http://www.faz.net/-gum-9dbfz

Unglück in Genua : Schon seit Jahren war die Brücke ein sensibler Patient

Genua: Blick auf die eingestürzte Autobahnbrücke Ponte Morandi Bild: dpa

In Italien versucht die Fünf-Sterne-Bewegung, alle großen Infrastrukturprojekte zu blockieren – auch in Genua. Dabei war lange bekannt, dass die dortige Autobahnverbindung vollkommen überholt ist. Jetzt kam es zur Katastrophe.

          Das tragische Unglück von Genua legt viele Widersprüche in der Verkehrspolitik der Fünf-Sterne-Bewegung offen. Verkehrsminister Danilo Toninelli von den Fünf Sternen hat nun gefordert, die Verantwortlichen für das Unglück zu bestrafen. Er aber war es, der noch vor zwei Wochen verkündet hatte, dass man noch einmal prüfen müsse, ob die Entlastungsstrecke für die altersschwache Strecke in Genua überhaupt gebaut werden müsse. Mit der Formel, die Kosten-Nutzen-Rechnung solle noch einmal ganz von vorne gemacht werden, versuchen die Fünf-Sterne-Bewegung und ihr Minister Toninelli zur Zeit alle großen Infrastrukturprojekte für Italien zu blockieren.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          In Genua ist aber seit langer Zeit bekannt, dass die Autobahnverbindung von Ost nach West vollkommen überholt ist. Östlich der nunmehr eingestürzten Brücke liegen die Altstadt und der Güterhafen, westlich davon leben und arbeiten zwei Drittel der Genuesen. Zudem befinden sich dort der Containerhafen, ein Stahlwerk und der Flughafen der Stadt. Weil die hoch aufragenden Hügel- und Bergketten quer zur Küste verlaufen, gibt es nur zwei Straßenverbindungen zwischen Ost und West: eine vollkommen überlastete Staatsstraße, die „Aurelia“ durch den Küstenstreifen der Stadt, und eben die gebührenpflichtige Autobahn mit der nun zusammengebrochenen Brücke, die von den Genuesen auch als Verbindung zwischen den Stadtvierteln genutzt werden musste. Wer dagegen einen Schleichweg über die Hügel suchen will, endet schnell auf winzigen Bergstraßen, die durch Hinterhöfe und zu Bauernhöfen führen.

          Die einzige Verbindung für Lastwagen- und Autofahrer

          Daher wurde seit 30 Jahren über eine neue Autobahnumgehung für die 590.000-Einwohner-Stadt nachgedacht. Im Juli 2001, kurz vor dem von Gewalt begleiteten G8-Gipfel in Genua, begannen die konkreten Planungen. Bis 2004 einigten sich die vielen beteiligten Institutionen – Kommunen, Provinz, Region, Zentralstaat – auf einen Plan. „Gronda“ wurde der Spitzname der Entlastungsstrecke, in Anlehnung für den italienischen Begriff der Regenrinne.

          Denn die neue Route sollte am Berg, oberhalb der Stadt und der bisherigen Strecke, die Verkehrsströme umleiten und 80 Prozent der Lastwagen sowie die Hälfte des Autoverkehrs umleiten. Bisher strömte über die Autobahn mitten in der Stadt nicht nur der örtliche Verkehr. Sie war die einzige Verbindung für Lastwagen- und Autofahrer, die von Rom oder Mittelitalien in Richtung Côte d’Azur wollten oder umgekehrt von der Westküste der italienischen Riviera in den östlichen Teil Norditaliens.

          25.000 Lastwagen am Tag

          Die Brücke, die 1967 eröffnet wurde, musste zuletzt einen Verkehr von 25.000 Lastwagen am Tag tragen. Dabei hatte das Bauwerk vom ersten Tag an Schwierigkeiten verursacht, weil sich die Stützen auf unterschiedliche Weise senkten und die Fahrbahn Stufen aufwies. Die Brücke galt seit Jahren als sensibler Patient, der besondere Aufmerksamkeit erhielt und ständig von Baustellen gesäumt war.

          Beim Einsturz einer vierspurigen Autobahnbrücke in der italienischen Hafenstadt Genua sind am Dienstag zahlreiche Menschen ums Leben gekommen. Die Retter gingen ein hohes Risiko ein. Bilderstrecke

          Sobald die neue Umgehung fertig werde, dürften auf der alten Strecke keine Schwerlastwagen mehr fahren, verkündete noch vor wenigen Wochen der Chef der Betreibergesellschaft Autostrade, Giovanni Castellucci. Doch die Fertigstellung des vier Milliarden Euro teuren neuen Bauwerks liegt noch in weiter Ferne. Jahrelang hatten sich linke Lokalpolitiker mit örtlichen Protestbewegungen verbündet, die auf eine neue Umgehung von Genua verzichten wollten; zuletzt suchte auch die Fünf-Sterne-Bewegung damit Stimmen zu gewinnen.

          Erst jetzt sollte mit der Detailplanung begonnen werden, die dann frühestens zum Jahresende abgeschlossen wäre. Dann muss mit zehn Jahren Bauzeit gerechnet werden. Denn laut Autostrade-Chef Castellucci ist ein solches Projekt nur mit dem Gotthardtunnel oder dem Tunnel unter dem Ärmelkanal zu vergleichen: 61 Kilometer Strecke mit 23 Tunnels von 50 Kilometer Länge und 24 Brücken, alles mit Baustellen in engen, bewohnten Tälern.

          Dennoch wird über eine Beschleunigung des Vorhabens vorerst nicht geredet. Der Präsident der Region Ligurien, Giovanni Toti, sagt es in aller Deutlichkeit: „Selbst wenn wir Trillionen von Euro hätten, könnten wir nicht morgen eine neue Verbindungsbrücke innerhalb der Stadt bekommen.“

          Topmeldungen

          Deutsche-Bank-Türme in Frankfurt

          Digitaler Marktplatz : Wie die Deutsche Bank von Amazon und Airbnb lernt

          Internetkonzerne bauen eigene Bezahlsysteme auf – und sind damit Vorbild und Bedrohung zugleich. Die Deutsche Bank gibt sich aber nicht geschlagen und arbeitet an einer eigenen Finanzplattform, die mehr als die eigenen Produkte zeigen soll.

          Brexit-Verhandlungen : Schlichtweg inakzeptabel

          Die Zurückweisung auf dem EU-Treffen in Salzburg hat die Briten schockiert. Premierministerin Theresa May reagiert trotzig. Die Gegner ihres Plans im Land sehen sich aber bestätigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.