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Germanwings-Absturz : „Ich wäre so froh, wenn es endlich mal vorbei wäre“

Ort der Trauer: In Le Vernet in der Nähe der Absturzstelle treffen sich an diesem Freitag Angehörige der Opfer. Bild: Reuters

Am zweiten Jahrestag des Germanwings-Absturzes will der Vater des Todespiloten eine Theorie präsentieren, die seinen Sohn entlasten soll. Angehörige sind entsetzt. Ein Anwalt hat bereits eine Vermutung, an welches Szenario die Eltern sich klammern.

          Josef Cercek wird am Freitag in den französischen Alpen stehen und auf seinem Alphorn das Lied „Amazing Grace“ spielen. Zum ersten Mal wird er dabei auf die Stelle blicken können, an der am 24. März 2015 ein Germanwings-Flugzeug mit 150 Menschen an Bord zerschellte. Unter den Opfern war auch seine einzige Tochter. „Ich habe jetzt niemanden mehr“, sagt der Glasmaler aus Dülmen, dessen Tochter eine der umgekommenen Lehrerinnen aus Haltern war.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Im Rahmen der Gedenkfeier in Le Vernet soll auch ein Mahnmal enthüllt werden. Zur gleichen Zeit werden in Berlin Journalisten bei einer Pressekonferenz zusammensitzen, die nicht nur Cercek für „pietätlos“ hält. Schon die Einladung rief Aufregung hervor: Der Vater des Kopiloten Andreas Lubitz, der laut Ermittlungsergebnissen den Absturz herbeigeführt hatte, widersprach darin der „Annahme des dauerdepressiven Kopiloten, der vorsätzlich und geplant in suizidaler Absicht das Flugzeug in den Berg gesteuert haben soll“. Sie seien „der festen Überzeugung, dass dies so nicht richtig ist“.

          Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Düsseldorf widerspricht: Die von Lubitz’ Vater beschriebene Annahme „des dauerdepressiven Kopiloten“ sei so nie von den Ermittlern formuliert worden. „Nach unseren Erkenntnissen wurde eine Depression bei Andreas Lubitz 2009 erfolgreich behandelt“, sagt er. Erst Ende 2014 hätten sich dann wieder Hinweise auf eine psychische Erkrankung gezeigt. „Aber dabei handelte es sich nicht um eine Depression.“ Nähere Angaben will er dazu nicht machen, außer dass man die Krankheit mit Medikamenten hätte behandeln können, die auch gegen Depressionen eingesetzt werden. „Für uns gibt es keinen Zweifel daran, dass ausschließlich der Kopilot für den Absturz verantwortlich ist und ihn bewusst herbeigeführt hat.“ Für alles andere hätten sich trotz intensiver Untersuchungen keine Beweise gefunden. „Auch nicht für vergiftete Kabinenluft.“

          „Das Problem der kontaminierten Kabinenluft existiert“

          Diese Ergänzung ist interessant, da Familie Lubitz den Luftverkehrs-Journalisten Tim van Beveren mit einem Gutachten zu dem Fall beauftragt hat. Er wird es am Freitag persönlich vorstellen. Und van Beveren veröffentlichte seit 2008 für viele renommierte Medienhäuser Artikel und Filme zum Thema „kontaminierte Kabinenluft in Verkehrsflugzeugen“. Seine Rechercheergebnisse stellte er 2011 sogar in einer nicht-öffentlichen Anhörung im Deutschen Bundestag vor. In seiner Stellungnahme hieß es damals: „Das Problem der kontaminierten Kabinenluft existiert und ist bisher nicht abschließend und zufriedenstellend gelöst. Seit mehr als 20 Jahren leugnet die Luftfahrtindustrie einen kausalen Zusammenhang.“

          Wrackteil des Flugzeugs am Absturzort

          Auch nach dem Germanwings-Absturz war er ein gefragter Experte. Ende März 2015 kritisierte er die französische Staatsanwaltschaft, weil die sich zu schnell auf eine Absturz-Ursache festgelegt habe. In einem Radiointerview beschrieb er ein weiteres mögliches Szenario, das man prüfen müsse: Wegen einer fehlerhaften Dichtung könnte Kohlenmonoxid in die Kabine eingetreten sein und zwar „in dem Moment, in dem der Pilot rausgegangen ist“. Der Stoff sei unsichtbar, rieche nicht und führe dazu, dass man innerhalb kürzester Zeit die Besinnung verliere.

          Wie das dazu passen soll, dass Lubitz die Tür von innen verriegelte? „Als Kopilot möchte ich noch ganz schnell die Tür aufmachen, damit mir jemand zur Hilfe kommen kann, und versuche den Schalter umzulegen – der geht aber nicht nach oben sondern nach unten und verriegelt die Tür“, sagte van Beveren. „Und dann sackt mein Körper zusammen – ich sacke mit dem Körper auf den Sidestick, der Airbus nimmt die Nase runter und beginnt zu sinken – in einem Bereich zwischen 2500 und 3500 Fuß pro Minute.“

          „Eigentlich habe ich Mitleid mit den Eltern“

          Die Ermittler schlossen verunreinigte Kabinenluft als Absturzursache später ausdrücklich aus, Anwalt Elmar Giemulla vermutet trotzdem, dass van Beveren am Freitag Ähnliches präsentieren wird: „Er ist ganz wild auf dieses Thema.“ Giemulla vertritt 40 Familien, die bei dem Germanwings-Absturz Angehörige verloren haben. Als er den Namen van Beveren gehört habe, hätten bei ihm gleich die „Alarmglocken“ geklingelt, sagt er. Der Journalist sei ihm zum ersten Mal 1996 begegnet. Damals vertrat Giemulla Angehörige der Opfer des Absturzes einer Boeing 757 vor der Küste der Dominikanischen Republik. Van Beveren erstellte ein Gutachten. „Er hat die Angehörigen völlig verunsichert. Am Ende bekam ich im Zusammenhang mit dem anschließenden Prozess sogar Morddrohungen“, sagt Giemulla. „Van Beveren verbeißt sich immer in ein Thema und blendet dann alles andere aus.“

          Ist der Journalist in seinem Gutachten nun wirklich zu dem Ergebnis gekommen, dass kontaminierte Kabinenluft zu dem Absturz geführt haben könnte? „Kein Kommentar“, sagt van Beveren am Telefon. Auch nicht zu der Einschätzung Giemullas zu seiner Persönlichkeit? „Nein, das ist nicht mein Stil.“ Giemulla werde aber Post von seinem Anwalt bekommen. Warum die Pressekonferenz ausgerechnet am Jahrestag der Katastrophe sein muss? „Kein Kommentar.“

          Josef Cercek sagt: „Eigentlich habe ich Mitleid mit den Eltern. Aber jetzt rühren sie alles wieder auf. Ich wäre so froh, wenn das endlich mal vorbei wäre.“ Sein Anwalt Giemulla ergänzt: „Meine Mandaten stehen den Eltern grundsätzlich solidarisch gegenüber.“ Irgendwann sei dieses Verständnis aber aufgebraucht. Verantwortlich macht er vor allem van Beveren: „Es ist klar, dass die Eltern nach jedem Strohhalm greifen. Wenn ihnen jemand etwas präsentiert, das ihren Sohn angeblich entlastet, glauben sie das nur zu gerne.“ Damit zerstöre er aber den Prozess der psychischen Genesung der Angehörigen.

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