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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Thailand nach dem Beben „Wir wollen nur weg hier, in Sicherheit“

 ·  Phuket - ein Tag nach dem verheerenden Beben: Die Ruhe nach dem Sturm, die Totenstille, wirkt surreal, fast, wie die Kulisse eines Katastrophenfilms. Doch diese „Kulisse“ ist echt.

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Als der Mann am Strand „Go“ schreit, beginnt die Menge zu wogen. „Go! Go!“ Die Menschen schieben, laufen, stürzen. Nur weg vom Strand. Rein in die Stadt, wieder auf die Dächer der Häuser, auf die Hügel am Ende der Bucht. Doch diesmal kommt keine Welle, die See liegt azurblau da, schimmert in der Sonne. Die Nerven hier sind aber zum Zerreißen gespannt. Denn gerade 24 Stunden ist es her, da machte ein Erdbeben das Meer zum Mörder.

Und soll es nicht Nachbeben geben? Neue Flutwellen? Nur weg hier sagt der Instinkt, weit weg von einem der schönsten Strände Thailands, rein ins Flugzeug, ab nach Hause, die Apokalypse hinter sich lassen. Die Bilder vergessen, von den unter Trümmerbergen begrabenen Menschen, von den zu skurrilen Skulpturen aufgetürmten Autowracks, den eingestürzten Läden, den hilflosen Helfern mit ihren weißen Latexhandschuhen. Den Gestank des in der Tropensonne faulenden Meeresschlamms. Die bangen Abendstunden im Freien auf den Hügeln vor der Stadt verdrängen.

„Alles ist weg“

Ina und ihr Mann Adi Wagner haben es geschafft. Am Montag morgen um zehn Uhr haben sie den Flugplatz in Phuket erreicht. Von ihrem Weihnachtsurlaub bleibt ihnen eine schlammige Plastiktüte. Darin ihre Pässe, ein bißchen Bargeld, die Flugtickets. Adi Wagner trägt Badelatschen, seine Frau hat einen Sarong um die Hüften geschlungen. „Alles ist weg. Wir haben nichts mehr. Die Flutwelle hat unseren Ferienbungalow in Sekundenschnelle leergewaschen“, sagt Ina Wagner. „Meine Frau hat später das gerettet, was im Safe war“, sagt ihr Mann. „Aber wir haben nicht mal Schuhe, wenn wir am Dienstag in Frankfurt landen.“

Und doch steht ihnen Erleichterung ins Gesicht geschrieben. „Wir haben die Suche nach den Vermißten verfolgt. Und die Leichen gesehen.“ Von dem Erdbeben im indischen Ozean am Sonntagmorgen gegen acht haben sie hier an der thailändischen Küste nichts gespürt, sich an den Strand gelegt. Dann aber zog sich das Wasser schlagartig zurück - Dutzende von Metern, viel weiter, als bei einer Ebbe. „Wir lagen in der Sonne, da brüllten die Einheimischen, winkten uns zurück in die Hotelanlage, trieben uns die Hänge herauf“, sagt Adi Wagner. „Dann kam die Flutwelle, meterhoch. Wir sind um unser Leben gerannt“, sagt seine Frau.

Der Weg in den Tod

Andere aber, so wird am Morgen nach der Katastrophe am Strand in Phukets Badeort Patong erzählt, seien in ihrem Staunen dem sich zurückziehenden Wasser nachgerannt. Es war der Weg in den Tod. Als die Welle heranraste, waren sie verloren. Sie riß alles mit sich, schob Berge von Sand und Schutt vor sich her, spie Autos in Vorgärten und Boote auf die Straßen, drückte Häuserfronten ein, spülte Sofas, Tische mit, knickte Laternenmasten und Palmen wie Streichhölzer, erschlug, was im Weg stand. „Es war kurz vor zehn. Wir wollten gerade unseren Laden eröffnen, kamen die Treppe herunter“, erzählt Narinda Singh Khanijou. Der Schneider lebt mit acht Familienmitgliedern im Obergeschoß seines Geschäfts in einer Gasse Patongs, die genau auf den gut 500 Meter entfernten Strand zuläuft. Über dem Schaufenster steht „Maßschneiderei Jolly Taylor“. Darunter türmen sich nun Autowracks und Schuttberge.

