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Belfast und die Titanic Angedockt ans Schicksal

 ·  Lange schämte sich Belfast der Titanic. Nun feiert die Hafenstadt, die den damals größten und luxuriösesten Transatlantikliner baute, das Jubiäum seines Unterngangs mit voller Fahrt voraus.

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Selbst das Sportgeschäft an der Chichester Road, gegenüber vom Belfaster Rathaus, macht mit der Tragödie Reklame: Ein Schwarzweißposter der Titanic füllt das Schaufenster, umrahmt von Sportgeräten, wie sie vor 100 Jahren Mode gewesen sein müssen: hölzerne Golfschläger, alte Tennisrackets, ein gestreiftes Herrensakko, ein Überseekoffer, und eine Ansicht der Straßenfront des Sportartikel-Fachgeschäfts aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Das soll wohl heißen: Auch wir sind Titanic.

Belfast, die Hafenstadt, die den damals größten und luxuriösesten Transatlantikliner baute, feiert das Jubiläum seines Untergangs mit voller Fahrt voraus. „Titanic - unsere Vergangenheit; Titanic - unsere Zukunft“, hat die Stadtverwaltung das drei Wochen währende Festival betitelt, das sich auf die berühmteste Schiffstragödie aller Zeiten bezieht. Es ist ein mutwilliger Versuch, die industrielle Glanzzeit in eine unsichere Zukunft zu transponieren.

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© AFP Vergrößern Titanic auch an der Häuserwand - die Stadt hat ihren Frieden mit der Untergangsgeschichte gemacht

Natürlich machen die Kinder mit: Im großen Rathaussaal, in dem Schautafeln die goldene Schiffbauepoche präsentieren, die Belfast dem Werftunternehmen Harland & Wolff verdankt, sitzen Cloe und Jenna am Basteltisch für die Kleinen und kleben ein Segelboot zusammen. Im Hintergrund ragt das Heck der Titanic über ihre Schulter - die Reproduktion einer jener Aufnahmen, die der Werksfotograf der Schiffswerft vor 100 Jahren machte. Andere Motive zeigen den scharfgeschnittenen Bug des Schiffes auf der Helling, vom Baugerüst umgeben, den Stapellauf, den Transport der riesigen Schornsteine und Kessel durch die Queens Road, die Hauptstraße des Schiffbauviertels, die Ausrüstung des Rumpfes im Trockendock. Mr. Welch hat vor 100 Jahren all diese Szenen auf ein paar Dutzend Fotoplatten dokumentiert. Mit seinen alten Augen blickt Belfast jetzt neu auf die größte Leistung der Stadt: den Bau der „Dreischraubendampfer“ Olympic, Titanic und Britannic in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, die damals als die größten beweglichen Dinge galten, die je von Menschenhand geformt worden waren.

Denkmal nicht rechtzeitig fertig geworden

Der Weltgeltung, die aus diesen Rekorden spricht, war Belfast sich damals vollauf bewusst. Das Rathaus, ein üppiger kalksteinerner Neorenaissancebau, der dank seiner mächtigen Kuppel so rund wirkt wie die Statue der Königin Victoria davor, beansprucht stolz den einstigen Rang der Stadt. Es ist bloß Zufall, dass das bescheidene Denkmal am Rande des Rathausgartens, das an die Belfaster Toten des Schiffsuntergangs erinnert, zum Jahrestag der Tragödie von einem Baustellenzaun aus Sperrholzbrettern verdeckt wird. Eigentlich soll an dieser Stelle ein neues, größeres und schöneres Denkmal entstehen, das künftig die Namen sämtlicher Ertrunkenen der Katastrophe wiedergibt - es ist bloß nicht rechtzeitig fertig geworden.

Una Reilly, deren Urgroßvater als Möbeltischler bei Harland und Wolff angestellt war, hat zu Hause ein Schachtischchen, das aus Edelholzabfällen der Titanic-Holzpaneele entstand. Sie sagt, für Jahrzehnte sei die Titanic in Belfast ein Tabu gewesen, es habe „fast so etwas wie Scham darüber gegeben“, dass das Schiff an diesem Ort gebaut wurde. Doch mittlerweile ist alle Verschämtheit verschwunden und Trauer nur noch ein Unterton im Leitmotiv der Belfaster Festwochen. Für Touristikmanager und Stadtentwickler weckt der Name „Titanic“ die Anziehungskräfte eines Markenartikels. Die alten Superlative werden zu Werbezwecken mit neuen Rekorden aufgefrischt: Das brachliegende Werftgelände an der Mündung des River Lagan nennt sich mittlerweile Titanic-Viertel und behauptet, es sei „das größte am Wasser gelegene Stadtentwicklungsvorhaben Europas“. Gerade hat dort, am Kopfende der einstigen Titanic-Helling, ein neues Erlebniszentrum eröffnet, das „die weltgrößte Erinnerungsschau“ an das Schiff beherbergt - aber auch, wie die Prospekte melden, „die längste Rolltreppe Irlands“.

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