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Tödliche Waldbrände : Das Feuer in Portugal wütet weiter

Diese Aufnahme aus einem spanischen Löschflugzeug zeigt das Ausmaß der Katastrophe. Bild: Reuters

Bilder und Augenzeugenberichte zeigen, wie beim verheerendsten Waldbrand in der Geschichte Portugals eine Nationalstraße zur Todesfalle wurde. Auch deshalb wird nun Kritik laut.

          Bilder aus dem einstigen Naturparadies Pedrógão Grande wirken nach dem Waldbrand wie aus einem düsteren Katastrophenfilm: verlassene, verrußte Straßen, ausgebrannte Autos, umherirrende Menschen, notdürftig zugedeckte Leichen mitten auf der Straße.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft.

          Die Zahl der Toten durch den Waldbrand in Zentralportugal wird am Montag mit 62 angegeben, mehr als 60 Menschen wurden verletzt. 2000 Rettungskräfte sind mit 620 Fahrzeugen im Einsatz, um den Brand zu löschen, der von einem Blitzeinschlag ausgelöst wurde.

          Das Feuer breitete sich wegen starker Winde rasch aus und schloss mehrere Autofahrerin ihren Wagen ein. Bilder zeigen völlig ausgebrannte Autos.
          Das Feuer breitete sich wegen starker Winde rasch aus und schloss mehrere Autofahrerin ihren Wagen ein. Bilder zeigen völlig ausgebrannte Autos. : Bild: AFP

          Neben den Aufnahmen sind es Augenzeugenberichte, die das Ausmaß der Katastrophe verdeutlichen, die sich vor allem auf einer einzigen Straße abspielte. Von den fünf Dutzend Opfern kamen wohl mindestens 30 auf der Nationalstraße 236 ums Leben. „Plötzlich brannten alle Autos, unseres auch“, berichtete eine Überlebende einem portugiesischen Fernsehsender. „Mein Mann und ich hatten unsere Seelen schon in Gottes Hand gegeben. Da gelang es uns irgendwie, die Tür zu öffnen und durch die heruntergefallenen Bäume davon zu rennen.“ Als die Flammen sich ihrem Haus immer weiter näherten, hatten ihr Mann und sie sich am Samstagnachmittag wie viele andere Familien entschlossen, in ihren Autos zu fliehen.

          Die Straße wurde zur tödlichen Falle

          Doch die Nationalstraße, eine enge Serpentinenstraße, die von Pinienbäumen und anderen leicht entflammbaren Kiefern und Nadelbäumen gesäumt ist, wurde für viele von ihnen zur tödlichen Falle. Die Bäume am Straßenrand brannten schnell lichterloh, die Windrichtung wechselte mehrmals, weshalb die Flammen binnen Minuten aus verschiedenen Richtungen kamen.

          So erlebte es auch ein weiterer Überlebender. „Die ganze Gegend wurde binnen zehn Minuten vom Feuer verschluckt“, berichtete er. Sein Bruder und er seien in verschiedene Richtungen gefahren, aus denen ihnen immer wieder Flammen entgegenschlugen. Irgendwann entschieden sie sich für eine Richtung, fuhren gefühlte zwei Kilometer durch die Flammen – und überlebten wie durch ein Wunder.

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          Ein anderer Augenzeuge, der 40Jahre alte António Pires, berichtete der brasilianischen Ausgabe von „El País“ fassungslos: „Vier meiner Freunde und Verwandten sind vergangene Nacht gestorben.“ Außerdem habe er Dutzende Tiere seines Bauernhofs in den Flammen verloren.

          Viele Leichen sind stark verkohlt

          Unter den bisher identifizierten Toten in den Autos sind nach bisherigen Erkenntnissen auch mehrere Kleinkinder. Zum Beispiel ein vierjähriger Junge, der mit seinem Onkel im Auto saß, und ein ebenfalls vier Jahre altes Mädchen, das mit Mutter und Großmutter geflohen war – bei ihr bestand noch eine geringe Hoffnung, dass sie überleben würde. Bei anderen Opfern wird es wohl noch lange dauern, bis ihre verbrannten Leichname identifiziert sind, bei manchen kann womöglich nur noch eine Analyse des Gebisses helfen.

