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Ein Jahr nach dem Erdbeben : Notstand als Normalität in Amatrice

3.38 Uhr: Zum Zeitpunkt des Erdbebens blieb die Turmuhr stehen. (Archivfoto) Bild: dpa

Vor einem Jahr bebte die Erde im italienischen Amatrice. Seither folgten Zehntausende Erdstöße. Die Stadt ist völlig zerstört, was mit ihr geschieht, ist immer noch nicht entschieden.

          Trümmerberge rechts und links auf jeder Straße. Im alten Kern der Stadt Amatrice zu Füßen des 2400 Meter hohen Monte Gorzano im Norden von Latium stehen nur noch der mittelalterliche Turm Torre Civica und ein weiteres Haus – lädiert, die Fassaden voller Risse. Alle anderen Gebäude, Wohnhäuser, Rathaus, Restaurants, Kirchen, bilden, ohne dass man sie voneinander unterscheiden könnte, ein einziges Trümmermeer. Die Feuerwehr fährt zwei Reporter durch die „rote Zone“, die sonst für jedermann verboten ist. Selbst frühere Anwohner brauchen einen Passierschein, um die eigenen Trümmer zu besuchen.

          Jörg Bremer

          Politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

          Der Jeep der Feuerwehr kommt in jede der freigeräumten alten Straßen gut hinein. Der große Lastwagen, der an diesem Tag wieder Geröll aus der Stadt herausholen soll, hat es hingegen schwerer; die Ortsstraßen sind nur knapp zweispurig. Der Lastwagen kann es allerdings behutsam angehen lassen. Es tut sich sonst nichts in Amatrice: keine weiteren Aufräumarbeiten, keine Baumaßnahmen. Selbst Hund und Katze scheinen der Stadt Adieu gesagt zu haben.

          Immer wieder kommen „Touristen“ nach Amatrice

          Metallschranken und Trassierband trennen die toten Trümmer von dem Leben drum herum. Soldaten bewachen das Areal, als lauere in den Trümmern der Drache vom Berg. Dabei liegt auf diesem 1000 Meter hohen Bergrücken unter glühend heißer Sonne nur der Rest einer 1000 Jahre alten Siedlung brach.

          Immer wieder kommen „Touristen“, heute sind es Pfadfinder aus Apulien, die sich mit Bürgern der Stadt unterhalten wollen. Meist sind nur noch sie Abnehmer der so oft schon gehörten Geschichten. Zum Beispiel der von dem Hund, der ein Leben rettete. Der alte Hundebesitzer erzählte sie vor einem Jahr zum ersten Mal. Damals stand der schwarze Terrier noch schwanzwedelnd neben ihm, und der Mann berichtete, wie das Tier in vorgerückter Nacht so jämmerlich gejault habe, dass er das Haus verlassen habe und in den Vorgarten gegangen sei. Dort habe er vergeblich versucht, das Tier zu beruhigen. Dann habe sich auch für ihn spürbar die Erde bewegt. Erst seien die Wände des Nachbarhauses zusammengebrochen, dann das Dach seines eigenen Hauses; und während sich der Lärm der grollenden Erde und der einstürzenden Gebäude langsam gelegt habe, habe er schon die ersten Schreie nach Hilfe gehört. Er habe gesund überlebt.

          Viele sind in Apathie und Hoffnungslosigkeit gefallen

          Das Beben habe um 3.38 Uhr begonnen, berichtete der ältere Mann am Morgen jenes 24. Augusts vor einem Jahr. Genau zu dieser Uhrzeit blieb damals auch die Turmuhr des Torre Civica stehen, die so zum Mahnmal der Katastrophe wurde. Es waren in jener Nacht die ersten von vielen Zehntausend Erdstößen, die seither das alte Amatrice vernichteten. Mittlerweile sind die 298 Toten längst beerdigt, es verwelken schon die Rosen auf ihren Gräbern, und jüngst ist auch der altersschwache Terrier verendet.

          Ein Jahr später: Blick auf Trümmer in der Sperrzone des Zentrums von Amatrice Bilderstrecke
          Ein Jahr später: Blick auf Trümmer in der Sperrzone des Zentrums von Amatrice :

          Heute herrscht ein Notstand, der zu einer Normalität geworden ist, die sich als schwere Last aufs Gemüt legt. Die ältere Frau, deren Sohn in einem Wohnwagen nicht weit vom Behelfsrathaus wohnt, scheint nach einem Jahr die Einzige im Ort zu sein, die bei allem Schmerz nicht in Apathie oder Hoffnungslosigkeit gefallen ist. Ihr Sohn arbeite in der Gemeinde und habe so einen guten Arbeitsplatz, sie wohne mal im Wohnwagen, mal bei Verwandten vor der Stadt. Ja, es seien viele Familienmitglieder umgekommen, erzählt sie und gießt die Blümchen, die aus den Töpfen vor dem Wohnwagen gucken. „Jammern würde doch nicht weiter helfen.“ Im September noch bekämen die letzten verbliebenen Obdachlosen von Amatrice ihr Behelfshaus, „und darauf freuen wir uns“.

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