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Tragödie von Langarone : Ein Tsunami im Stausee

Der Stausee ist heute weitgehend leer: Jenseits der Staumauer liegt die Gemeinde Longarone, die vor 50 Jahren überflutet wurde Bild: Getty Images

Vor 50 Jahren rutschte eine Flanke des Monte Toc in den Vajont-See. 2000 Menschen kamen ums Leben. Geologen hatten vor der Tragödie gewarnt.

          In Vajont, einem Ort im westlichen Friaul mit rechtwinklig angelegten Straßen, der längst von einer grauen Patina überzogen ist, leben heute nicht mehr allzu viele Menschen. Kinder gibt es nur wenige, eine der beiden Schulen des Ortes steht seit längerem leer. Virgilio Barzan, 63 Jahre alt, Vizebürgermeister, will in der 1968 fertiggestellten Retortenstadt an der Grenze zu Venetien eine Vision verwirklichen, für die ihm aber das Geld fehlt: Ein schaltbares Reliefmodell des unteren Vajont-Tals, das auf Knopfdruck das Aussehen des Tals vor und nach jener Katastrophennacht zeigt, könnte vermitteln, was vor 50 Jahren geschehen ist, was er und die anderen Zeitzeugen nie vergessen werden.

          Georg Küffner

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Am 9. Oktober 1963, spät am Abend, genau um 22.39 Uhr, es war ein warmer, sternenklarer Abend, rutschte eine Flanke des Monte Toc ab. 260 Millionen Kubikmeter Gestein stürzten in den Vajont-Stausee. Virgilio Barzan, damals 13 Jahre alt, wohnte mit seinen Eltern und Geschwistern in Casso, dem Ort am Hang, hoch über dem See, dicht bei der Staumauer. Durch den Aufprall der Gesteinsmassen wurde eine Energie freigesetzt, die der von drei Hiroshima-Bomben vergleichbar ist. Die Erde bebte, ohrenbetäubender Lärm dröhnte durch das Tal, und die vom Bergrutsch ausgelöste Welle von 50 Millionen Kubikmeter Wasser wurde 150 Meter hoch gerissen. Sie traf die tiefer gelegenen Häuser von Casso und Erto. 258 Menschen kamen im Tal zu Tode. Noch mehr Unheil richtete die Flutwelle in einem halben Dutzend Orten unterhalb der Staumauer an. 25 Millionen Tonnen Wasser, etwa ein Sechstel des Stauvolumens, schwappten über die Dammkrone, die selbst nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Gemeinde Longarone wurde komplett zerstört. Etwa 1800 Menschen starben. Die Hälfte der Toten wurde nie gefunden. Einige Leichname wurden mit der Flutwelle bis in die Adria gespült, in die der Piave beim Badeort Jesolo mündet.

          Wenige Bewohner kehren in ihre Häuser zurück

          Casso und Erto wurden evakuiert. Amerikanische Militärhubschrauber flogen die Überlebenden in sicher gelegene Orte in der Umgebung, wo sie bei Freunden und Verwandten, in Schulen und einem Ferienlager unterkamen. Beide Orte sind längst wieder bewohnt, aber nur spärlich, denn nur wenige der ehemaligen Bewohner hat es zurück in ihre alten Häuser gezogen. Sie schauen regelmäßig nach ihrem Besitz. Heute ist ihr Lebensmittelpunkt Vajont, „das Tschernobyl der Wasserkraft“, rund eine Autostunde entfernt.

          Bis 1997 mussten die Menschen, die ihre Häuser und ihre Grundstücke, ihr Vieh und ihre Weiden verloren hatten, vor Gericht um Entschädigungszahlungen streiten. Virgilio Barzan, der mehrere Jahre auch Bürgermeister der Doppelgemeinde Casso-Ertro war, erinnert sich ungern an die sich ewig hinziehenden Prozesse und den spärlichen Geldfluss. Zwar seien über die Jahre zwei Milliarden Euro in die von der Katastrophe getroffene Region geflossen. Doch wurde das meiste Geld für den Neuaufbau der Infrastruktur im Piave-Tal und den Wiederaufbau von Longarone gesteckt. Die Bewohner des Vajont-Tals seien zu kurz gekommen. Das bezieht Barzan, der in Berlusconis Partei Volk der Freiheit engagiert ist, auch auf die Aufmerksamkeit, die den Katastrophen-Orten entgegengebracht wird. Das Vajont-Tal stehe weit hinten an, wie schon vor dem Bau des Stausees, als das enge, spärlich besiedelte und schwer zugängliche Tal nur wenigen bekannt war.

          Das änderte sich, als in den dreißiger Jahren die Adriatische Elektrizitätsgesellschaft SADE mit der Planung eines Wasserkraftwerks begann, das von einem Stausee im Vajon-Tal gespeist werden sollte. Dazu sollte eine Doppelbogenmauer, gewaltige 261 Meter hoch und bis dahin in dieser Größe noch nicht gebaut, das enge Alpental absperren und ein von mehreren Flüssen gespeister See aufgestaut werden.

          Bau der Staumauer ohne Zustimmung

          Das Projekt wurde von den Behörden von Anfang an forciert. Es sollte rasch Strom produziert werden. Im Oktober 1943 erteilte das zuständige Ministerium der SADE die Bauerlaubnis für das Vorhaben Grande Vajont, obwohl nur ein Teil der verantwortlichen Kommissionsmitglieder anwesend war. Gegen den Widerstand der Bevölkerung wurden Dutzende Familien enteignet und umgesiedelt. Mit dem Bau der Staumauer begann man 1956 ohne die Zustimmung des zuständigen Ministeriums. Widerstand von der Verwaltung war nicht zu erwarten, waren doch ausschließlich der SADE zugeneigte Geologen berufen worden.