          Ein verkohltes Ortsschild steht am Ortseingang von Moita (circa 160 Kilometer nordöstlich von Lissabon) vor einem verbrannten Waldstück.
          Ein verkohltes Ortsschild steht am Ortseingang von Moita (circa 160 Kilometer nordöstlich von Lissabon) vor einem verbrannten Waldstück. : Bild: dpa

          Ein Feuerwehrmann wird mit den Worten zitiert: „Gestern hat uns Mutter Natur gezeigt, dass sie die Befehle gibt.“ Trockene Gewitter, Blitze, ein starker und ständig die Richtung wechselnder Wind und extremer Dunst hätten die Arbeit der Feuerwehr erschwert.

          Doch trifft Mutter Natur die alleinige Schuld? Viele Bewohner der Brandregion 200 Kilometer nordöstlich von Lissabon sehen das anders. „Wir hatten kein Wasser und keinen Strom und wurden in dieser Katastrophe uns selbst überlassen“, sagte der Bauer Pires. Und auch Fachleute kritisieren das Katastrophenmanagement der Behörden: Paulo Fernandes, Universitätsprofessor in Vila Real und Waldexperte, sagte „El País“, hohe Temperaturen, starke Winde und Blitze hätten schon über Tage angehalten, bevor es zur Katastrophe kam.

          Soldaten helfen nach der Tragödie im Dorf Facaia in der Region Leiria.
          Soldaten helfen nach der Tragödie im Dorf Facaia in der Region Leiria. : Bild: EPA

          Diese fatale Mischung hätte den Behörden Warnung sein sollen. Zumindest hätten in diesem konkreten Fall die Straßen gesperrt werden sollen, die für so viele zur tödlichen Falle wurden. In ihren Häusern wären die Menschen sicherer gewesen.

          Die Arbeit der Feuerwehr wurde erschwert

          Professor Xavier Viegas von der Universität Coimbra widerspricht ihm. Straßen zu blockieren hätte auch zu einer Massenpanik führen können, viele wären vor den herannahenden Flammen sicher auch zu Fuß geflohen, sagt er am Montag. Deshalb fordert er, es müsse in allen brandgefährdeten Gebieten Schutzräume für die Bevölkerung geben. Die Feuerwehr sei nicht, wie von einigen Anwohner kritisiert, langsam gewesen. Sondern ihre Arbeit sei durch die starke Rauchentwicklung, die Windverhältnisse sowie Hitze und Trockenheit einfach stark erschwert worden. Sicherlich hätten die betroffenen Gemeinden besser informiert werden müssen. Doch auch wenn die Suche nach Schuldigen nach einer solchen Katastrophe zutiefst menschlich sei: Bei diesem Feuer falle es ihm schwer, Schuldige zu benennen.

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          Hartmut Ziebs, Präsident des deutschen Feuerwehrverbandes, kritisiert hingegen, dass die portugiesische Feuerwehr weniger engmaschig organisiert sei als die deutsche. Ob es sinnvoll gewesen wäre, die Ausfahrtsstraßen zu blockieren, sei aus der Ferne kaum zu sagen. Generell würden Autos zwar leichter brennen als Häuser, in einigen Fällen sei aber auch eine Flucht ratsam. Die Forderung nach Schutzkellern in jedem Haus hält er für utopisch, denn es sei kaum möglich, dort ausreichend Sauerstoff zu garantieren.

          Während sich selbst Fachleute uneinig sind, ob und wie die Katastrophe hätte vermieden werden können, tobt das Feuer weiter: Trotz der Mobilisierung von Tausenden Feuerwehrleuten bekommen die portugiesischen Behörden die verheerenden Waldbrände nicht in den Griff. Nach Angaben der Behörden weiteten sich die Brände am Montag auf die beiden benachbarten Bezirke Castelo Branco und Coimbra aus.

          Quelle: F.A.Z.

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