Doch Narindas Blick ist weich, seine Stimme klingt entspannt. „Wir können glücklich sein, wir haben alles überlebt“, sagt er. „Als wir aus dem Fenster schauten, stürmten Dutzende Menschen die Gasse hoch, genau auf unser Geschäft zu. Dahinter sahen wir die Gischt. Die Woge reichte über die Köpfe der Menschen, bis an die Oberkante der Schaufenster. Fünf Urlauber sind in unser Geschäft gedrängt, wir haben sie sofort die Treppen rauf gezogen, alle haben es geschafft.“ Die Nacht haben er und seine Familie auf dem Dach eines hohen Hotels verbracht. „Wenn nach zwölf Stunden kein Nachbeben mehr gekommen ist, müßte es vorbei sein“, sagt der Inder, der seit 18 Jahren für die Touristen Anzüge näht. „Aber auch unser Geschäft ist vorbei. Auf Monate.“

Suche nach Freunden und Verwandten

Am Morgen danach hüllt sich die Küste in sanften Nebel, als wolle sie ihre Wunden verbergen. Doch sie klaffen. Und je höher die Sonne über den Ort steigt, der bis zum zweiten Weihnachtstag um 9.59 Uhr als Urlaubsparadies galt, um so mehr tun sich auf. Tauchlehrer bergen 20 Tote aus einer Tiefgarage. Retter berichten, von einer Klippe seien 60 Menschen ins Meer gespült worden. Und beim Hotel Sofitel, zwei Autostunden die Küste hoch, sollen 200 Menschen vermißt sein - überwiegend Deutsche. Die Zahl mag niemand bestätigen, doch auch in Botschaftskreisen ist von großer Sorge um die Lage in dem Hotel die Rede. In dem kleinen Krankenhaus von Patong werden inzwischen mehr und mehr Leichen unter einem Vordach im Freien gelagert, notdürftig eingeschlagen in blaue Plastikfolie. Draußen haben Helfer ein bunt gestreiftes Zeltdach gegen die Hitze aufgestellt, unter dem diejenigen Schlange stehen, die ihre Verwandten und Freunde suchen.

„Meine Mutter ist tot“, sagt ein Deutscher. „Aber ich weiß nicht, wo mein Vater steckt, ob er es geschafft hat.“ Der Name wird auf eine der langen Listen gesetzt, die nach Herkunftsländern geordnet sind. Die Listen sind auch einer der ersten Anlaufpunkte für Craig Foster. Er arbeitet für den Sicherheitskonzern Hill & Associates in Singapur. Beurteilt Risiken, forscht Übernahmekandidaten aus, berät beim Anlagenschutz. In der Nacht von Sonntag auf Montag aber haben ihn zwei Weltkonzerne gebucht, weil sich ihre Führungskräfte über Weihnachten an der Küste aufhielten. „Einem unserer Klienten sind alle Papiere abhanden gekommen, andere werden vermißt“, sagt Foster. Einen Stadtplan hat er, eine Liste der Krankenhäuser, ein paar Zeitungsausschnitte und - am wichtigsten - zwei lokale Mitarbeiter aus Bangkok. „Keine Ahnung, wie lange es dauern wird. Aber wir werden unseren Auftrag erfüllen.“

