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Erdbeben in Italien : Benedikts Kirche in Nursia liegt in Trümmern

Nur die Fassade steht noch: Die Kirche „San Benedetto“ in Nursia. Bild: AP

Wieder bebt die Erde in Mittelitalien. Nun sind auch Gebäude zerstört, die bisher standhielten. Viele Menschen trauen sich nicht mal in ihr Zuhause zurück, wenn es unbeschädigt ist.

          Was bisher standgehalten hatte, ist nun eingestürzt. Viele Häuser, die schon von den jüngsten Beben in Mittelitalien beschädigt worden waren, brachen nach den Erdstößen am Sonntagmorgen in sich zusammen. Über allen Bergorten im Apennin zwischen Norcia und Amatrice waren große Staubwolken zu sehen. Getroffen wurden vor allem historische Bauten und gotische Kirchen, so in Norcia (Nursia) der Dom und die Kirche, die dem heiligen Benedikt geweiht ist, der hier um das Jahr 480 geboren wurde. Die 5000-Einwohner-Stadt hat mit dem Erdbeben vom vergangenen Mittwoch und vom Sonntag die Hoffnung verloren, die Erdbebenserie heil zu überstehen.

          Geflohene Menschen vor der zerstörten Kirche in Nursia. Bilderstrecke
          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Nach dem Erdbeben im August war das Städtchen noch als Beispiel dafür angeführt worden, wie erdbebensicheres Bauen und Sanieren die Substanz auch historischer Häuser sichern könnte. Denn nach dem Erdbeben von Umbrien im Jahr 1997 hatte sich Norcia um Sicherheit bemüht. Doch das Beben vom Sonntag war nach Angaben des Katastrophenschutzes rund acht Mal so stark wie diejenigen vom August und vom Mittwoch.

          Dem italienischen Zivilschutz zufolge gibt es diesmal aber keine Vermissten. „Es wird niemand gesucht“, sagte der Chef der Behörde, Fabrizio Curcio, am Sonntagnachmittag der Nachrichtenagentur Ansa. Er bestätigte, dass es keine Berichte über Todesopfer gibt. Mehrere Personen wurden lebend aus Trümmern geborgen. Rund 20 Menschen seien verletzt worden, es schwebe aber niemand in Lebensgefahr.

          Auch in Rom liefen die Einwohner auf die Straße

          Seismologen wie Gianluca Valensise vom Institut für Geophysik erklären das Beben mit einem einem Dominoeffekt. Während etwa Kalifornien von einem einzigen Erdspalt durchzogen sei, gebe es in Mittelitalien ein kompliziertes System von kleinen Spalten, die durch Aktivitäten in der Nachbarschaft angestoßen würden. Dadurch habe es nun nach dem großen Beben vom August in Amatrice ein weiteres gegeben, nördlich in den Marken, und nun ein drittes zwischen diesen beiden Epizentren.

          Das sei immer noch günstiger als ein einziges großes Beben, in dem all die Erschütterungen der vergangenen Wochen vereint wären. Ein solches Beben hätte nach übereinstimmenden Aussagen von Fachleuten eine Stärke von mindestens sieben gehabt – wäre also, weil die Skala einen Logarithmus misst, rund zehn Mal so stark gewesen wie die Beben von Amatrice am 24. August mit einer Stärke von 6,0 oder das Beben der Stärke 5,9 vom Mittwoch.

          Das Beben vom Sonntag war bis Bozen in Südtirol oder bis Taranto in Süditalien zu spüren. Auch in Rom liefen die Einwohner auf die Straße. Die römische U-Bahn musste vorübergehend geschlossen werden, um die Tunnel auf Sicherheit zu prüfen. Bürgermeisterin Virginia Raggi hat für diesen Montag alle Schulen in Rom schließen lassen, um die Sicherheit der Gebäude zu überprüfen, deren Instandhaltung ohnehin als schlecht gilt.

