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Unglück in der Schweiz : Bergsturz mit Ansage

Ein Mitglied des Such- und Rettungsdienstes und ein Rettungshund werden von einem Hubschrauber herabgesetzt. Bild: dpa

Schon 2011 war ein großer Fels aus dem Piz Cengalo herausgebrochen. Nach dem jüngsten Bergrutsch könnte es Todesopfer geben. Ein Video zeigt die gewaltige Geröll- und Schlammlawine.

          Das Unglück hatte sich schon angekündigt. Bereits im Dezember 2011 war ein großes Stück Fels aus dem Piz Cengalo herausgebrochen und zu Tal gedonnert. Der Piz Cengalo ist ein 3369 Meter hoher Berg in den Bergeller Alpen im Süden des Schweizer Kantons Graubünden, ungefähr 35 Kilometer entfernt von St. Moritz. Nachdem auch in den vergangenen Wochen einzelne Felsbrocken abgebrochen waren, warnten Geologen davor, dass da noch mehr kommen könne. Doch in welchem Ausmaß sich diese Prognose nun bewahrheitete, das hat die Fachleute dann doch überrascht. Am Mittwochmorgen brach unterhalb des Gipfels ein gewaltiger Teil des Berges ab. Augenzeugen, die das Spektakel aus sicherer Entfernung von der gegenüberliegenden Hangseite beobachteten, berichteten, der Piz Cengalo sei regelrecht explodiert.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          In Videoaufnahmen sieht man, wie sich eine gewaltige Geröll- und Schlammlawine unter großem Getöse in das Val Bondasca ergießt. Das gesamte Tal wird von einer gewaltigen Staubwolke umschleiert. Vier Millionen Kubikmeter Material bahnten sich einem Lavastrom gleich ihren Weg. Das Volumen entspricht rund 4000 Einfamilienhäusern. Der Felssturz entfaltete die Kraft eines Erdbebens der Stärke drei.

          Bild: F.A.Z.

          Die Gerölllawine walzte ein Dutzend Almhütten und Ställe nieder als wären sie aus Pappmaché. Sie kam schließlich am Dorf Bondo an, ohne dort aber Menschenleben gefährden zu können. Denn im Wissen um die drohende Gefahr, hatten die Behörden vor fünf Jahren ein automatisches Alarmsystem eingerichtet und Auffangbecken für Schlammlawinen gebaut. Schon kurz nachdem der Fels abgebrochen war, rückten die Einsatzkräfte aus. Feuerwehr und Polizei brachten die 100 Bewohner aus dem Dorf. Die Ampeln im Haupttal schalteten automatisch auf Rot.

          Unter den Vermissten sind vier Deutsche

          Trotzdem könnte dieser größte Bergrutsch seit Jahrzehnten einigen Menschen zum Verhängnis geworden sein: Acht Wanderer und Alpinisten gelten als vermisst. Sie könnten sich trotz der an Wanderwegen und -hütten angebrachten Warnhinweise zur Unglückszeit im Katastrophengebiet aufgehalten haben, sagte Andrea Mittner, Einsatzleiter der Kantonspolizei Graubünden, am Donnerstagnachmittag in einer Pressekonferenz in Stampa bei Bondo. Unter den Vermissten sind vier Deutsche, zwei Schweizer und zwei Österreicher. Sie waren in Zweiergruppen unterwegs.

          Kanton Graubünden : Deutsche nach Bergsturz in der Schweiz vermisst

          Man habe das gesamte Gelände noch in der Nacht zum Donnerstag mit Hubschraubern abgesucht und dabei auch die Hilfe der Armee in Anspruch genommen. Im Laufe des Donnerstags setzten Zivilschutz und Polizei die Suche mit Spürhunden und Infrarotgeräten am Boden fort, auch Handyortungssysteme kamen zum Einsatz. Fündig wurden sie jedoch bis zum Abend nicht. Der Einsatzleiter machte deutlich, wie schwierig die Suche ist: „Das betroffene Gebiet ist fünf Kilometer lang und der Schuttkegel bis zu zehn Meter hoch.“ Die Gemeindepräsidentin Anna Giacometti wies darauf hin, dass sich die Wanderer auf eigenen Antrieb dem Risiko ausgesetzt hätten: „Die Leute haben gewusst, sie bewegen sich in einem gefährdeten Gebiet.“ Die Gemeinde Bondo habe zuletzt am 14. August eine Warnung vor einem möglichen Felssturz herausgegeben.

          Die Zahl der Vermissten könnte unter Umständen noch weiter steigen. Die Polizei bekam am Donnerstag den Hinweis, dass sich eine weitere Gruppe mit fünf bis sechs Personen zur kritischen Zeit im Bergeller Berggebiet aufgehalten haben könnte. „Ob sich diese Personen in der betroffenen Region aufhielten, ist aber noch offen. Vielleicht sind sie auch schon abgereist“, sagte Mittner.

          Die Gefahr ist noch nicht gebannt

          Bondo bleibt bis auf weiteres gesperrt. Außer den Polizeikräften, die den Ort vor Plünderern schützen, darf keiner das Dorf betreten. Denn die Gefahr ist noch nicht gebannt. Nach Angaben von Martin Keiser, Leiter der Gefahrenkommission des Amts für Wald und Naturgefahren, kann es zu weiteren kleinen Felsstürzen kommen. Oben am Abriss könnten sich Seen bilden, die sich schwallartig ins Tal ergießen. „Rund eine Million Kubikmeter sind noch in Bewegung“, sagte Keiser. Insgesamt sei aber nur eine kleine Ecke des Gesamtmassivs abgebrochen. Mehr als 32 Personen wurden mit Hubschraubern aus umliegenden Berghütten geholt.

          Hubschrauber suchen nach den Vermissten.
          Hubschrauber suchen nach den Vermissten. : Bild: dpa

          Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Bergsturz mit dem Klimawandel zusammenhängt. Schließlich handelt es sich beim Piz Cengalo um Permafrostgebiet. „Der Boden taut auf, wo er bis jetzt noch gefroren war“, sagte Hugo Raetzo von der Abteilung Gefahrenprävention beim Bundesamt für Umwelt gegenüber dem SRF. Deshalb könnten diese Bergpartien instabil werden.

          Nach einer Untersuchung der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft sind seit 1946 in der Schweiz insgesamt 1023 Personen durch Naturereignisse getötet worden. Lawinenunglücke waren mit einem Anteil von mehr als einem Drittel die häufigste Todesursache gefolgt von Blitzschlägen. Allerdings sei die Anzahl der Todesopfer in den vergangenen 70 Jahren klar rückläufig – dank besserer Lawinenvorhersagen, Schutzbauten und Gefahrenkarten.

          Quelle: F.A.Z.

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