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Psychologe im Interview : Sind die Deutschen unfähig zu trauern?

Stiles Gedenken statt großer Geste? Blumen und Kerzen am Breitscheidplatz am Tag nach dem Anschlag. Bild: Jens Gyarmaty

Georg Pieper betreut seit Jahrzehnten Opferangehörige. Was hält er von dem Vorwurf, hierzulande werde der Opfer des Anschlags auf einen Berliner Weihnachtsmarkt nicht angemessen gedacht?

          Herr Pieper, der italienische Staatspräsident stand auf dem Rollfeld, als die sterblichen Überreste einer jungen Italienerin, die bei dem Anschlag vom 19. Dezember auf dem Berliner Breitscheidplatz getötet worden war, in Italien ankamen. Und der polnische Staatspräsident kniete vor dem Sarg des vom Attentäter getöteten Lastwagenfahrers, als der bei Stettin beigesetzt wurde. In Deutschland fehlten solche großen politischen Gesten. Man ging schnell zur Tagesordnung über. Ein Fehler?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft.

          Man ist in Deutschland ziemlich vorsichtig damit, getötete Menschen als Helden zu stilisieren. Es herrscht hier stattdessen eine Tendenz vor, zu sagen: Wir sollten das nicht zu hoch hängen. Ich persönlich halte das für klug. In Zeiten, in denen die Angst vor Terrorismus wächst, Menschen ausländerfeindlicher werden, ist diese Herangehensweise psychologisch sinnvoll.

          Das sehen nicht alle so. Der Koordinator der Berliner Notfallseelsorge hat eine „mangelnde politische Gedenkkultur“ beklagt. Und die Frau eines Schwerverletzten hat kritisiert, dass der Bundestag seine Weihnachtspause nicht für eine Schweigeminute unterbrochen hat. Das Verhalten der Politiker bezeichnete sie als „traurig und unwürdig“.

          Dieser Frau ist Schreckliches widerfahren. Nur: Jede noch so große Gedenkfeier wird das nicht ändern. Jeder leidet anders. Ich kenne auch Opferangehörige, die sich dagegen gewehrt haben, dass sie und ihre Trauer in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Sie sagten dann Dinge wie: „Jetzt schwingen die Politiker große Reden, mein Leben aber ist zu Ende.“ Jeder trauert anders. Es ist unmöglich, es allen Betroffenen Recht zu machen.

          Das Grubenunglück von Stolzenbach 1988, das ICE-Unglück in Eschede 1998, der Amoklauf von Erfurt 2002 und der Germanwings-Absturz in Frankreich 2015: Georg Pieper, psychologischer Psychotherapeut, hat bei unzähligen Katastrophen Angehörige betreut. Im Februar erscheint sein Buch „Die neuen Ängste - Und wie wir sie besiegen können“.
          Das Grubenunglück von Stolzenbach 1988, das ICE-Unglück in Eschede 1998, der Amoklauf von Erfurt 2002 und der Germanwings-Absturz in Frankreich 2015: Georg Pieper, psychologischer Psychotherapeut, hat bei unzähligen Katastrophen Angehörige betreut. Im Februar erscheint sein Buch „Die neuen Ängste - Und wie wir sie besiegen können“. : Bild: dpa

          Trotzdem bleibt der Eindruck, dass den Opfern in Deutschland vergleichsweise wenig Beachtung geschenkt wurde. Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo marschierten Hunderttausende durch Paris, der Präsident vorneweg.

          Diese große Geste ging bei François Hollande Hand in Hand mit einer martialischen Rhetorik. Er hat immer wieder vom Krieg gegen den Terror gesprochen. Diese Rhetorik aber heizt Angst und Hass an. Bundespräsident Joachim Gauck hingegen hat sehr besonnen auf den Anschlag in Berlin reagiert. Zu sagen: Wir trauern um die Menschen, aber wir geben uns nicht dem Hass hin: Das war gut.

          Wie sieht es mit der deutschen Bevölkerung aus? Viele Berliner reagierten gelassen bis trotzig auf den Anschlag. Trügt der Eindruck oder war auch hier die Trauer nicht so massiv wie in Frankreich?

          Nein, dieser Eindruck trügt wohl nicht. Ich denke, die Reaktionen sind so mild ausgefallen, weil man mit noch Schlimmerem gerechnet hatte. Damit ist nicht gemeint, dass zwölf Tote wenig sind. Aber hätte es hundert Tote gegeben, wären die Reaktionen sicherlich anders ausgefallen. Gleichzeitig ist Berlin vielleicht auch einfach eine besondere Stadt. Ein YouTuber hat unmittelbar nach dem Anschlag ein Video veröffentlicht, in dem er sagt, der Attentäter habe sich die falsche Stadt ausgesucht. Denn Berlin habe zwei Weltkriege in den Knochen und kenne die Hölle. Es werde um seine Toten trauern und dann weitermachen wie bisher. Das fand ich stark.

          Ein Kollege von Ihnen hat in der „Welt“ einen Gastbeitrag zur deutschen Unfähigkeit zu trauern verfasst und sich auf das gleichnamige 50 Jahre alte Buch von Alexander und Margarete Mitscherlich bezogen. Was halten Sie davon?

          Dieses Buch ist für heutige Vergleiche überhaupt nicht geeignet. Es ist richtig, dass man direkt nach dem Zweiten Weltkrieg der öffentlichen Trauer aus dem Weg gegangen ist, aber das hat sich sehr geändert. Wir haben eine sich immer besser entwickelnde Trauerkultur in Deutschland. Schon 1988 gab es zum Beispiel nach dem Grubenunglück von Stolzenbach eine christlich-muslimische Gedenkfeier.

          Nach der Kritik von Opferangehörigen reagiert die Politik: An diesem Donnerstag hat das Berliner Abgeordnetenhaus eine Schweigeminute eingelegt. Nächste Woche folgt der Bundestag, Bundestagspräsident Norbert Lammert wird eine Rede halten. Halten Sie von Schweigeminuten mehr als von Trauermärschen?

          Ja. Solche Rituale sind wichtig und hilfreich. Übrigens hat es ja nach dem Anschlag in jedem Fußballstadion eine Gedenkminute gegeben. Ich habe selbst eine miterlebt, da waren mehr als 50.000 Menschen, die eigentlich Fußball im Kopf hatten, mucksmäuschenstill. Gedenkmomente sind gut, wenn sie nicht so bombastisch inszeniert werden, dass sich manche mit Grauen abwenden. Denn sie fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen. Und das brauchen wir, um uns alle darauf zu besinnen, was wir zu verteidigen haben: Unsere Freiheit.

          Quelle: FAZ.NET

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