          Es werden nun wieder Nachbeben erwartet

          Die Erdbeben werfen die Bewohner Zentral-Italiens zurück. In Amatrice hatte man bereits begonnen, sich in Richtung Wiederaufbau zu orientieren. Nun hat der Chef des italienischen Katastrophenschutzes, Fabrizio Curcio, mitteilen müssen, dass die Untersuchungen, mit denen über die Sicherheit jedes einzelnen stehengebliebenen Gebäudes geurteilt wird, nun von vorne beginnen müssen. Zugleich werden nun wieder Nachbeben erwartet. Davon gab es seit dem 24. August rund 18.000. Nach dem Beben vom Sonntagmorgen wurden bis zum Nachmittag allein 15 Nachbeben gezählt, die eine Stärke von mehr als vier hatten.

          Ministerpräsident Matteo Renzi suchte jeglicher Niedergeschlagenheit entgegenzuwirken, indem er sagte: „Wir werden alles wiederaufbauen, die Häuser, die Denkmäler und die Unternehmen.“ Das nötige Geld sei vorhanden. Mit polemischem Ton gegenüber den Defizitregeln aus Brüssel sagte er: „Wir haben keinen Respekt für technokratische Regeln.“

          Der Katastrophenschutz muss nun damit zurechtkommen, dass sich Bewohner der getroffenen Gebiete weigern, ihren Wohnort zu verlassen, während sich andere nicht mehr trauen, in ihren leicht getroffenen Häusern zu übernachten. „Das Erdbebengebiet hat sich nun stark ausgedehnt“, sagte Curcio. Er wollte aber nicht bestätigen, dass die Zahl der Obdachlosen von bisher rund 4000 auf weit mehr als 10.000 wachsen könne. „Viele wollen im Moment nicht zu Hause wohnen, auch wenn ihr Haus unbeschadet ist.“

          Wie man Erdbeben-Stärken misst

          Die Stärke von Erdbeben wird mit Seismographen gemessen. Die Geräte zeichnen die Stärke von Bodenbewegungen auf, die sogenannte Magnitude. Weltweit kommen jährlich etwa 100.000 Beben der Stärke 3 vor. Rund 1600 haben die Stärken 5 oder 6. Ein Großbeben hat mindestens den Wert 8 und tritt etwa einmal im Jahr auf.

          Das heftigste bisher auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile. Erdbeben können je nach Dauer, Bodenbeschaffenheit und Bauweise in der Region unterschiedliche Auswirkungen haben. Meist gilt:

          Stärke 1-2: schwaches Beben, nur durch Instrumente nachzuweisen

          3: Nur in der Nähe des Epizentrums zu spüren

          4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden

          6: Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen

          7: In weiten Gebieten stürzen Häuser ein, viele Tote

          8: Verwüstung im Umkreis Hunderter Kilometer, sehr viele Tote

          Die Intensität des Bebens nimmt dabei nicht gleichmäßig nach oben zu – mit jedem Stärke-Punkt Unterschied steigt die Erschütterungsenergie vielmehr um über das 30-Fache. Ein Beben der Stärke 6 setzt rund 1000 Mal so viel Energie frei wie ein Beben der Stärke 4. Die Energie eines solchen Bebens der Stärke 6 entspricht in etwa derjenigen der Atombombenexplosion über Hiroshima.

          Früher wurde die Erdbebenstärke nach der sogenannten Richterskala bestimmt. Der amerikanische Geophysiker Charles Francis Richter hatte die Skala 1935 speziell für Kalifornien ausgearbeitet, wo es entlang des Sankt-Andreas-Grabens häufiger zu Erdstößen kommt. Die klassische Richterskala gilt jedoch bei großen Beben als nicht besonders genau. Erdbebenforscher verwenden deshalb heute modernere Magnituden-Skalen. Ursache der Beben ist ein ruckartiger Abbau von Spannungen, die sich durch Reibungen von Erdplatten aneinander oder durch das Abtauchen der einen Platte unter eine andere ergeben können.

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