          Als man mit dem Bau der Mauer begann, stellte sich heraus, dass die vorgelegten Gutachten unvollständig waren. Zudem kam es zu kleineren Bergstürzen an den Talflanken, Straßen rissen auf, Erdstöße wurden registriert. Weitere Gutachter wurden herangezogen. Unter ihnen befand sich auch der aus Österreich stammende und an der Hochschule in Karlsruhe „Felsmechanik“ lehrende Leopold Müller, der unterhalb des Monte Toc stark gerissenes Gestein identifizierte, das sich absetzen und in Bewegung kommen könne. Die Warnung wurde nicht ernst genommen und von der SADE nicht an die zuständigen Kontrollorgane weitergeleitet.

          Anfang 1960 begann man mit dem Aufstauen des Sees, erst auf 600, dann auf eine Stauhöhe von 660 Meter. Im November 1960 rutschten 700000 Kubikmeter Gestein vom Hang des Monte Toc und stürzten in den Stausee. Dabei bildete sich ein M-förmiger Riss an der Bergflanke, rund 2500 Meter lang. Man war also gewarnt und zog durchaus ins Kalkül, dass noch mehr Gestein in den See rutschen, ihn im schlimmsten Fall gar zweiteilen könne. Das hintere Stück wäre dann nicht mehr mit dem bis zur Staumauer reichenden Teil verbunden – und damit der See für die Stromerzeugung weitgehend wertlos. Die Ingenieure beschlossen, vorsorglich einen (unterirdisch verlaufenden) „Bypass“ zu bauen, der nach einem größeren Erdrutsch die Verbindung sicherstellt.

          Keine Klarheit und große Verunsicherung

          Der Bypass wurde im Frühjahr 1961 fertiggestellt. Wenige Wochen zuvor hatte Müller seinen fünfzehnten Bericht fertiggestellt, der den Kontrollorganen nie vorgelegt wurde. Kein Wunder, denn in dem Gutachten kommt der Geologe zu dem Schluss, dass ein möglicher Bergrutsch ein Volumen von bis zu 200 Millionen Kubikmeter haben könnte. Gegenmaßnahmen seien, schreibt Müller, nicht möglich. Die einzig wirksame Sicherheitsmaßnahme sei, das Projekt aufzugeben.

          Daran wollte niemand ernsthaft denken. Man beobachtete den Berg gründlicher, indem man Messsonden bis zu 220 Meter tief in dafür eigens hergestellte Bohrlöcher steckte. So konnte man das Höhen-Niveau des in den Berg eingedrungenen Wassers messen und Bewegungen im Berg erfassen. Doch Klarheit, ob sich der Hang eher oberflächig oder doch tief unten im Berg bewegt, konnte so nicht gewonnen werden. Also entschied man, den See weiter aufzustauen. Die im November 1962 erreichte Füllhöhe lag bei 700 Metern. Mehrere Erdstöße wurden in diesen Monaten registriert. Dennoch beantragte die mittlerweile von der ENEL übernommene SADE eine noch größere Stauhöhe von 715 Metern.

          Die Lage wurde brenzliger. Den Bewohnern von Casso baute und schenkte die SADE eine Schule, wohl auch um sie gewogen zu halten. Doch die Verunsicherung war längst riesig. Im Juli 1963 schickte der Bürgermeister von Erto ein Telegramm an die Präfektur in Udine und an die ENEL nach Venedig, in dem er auf „unnatürlich getrübtes Wasser im See, Stöße und Zittern im Boden“ hinwies. Er bekam keine Antwort. Wenig später, nach einem kräftigen Erdstoß am 2. September, begann sich der Hang zu bewegen, anfangs 6,5 Millimeter am Tag, dann zwölf und am 26. September um 22 Millimeter. Man beschloss, den Wasserspiegel im See abzusenken. Längst war die Straße auf dem linken Ufer nicht mehr befahrbar, so dass man am 7. Oktober entschied, den Toc-Hang zu evakuieren. Doch an das unterhalb der Staumauer gelegene Longarone dachte niemand.

          „Schmierseifen-Effekt“ von ausschlaggebender Bedeutung

          Im Laufe des 9. Oktobers taten sich immer größere Spalten auf. Bäume stürzten um, die Bewegung des Berges konnte man von der Dammkrone aus mit bloßem Auge erkennen. Um 22.39 Uhr war es dann so weit. Über Monate und Jahre hatte es sich angekündigt. Nun rutschte ein großer Teil des Monte Toc in den See.

          Wie konnte das geschehen? Vieles kam zusammen. Durch das aufgestaute Wasser traten im unteren Teil des Hangs Auftriebskräfte auf. Zudem drang Wasser in vertikale Klüfte ein, konnte nicht abfließen, so dass horizontal wirkende Kräfte entstanden. Entscheidend war das alles noch nicht. Was letztlich den Ausschlag gab, erklärte später der Geologe Müller mit dem „Schmierseifen-Effekt“: Durch hohen Druck und die zunehmende Bewegung stieg die Temperatur in den tongefüllten Klüften so weit, bis der Ton anfing zu dehydrieren. Fast explosionsartig stieg damit der Porenwasser-Druck. Die Reibung ging abrupt verloren.

          1968 begann ein Prozess gegen die Verantwortlichen. Einer der beteiligten Bauingenieure hatte kurz zuvor Selbstmord begangen. Die recht hohen Haftstrafen verringerte später ein Appellationsgericht. Einige Angeklagte wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

          Quelle: F.A.Z.

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