Bis auf das Betongerippe weggewaschen

Es wird schwer werden, auch für ihn. Die Thaweewong Road, die direkt hinter der Uferpromenade entlangführt, hätte kein Wirbelsturm, kein Erdbeben schlimmer verwüsten können. Stinkender Sand bedeckt den Asphalt, die „Butterfly“, ein Schnellboot, hat es in ein Restaurant gedrückt. Ein Fischkutter steht quer auf der Uferpromenade. Vor der Diskothek „Banana“ haben sich drei Kleinlastwagen ineinandergeschoben. „Dance the night away“ leuchtet darüber die Reklame. Die riesige Tafel mit dem Porträt des Königs ist umgestürzt. Wenigstens seine Fahnen haben die Menschen aufgerichtet, an Bäume gelehnt. Zwischen den dünstenden Trümmerbergen promenieren Urlauber und zücken ihre Digitalkameras. Die Mädchen tragen Bikinioberteile, die Jungs Badelatschen, mancher einen frischen Verband, die besser ausgerüsteten Helfer Handschuhe. Erste Schwimmer wagen sich über den schuttbedeckten Strand wieder ins Meer. Sie spülen die Bilder der Apokalypse im tropischen Wasser ab.

Ein paar hundert Meter in ihrem Rücken steht das japanische Restaurant „Zen“. Im dessen zweitem Stock strahlt ein Plastikweihnachtsbaum. Das Erdgeschoß aber und der erste Stock sind bis auf das Betongerippe weggewaschen. In der Filiale der „Bank of Ayudhaya“ steht nun ein hellblauer Getränkelastwagen. Sicherheitsleute versuchen, ihn mit einem Panzerwagen herauszuschleppen. Vor dem Oceanplaza drängen sich Touristen und Einheimische: Hier war bis zum Sonntag morgen ein Supermarkt im Tiefgeschoß. 20, vielleicht 30 Helfer ziehen mit bloßen Händen Getränkekartons und Tüten mit Chips, Waschmittel und Bierdosen aus dem Untergrund, werfen sie auf die Straße. Ein Zuschauer meint: „Da unten liegen noch viele begraben.“

Wie in Bali nach den Bombenanschlägen

Die Thailänder sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen, den Verzweiflung und der Wille zum Helfen eint. Einige tragen T-Shirts mit dem Schriftzug „Rescue Phuket“, andere Badelatschen, einer ein Tauchermesser am Bein. Räumgeräte gibt es auch 24 Stunden nach der Katastrophe nicht. „Hier ist nichts organisiert“, sagt ein Hoteldirektor, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Es ist so wie in Bali nach den Bombenanschlägen: Erst nach der Katastrophe merkt man, daß man in einem Entwicklungsland lebt.“

Ein Hort der entwickelten Welt war bis Sonntag morgen das Holiday Inn, direkt am Strand. Hinter der Hecke und der cremefarbenen Mauer begann das Reich des Wolfgang Meusburger. Über 17 Jahre hat der österreichische Manager das Holiday Inn geführt. „Es ist mein Zuhause“, sagt er und schämt sich seiner Tränen nicht. Als die Welle kam, ist Meusburger noch daheim bei seiner Familie. Er steigt ins Auto, rast in die Stadt, wird von Polizeisperren aufgehalten. Die letzten sechs Kilometer rennt er zu Fuß durch die Mittagshitze. Und kann doch nur ohnmächtig mit ansehen, wie die Naturgewalt sein Reich zerstört hat.

Plünderer durchsuchen Treibgut

Die Ruhe nach dem Sturm, die Totenstille, wirkt surreal, lächerlich fast, wie die Kulisse eines Katastrophenfilms. Im Swimmingpool ein roter Lieferwagen. Drumherum ziehen Schwärme kleiner Seefische ihre Bahnen. Zwei Jeeps haben sich im Garten ineinander verkeilt. Turnschuhe, Kleider, CDs, ein zerquetschter Kinderwagen, Koffer und Möbel sind verstreut. Ein schwerer Toyota ruht auf der Pergola, ein Honda-Geländewagen lehnt hochkant an einer Palme. Dort, wo bis Sonntag morgen um zehn Uhr die Rezeption war, steht nun Salzwasser. In der Mittagshitze stinkt es bestialisch.

