, das 426 Hektar vernichtet hatte, gelöscht und eine schlimmere Katastrophe verhindert werden. Auch Ourense (Galicien) und die Provinz Guadalajara östlich von Madrid kämpfen mit großflächigen Feuersbrünsten, die bisher jeweils zwischen 1000 und 2000 Hektar Grünfläche vernichtet haben. In mehreren Fällen sind die Brände auf Nachlässigkeit und menschliches Versagen zurückzuführen. Allgemein sind die extrem hohen Temperaturen der vergangenen Woche leicht zurückgegangen. Doch in großen Teilen des Landes werden noch um die 30 Grad gemessen.