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Veröffentlicht: 09.10.2013, 13:31 Uhr

Tragödie von Langarone Ein Tsunami im Stausee

Vor 50 Jahren rutschte eine Flanke des Monte Toc in den Vajont-See. 2000 Menschen kamen ums Leben. Geologen hatten vor der Tragödie gewarnt.

von , Vajont
© Getty Images Der Stausee ist heute weitgehend leer: Jenseits der Staumauer liegt die Gemeinde Longarone, die vor 50 Jahren überflutet wurde

In Vajont, einem Ort im westlichen Friaul mit rechtwinklig angelegten Straßen, der längst von einer grauen Patina überzogen ist, leben heute nicht mehr allzu viele Menschen. Kinder gibt es nur wenige, eine der beiden Schulen des Ortes steht seit längerem leer. Virgilio Barzan, 63 Jahre alt, Vizebürgermeister, will in der 1968 fertiggestellten Retortenstadt an der Grenze zu Venetien eine Vision verwirklichen, für die ihm aber das Geld fehlt: Ein schaltbares Reliefmodell des unteren Vajont-Tals, das auf Knopfdruck das Aussehen des Tals vor und nach jener Katastrophennacht zeigt, könnte vermitteln, was vor 50 Jahren geschehen ist, was er und die anderen Zeitzeugen nie vergessen werden.

Georg Küffner Folgen:

Am 9. Oktober 1963, spät am Abend, genau um 22.39 Uhr, es war ein warmer, sternenklarer Abend, rutschte eine Flanke des Monte Toc ab. 260 Millionen Kubikmeter Gestein stürzten in den Vajont-Stausee. Virgilio Barzan, damals 13 Jahre alt, wohnte mit seinen Eltern und Geschwistern in Casso, dem Ort am Hang, hoch über dem See, dicht bei der Staumauer. Durch den Aufprall der Gesteinsmassen wurde eine Energie freigesetzt, die der von drei Hiroshima-Bomben vergleichbar ist. Die Erde bebte, ohrenbetäubender Lärm dröhnte durch das Tal, und die vom Bergrutsch ausgelöste Welle von 50 Millionen Kubikmeter Wasser wurde 150 Meter hoch gerissen. Sie traf die tiefer gelegenen Häuser von Casso und Erto. 258 Menschen kamen im Tal zu Tode. Noch mehr Unheil richtete die Flutwelle in einem halben Dutzend Orten unterhalb der Staumauer an. 25 Millionen Tonnen Wasser, etwa ein Sechstel des Stauvolumens, schwappten über die Dammkrone, die selbst nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Gemeinde Longarone wurde komplett zerstört. Etwa 1800 Menschen starben. Die Hälfte der Toten wurde nie gefunden. Einige Leichname wurden mit der Flutwelle bis in die Adria gespült, in die der Piave beim Badeort Jesolo mündet.

Wenige Bewohner kehren in ihre Häuser zurück

Casso und Erto wurden evakuiert. Amerikanische Militärhubschrauber flogen die Überlebenden in sicher gelegene Orte in der Umgebung, wo sie bei Freunden und Verwandten, in Schulen und einem Ferienlager unterkamen. Beide Orte sind längst wieder bewohnt, aber nur spärlich, denn nur wenige der ehemaligen Bewohner hat es zurück in ihre alten Häuser gezogen. Sie schauen regelmäßig nach ihrem Besitz. Heute ist ihr Lebensmittelpunkt Vajont, „das Tschernobyl der Wasserkraft“, rund eine Autostunde entfernt.

Bis 1997 mussten die Menschen, die ihre Häuser und ihre Grundstücke, ihr Vieh und ihre Weiden verloren hatten, vor Gericht um Entschädigungszahlungen streiten. Virgilio Barzan, der mehrere Jahre auch Bürgermeister der Doppelgemeinde Casso-Ertro war, erinnert sich ungern an die sich ewig hinziehenden Prozesse und den spärlichen Geldfluss. Zwar seien über die Jahre zwei Milliarden Euro in die von der Katastrophe getroffene Region geflossen. Doch wurde das meiste Geld für den Neuaufbau der Infrastruktur im Piave-Tal und den Wiederaufbau von Longarone gesteckt. Die Bewohner des Vajont-Tals seien zu kurz gekommen. Das bezieht Barzan, der in Berlusconis Partei Volk der Freiheit engagiert ist, auch auf die Aufmerksamkeit, die den Katastrophen-Orten entgegengebracht wird. Das Vajont-Tal stehe weit hinten an, wie schon vor dem Bau des Stausees, als das enge, spärlich besiedelte und schwer zugängliche Tal nur wenigen bekannt war.

Das änderte sich, als in den dreißiger Jahren die Adriatische Elektrizitätsgesellschaft SADE mit der Planung eines Wasserkraftwerks begann, das von einem Stausee im Vajon-Tal gespeist werden sollte. Dazu sollte eine Doppelbogenmauer, gewaltige 261 Meter hoch und bis dahin in dieser Größe noch nicht gebaut, das enge Alpental absperren und ein von mehreren Flüssen gespeister See aufgestaut werden.

Bau der Staumauer ohne Zustimmung

Das Projekt wurde von den Behörden von Anfang an forciert. Es sollte rasch Strom produziert werden. Im Oktober 1943 erteilte das zuständige Ministerium der SADE die Bauerlaubnis für das Vorhaben Grande Vajont, obwohl nur ein Teil der verantwortlichen Kommissionsmitglieder anwesend war. Gegen den Widerstand der Bevölkerung wurden Dutzende Familien enteignet und umgesiedelt. Mit dem Bau der Staumauer begann man 1956 ohne die Zustimmung des zuständigen Ministeriums. Widerstand von der Verwaltung war nicht zu erwarten, waren doch ausschließlich der SADE zugeneigte Geologen berufen worden.

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