Eine thailändische Frau stöckelt auf hohen Absätzen durch das Inferno auf der Suche nach ihrer Handtasche. Im Garten streifen die ersten Thailänder um Berge des angespülten Treibgutes. Die noch in Plastiktüten eingeschweißten T-Shirts stecken sie in große Müllsäcke. Die originalverpackten Hemden werden gereinigt und bald wieder zum Verkauf angeboten. „Wir haben Glück“, sagt einer der jungen Plünderer: „Wegen Weihnachten hatten alle Geschäfte an der Uferpromenade große Vorräte angelegt.“ Dann lacht er. „Und die liegen jetzt hier.“ Ein Wachmann wendet sich ab.

Kein Licht, kein Fernsehen, kein Telefon

405 Zimmer hat das Holiday Inn. Die Buchungsrate lag jetzt über Weihnachten bei 96 Prozent, fast tausend Gäste flohen hierher vor der europäischen Kälte. Das Hotel liegt direkt am Strand. „Anfangs galten gut 30 unserer Gäste als vermißt“, sagt Meusburger. „Aber bis auf drei Tote haben wir sie alle lebend gefunden.“ Noch am Sonntag nachmittag hat er die Küche des Cafés öffnen lassen. Obst, Reis und Nudeln gab es, „alles, was wir noch hatten“. Alkohol auszuschenken dagegen hat er verboten. Strom gibt es nicht, kein Licht, kein Fernsehen, kein Telefon. Die Handys schweigen.

„Wir müssen die Gäste jetzt so schnell wie möglich hier herausbekommen“, sagt der Hotelier, dessen Hotel es nicht mehr gibt. Es werde Jahre dauern, bis sich die Stadt, die Region von dem Schock erhole, ihren Ruf bei den Urlaubern wiedergewinne. „Das hier ist schlimmer für Asien als die Bomben auf Bali, als die Lungenkrankheit Sars, als die Hühnerpest. Das hier ist das Schlimmste.“ Und er fügt bitter an: „Einige unserer Gäste werfen uns vor, wir hätten keine Planung. Aber wie wollen Sie so was planen?“

Ihr letztes Weihnachten am Strand

Das sehen die Kochs genauso. Als das Erdbeben kam, waren die beiden Rentner aus Hannover gerade auf dem Weg zum Frühstücksraum des Holiday Inn. Dann sind sie zurück aufs Zimmer, und das lag im sechsten Stock. „Wir haben unendliches Glück gehabt“, sagt Ursel Koch. Erst dachten sie an eine Bombe, dann setzte sich das Rauschen durch, dann sahen sie vom Balkon die Flutwelle. „Es war ein Chaos. Ein Inferno. Die Leichen trieben im Wasser.“ 15 Jahre waren sie immer wieder im Holiday Inn, um in Patong zu überwintern. Es war ihr letztes Weihnachten am Strand. „Das reicht uns. Wir sind zu alt. Wir können nicht mehr weglaufen.“ Sie brauchen es nicht mehr, denn am Flugplatz werden sie von Hansjörg Kuhl begrüßt.

Er ist der Kapitän der ersten Maschine des Urlaubsveranstalters Condor, die es seit der Wiedereröffnung des Flugplatzes am Sonntag abend nach Phuket geschafft hat. Kuhl empfängt seine Passagiere schon am Schalter zum Einchecken - und sie wissen sein beruhigendes Lächeln, seine Zuversicht zu schätzen. Für sie ist Kuhl der Gesandte einer besseren Welt, der rettende Engel, der aus Frankfurt kommt und sie dorthin mitnimmt. „Wir haben Decken geladen, Pantoffeln aus der ersten Klasse für alle, eine doppelte Medizinausrüstung“, sagt Kapitän Kuhl. Eine Notärztin werde Verletzte betreuen. 69 Passagiere mehr als gebucht kann er in die Heimat fliegen. 14 Stunden noch, eine Zwischenlandung in den Emiraten, dann liegt der gräßlichste Urlaub ihres Lebens hinter seinen Fluggästen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2004, Nr. 303 / Seite 7
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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