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Tragödie von Langarone : Ein Tsunami im Stausee

Als man mit dem Bau der Mauer begann, stellte sich heraus, dass die vorgelegten Gutachten unvollständig waren. Zudem kam es zu kleineren Bergstürzen an den Talflanken, Straßen rissen auf, Erdstöße wurden registriert. Weitere Gutachter wurden herangezogen. Unter ihnen befand sich auch der aus Österreich stammende und an der Hochschule in Karlsruhe „Felsmechanik“ lehrende Leopold Müller, der unterhalb des Monte Toc stark gerissenes Gestein identifizierte, das sich absetzen und in Bewegung kommen könne. Die Warnung wurde nicht ernst genommen und von der SADE nicht an die zuständigen Kontrollorgane weitergeleitet.

Anfang 1960 begann man mit dem Aufstauen des Sees, erst auf 600, dann auf eine Stauhöhe von 660 Meter. Im November 1960 rutschten 700000 Kubikmeter Gestein vom Hang des Monte Toc und stürzten in den Stausee. Dabei bildete sich ein M-förmiger Riss an der Bergflanke, rund 2500 Meter lang. Man war also gewarnt und zog durchaus ins Kalkül, dass noch mehr Gestein in den See rutschen, ihn im schlimmsten Fall gar zweiteilen könne. Das hintere Stück wäre dann nicht mehr mit dem bis zur Staumauer reichenden Teil verbunden – und damit der See für die Stromerzeugung weitgehend wertlos. Die Ingenieure beschlossen, vorsorglich einen (unterirdisch verlaufenden) „Bypass“ zu bauen, der nach einem größeren Erdrutsch die Verbindung sicherstellt.

Keine Klarheit und große Verunsicherung

Der Bypass wurde im Frühjahr 1961 fertiggestellt. Wenige Wochen zuvor hatte Müller seinen fünfzehnten Bericht fertiggestellt, der den Kontrollorganen nie vorgelegt wurde. Kein Wunder, denn in dem Gutachten kommt der Geologe zu dem Schluss, dass ein möglicher Bergrutsch ein Volumen von bis zu 200 Millionen Kubikmeter haben könnte. Gegenmaßnahmen seien, schreibt Müller, nicht möglich. Die einzig wirksame Sicherheitsmaßnahme sei, das Projekt aufzugeben.

Daran wollte niemand ernsthaft denken. Man beobachtete den Berg gründlicher, indem man Messsonden bis zu 220 Meter tief in dafür eigens hergestellte Bohrlöcher steckte. So konnte man das Höhen-Niveau des in den Berg eingedrungenen Wassers messen und Bewegungen im Berg erfassen. Doch Klarheit, ob sich der Hang eher oberflächig oder doch tief unten im Berg bewegt, konnte so nicht gewonnen werden. Also entschied man, den See weiter aufzustauen. Die im November 1962 erreichte Füllhöhe lag bei 700 Metern. Mehrere Erdstöße wurden in diesen Monaten registriert. Dennoch beantragte die mittlerweile von der ENEL übernommene SADE eine noch größere Stauhöhe von 715 Metern.

Die Lage wurde brenzliger. Den Bewohnern von Casso baute und schenkte die SADE eine Schule, wohl auch um sie gewogen zu halten. Doch die Verunsicherung war längst riesig. Im Juli 1963 schickte der Bürgermeister von Erto ein Telegramm an die Präfektur in Udine und an die ENEL nach Venedig, in dem er auf „unnatürlich getrübtes Wasser im See, Stöße und Zittern im Boden“ hinwies. Er bekam keine Antwort. Wenig später, nach einem kräftigen Erdstoß am 2. September, begann sich der Hang zu bewegen, anfangs 6,5 Millimeter am Tag, dann zwölf und am 26. September um 22 Millimeter. Man beschloss, den Wasserspiegel im See abzusenken. Längst war die Straße auf dem linken Ufer nicht mehr befahrbar, so dass man am 7. Oktober entschied, den Toc-Hang zu evakuieren. Doch an das unterhalb der Staumauer gelegene Longarone dachte niemand.

„Schmierseifen-Effekt“ von ausschlaggebender Bedeutung

Im Laufe des 9. Oktobers taten sich immer größere Spalten auf. Bäume stürzten um, die Bewegung des Berges konnte man von der Dammkrone aus mit bloßem Auge erkennen. Um 22.39 Uhr war es dann so weit. Über Monate und Jahre hatte es sich angekündigt. Nun rutschte ein großer Teil des Monte Toc in den See.

Wie konnte das geschehen? Vieles kam zusammen. Durch das aufgestaute Wasser traten im unteren Teil des Hangs Auftriebskräfte auf. Zudem drang Wasser in vertikale Klüfte ein, konnte nicht abfließen, so dass horizontal wirkende Kräfte entstanden. Entscheidend war das alles noch nicht. Was letztlich den Ausschlag gab, erklärte später der Geologe Müller mit dem „Schmierseifen-Effekt“: Durch hohen Druck und die zunehmende Bewegung stieg die Temperatur in den tongefüllten Klüften so weit, bis der Ton anfing zu dehydrieren. Fast explosionsartig stieg damit der Porenwasser-Druck. Die Reibung ging abrupt verloren.

1968 begann ein Prozess gegen die Verantwortlichen. Einer der beteiligten Bauingenieure hatte kurz zuvor Selbstmord begangen. Die recht hohen Haftstrafen verringerte später ein Appellationsgericht. Einige Angeklagte wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Quelle: F.A.Z.

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