Dieser Tage hat das Ingenieurkorps des amerikanischen Heeres sich selbst und die Deichanlagen von New Orleans einem Test unterzogen. Der Testlauf für die Dämme, Mauern, Tore und Pumpen kam zur rechten Zeit, denn der Tropensturm „Debby“ hing seit Tagen über dem Golf von Mexiko und hatte im Westen Floridas schon zu schweren Überschwemmungen geführt. Es gab sieben Tote zu beklagen, bevor „Debby“ abgeschwächt auf den Atlantik abzog. Aber der Sturm wird nicht der letzte sein im Golf von Mexiko, und immer wieder trifft es auch Louisiana und New Orleans.
Grund zur Sorge besteht aber nicht in der Stadt. So versicherte jedenfalls das „Army Corps of Engineers“, denn es hat nach eigener Auskunft seinen Selbsttest mit Bravour bestanden: Die tonnenschweren Fluttore aus Stahl konnten planmäßig geschlossen werden, die Pumpen sprangen an, das Wasser schoss in gewaltigen Strömen in die Seewasserlagunen „Lake Pontchartrain“ und „Lake Borgne“ hinaus. Das Hochwasser-Schutzsystem von New Orleans „ist nicht länger bloß dem Namen nach ein System“, versicherte Oberst Ed Fleming, der zuständige Bereichskommandeur. Es sei nun, knapp sieben Jahre nach den verheerenden Überschwemmungen bei den Hurrikanen Katrina und Rita vom August 2005, gewappnet für jeden „Jahrhundertsturm“.
Schutzanlagen für 14,5 Milliarden Dollar
Mit dieser informellen Bezeichnung ist das statistische Risiko von jährlich einem Prozent umschrieben, von einem Hurrikan der Kategorie drei getroffen zu werden. „Katrina“ war ein Hurrikan der höchsten Kategorie fünf, hatte sich zum Zeitpunkt des Aufpralls auf die Landmasse südwestlich von New Orleans aber zu einem Sturm der Kategorie drei abgeschwächt. Katrina wird weithin als „Vierhundertjahr-Sturm“ bezeichnet, weil eine Katastrophe wie die von Ende August 2005 statistisch nur alle 400 Jahre zu befürchten ist.
Für das Ingenieurkorps des amerikanischen Heeres, das für den Bau und die Wartung der Hochwasserschutzanlagen im ganzen Land verantwortlich ist, sind die seit Katrina ausgebesserten und neu errichteten Dämme, Mauern, Fluttore und Pumpen um New Orleans allemal gut genug. Seit September 2005 wurden für die Schutzanlagen um die als „Big Easy“ bekannte Stadt am Fluss Mississippi rund 14,5 Milliarden Dollar verbaut. Heute ist das aus Deichen und Mauern und zumal aus Fluttoren mit riesigen Pumpen bestehende Schutzsystem zusammen rund 214 Kilometer lang. Die schwächsten Glieder, die bei Katrina brachen, waren der Industriekanal und der Kanal an der 17. Straße. In diesen schiffbaren Kanälen wird bei Regenfällen das Wasser gesammelt und aus dem unterhalb des Meeresspiegels liegenden Stadtgebieten hinausgepumpt in die Lagunen nördlich und östlich der Stadt.
Als während Katrina aber das Hochwasser vom Lake Pontchartrain, vom Lake Borgne und auch vom Mississippi-Golf-Schifffahrtskanal in die Stadt drückte, brachen an mehreren Stellen deren Dämme und Flutmauern: New Orleans versank in den Wassermassen, mehr als 1800 Menschen kamen ums Leben. Das meiste Geld aus dem Bundesbudget in Washington für den Hochwasserschutz floss in den Bau neuer Fluttore und Barrieren zu den Lagunen. Der „Seabrook Floodgate Complex“ am Lake Pontchartrain hat gut 165 Millionen Dollar gekostet. Gut eine Milliarde Dollar hat gar der Bau des „West Closure Complex“ am Schifffahrtskanal südlich von New Orleans verschlungen. Dort befinden sich die größten Wasserpumpanlagen der Welt und die größten Fluttore Amerikas. Hat die Regierung in Washington also das seinerzeit von Präsident George W. Bush abgegebene Versprechen eingelöst, weder Kosten noch Mühen zu sparen, um New Orleans vor dem nächsten großen Sturm zu schützen? Tim Doody, Präsident des Deichkomitees von New Orleans, sieht das ganz anders als Oberst Fleming vom Ingenieurkorps. Die neuen Schutzanlagen „sind beklagenswert unangemessen“, sagt Doody. Der Klimawandel und steigende Meerespegel erhöhten nach Ansicht vieler Klimaforscher die Wahrscheinlichkeit verheerender Hurrikane und Hochwasser signifikant, so Doody. Ein angemessener Schutz sehe anders aus als das, „wofür das Land zu bezahlen bereit ist“.
Keine Stadt in Amerika wächst wie „Big Easy“
Ob die neuen Anlagen nicht nur dem Test ihrer Bauherren, sondern auch der Wirklichkeit standhalten werden, wird der nächste „Jahrhundertsturm“ zeigen. Wann der kommt, weiß niemand. Klar aber ist, dass alle hochfliegenden Pläne zum Umbau und Rückbau von New Orleans, die von Städtebauern und Soziologen nach Katrina entworfen wurden, längst Makulatur sind. New Orleans wächst, wie es den Menschen, den Unternehmern, den Häuslebauern gefällt - und nicht nach dem Willen der Stadtplaner. Auch im „Lower Ninth Ward“, gleich neben dem im August 2005 geborstenen Industriekanal gelegen, werden wieder fleißig Häuser gebaut, obwohl das besonders tief unter dem Meeresspiegel gelegene einstige schwarze Wohnviertel komplett hätte aufgelassen werden sollen.
In New Orleans herrscht Aufbruchstimmung, auch wenn die Spuren der Jahrhundertflut vielerorts heute noch zu sehen sind. Im Jahr nach Katrina wohnten nur noch 225.000 Menschen in der Stadt, halb so viele wie vor der Katastrophe. Sechs Jahre später sind es wieder mehr als 360.000. Keine andere amerikanische Stadt wächst so schnell wie „Big Easy“. Die Arbeitslosenquote liegt bei 7,2 Prozent, einen ganzen Prozentpunkt unter dem Landesdurchschnitt. 2011 kamen 8,75 Millionen Touristen und Kongressbesucher nach New Orleans und gaben 5,5 Milliarden Dollar aus - ein Rekordwert. Laissez les bons temps rouler! Und ganz gewiss nicht nur zu Mardi Gras.