Als Saki Yoshida ihre Eltern am Montag endlich in ihrem Heimatdorf nicht weit entfernt von der Stadt Fukuoka erreicht, ist sie erleichtert. „Uns geht es gut“, berichtet die Mutter der besorgten Tochter in Tokio. „Gestern durften wir zurück in unser Haus.“ Im Hintergrund hört die Tochter durch das Telefon immer noch die Rotoren der Armee-Hubschrauber: „Die bringen weiter Nahrung in die Bergdörfer.“
Hunderte Soldaten arbeiten sich in die Wohngebiete vor, die nach Überflutungen und Erdrutschen von der Außenwelt abgeschnitten sind. Große Teile Kyushus, der südlichsten der japanischen Hauptinseln, waren noch am Montag nach tagelangem Regen überflutet. Und Entwarnung ist noch nicht in Sicht. Zwar lässt der Regen im Norden Kyushus nach, wo am Montag sogar wieder die Sonne schien. Dafür erwarteten die Meteorologen für diesen Dienstag einen kräftigen Taifun im Süden der Insel, der bislang vom Unwetter verschont geblieben ist.
108 Millimeter Regen pro Stunde
Mehr als 250.000 Menschen waren am Wochenende in den nördlichen Präfekturen Kyushus - Fukuoka, Oita und Kumamoto - wegen des starken Regens und der Gefahr von Erdrutschen in Sicherheit gebracht worden. „In der Regenzeit im Juli gibt es auf Kyushu immer wieder kräftige Regenfälle“, sagt Saki Yoshida. Doch so stark wie in diesem Jahr war der Regen noch nie. „Es war wie ein Wasserfall“, sagt ihre Mutter. In Kumamoto, der Stadt, die mit am härtesten vom Unwetter getroffen war, fielen über gut zwei Tage 108 Millimeter Regen stündlich, wie die Meteorologen berichteten. Nach Angaben der Behörden vom Montag kamen 28 Personen bei dem Unwetter ums Leben. Einige werden noch vermisst. Mehr als 3000 Menschen waren in gebirgigen Teilen der Insel noch von der Außenwelt abgeschnitten, weil Schlammlawinen die Straßen blockierten.
Am Montag war nach dem katastrophalen Wochenende das Schlimmste überstanden. Die Aufforderung, die Häuser zu räumen, wurde von den Behörden wieder aufgehoben. „Deswegen bin ich auch wieder zu Hause und kann telefonieren“, sagt Saki Yoshidas Mutter. Auch Strom und Trinkwasser gebe es wieder. Doch die Bilanz der Überflutungen ist schrecklich: 4300 Häuser, 800 Straßen und 20 Brücken wurden nach ersten Zählungen von Starkregen und Erdrutschen zerstört.
Auch einige hundert Kilometer weiter im Norden, auf der Hauptinsel Honshu, regnete es am Montag kräftig. Die alte Kaiserstadt Kyoto, eine der beliebtesten Touristenattraktionen Japans, meldete Niederschläge von 90 Litern pro Quadratmeter. In mehr als 100 Häusern wurden die Keller überflutet.
„Alles weggespült“
Die Aufräumarbeiten auf Kyushu wurden durch die hochsommerlichen Temperaturen von fast 35 Grad und die hohe Luftfeuchtigkeit erschwert. Viele Menschen, vor allem ältere, mussten in Krankenhäuser gebracht werden. In der Stadt Yame, wo der Fluss Yabe über die Ufer trat, wurde unter anderem eine Halle zerstört, die auf der Insel wegen des schönen Ausblicks bei Hochzeitspaaren besonders beliebt war. „Alles weggespült“, klagt der 62 Jahre alte Besitzer Mitsunori Nonaka. „Ich will ja wieder aufbauen“, sagt er, „aber wie?“
Für manchen kam die Rettung durch die Soldaten buchstäblich in letzter Minute. Den 44 Bewohnern eines Altenheims in der Stadt Aso stand das Wasser nach drei Tagen Regen bereits bis zur Hüfte, als die Soldaten endlich kamen. „Es ist wie ein Wunder, dass wir alle entkommen konnten“, berichtete der 69 Jahre alte Toshihiro Aoki der örtlichen Zeitung. Viele der Heimbewohner litten unter Alzheimer, sagte er. Jetzt hätten sie keinen Platz mehr und kämen an den Evakuierungsorten nicht mehr zurecht. Die meisten der Alten sind mittlerweile provisorisch in anderen Pflegeheimen der Region untergekommen. „Es wird dauern, bis wir hier alles wieder hergestellt haben“, sagte der Heimleiter. Gesucht werden auf Kyushu jetzt Freiwillige, die beim Aufräumen helfen.