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New York Ein vergessener Stadtteil hilft sich selbst

 ·  In New York hat Hurrikan „Sandy“ kein Viertel so hart getroffen wie Staten Island – und schon kommt der nächste Sturm.

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Gäbe es nicht ringsherum Häuserruinen, könnte man meinen, auf einem Straßenfest gelandet zu sein. Fast an jeder Ecke hier in Tottenville auf der New Yorker Insel Staten Island wird gegrillt, und es stehen Paletten mit Getränken herum. Die Verpflegungsstationen haben freilich eine traurige Aufgabe: Das küstennahe Viertel ist vor gut einer Woche vom Wirbelsturm Sandy verwüstet worden. Jetzt hilft man hier denen, die es am schlimmsten getroffen hat. Am Donnerstag wurde alles noch schlimmer, als sich Schnee auf die Trümmer legte. Athena, ein „normaler“Wintersturm, erreichte die amerikanische Ostküste, also auch New York, und brachte eisige Kälte, Schnee, starke Windböen und abermalige Stromausfälle mit sich.

Am schwer beschädigten Haus von Michelle Zito kommt dieser Tage alle paar Minuten jemand vorbei. Erst fragen drei Jugendliche, ob sie beim Aufräumen mit anpacken können. Dann erscheint ein Nachbar mit einem Tablett voller Grillwürstchen. Später verteilen zwei Mitarbeiter des italienischen Lokals „Fratelli“ Gratis-Pizza. Die Menschen in Staten Island sind eine verschworene Gemeinschaft geworden, vereint in dem Gefühl, vom Rest New Yorks ausgeschlossen zu sein. Also lernen sie, sich gegenseitig zu helfen.

Tottenville gibt noch immer ein desolates Bild ab. Viele Häuser sehen aus, als ob sie auf Stelzen stünden. Das Sturm-Hochwasser kam mit solcher Gewalt, dass es ganze Erdgeschosse mitriss, von denen jetzt nur die tragenden Pfeiler übriggeblieben sind. Einige Häuser am Ufer wurden ganz weggeschwemmt. Was blieb, liegt herum: Pfannen, Fernsehgeräte, ein Bügelbrett. Bagger schieben die Trümmer zusammen. Viele Bewohner tragen Masken.

Die fatale Entscheidung, auszuharren

Das Haus von Michelle Zito steht noch, aber sie hält es für unbewohnbar. In der Nacht, als der Hurrikan hier tobte, hat die 32 Jahre alte Lehrerin Stunden der Angst durchlebt. Das Wasser stieg bis auf die oberste Stufe der zwei Meter hohen Treppe vor ihrer Tür, das Haus wackelte bedrohlich. Zito und ihr Mann sahen keine andere Wahl: Sie stürzten sich mit dem zwei Jahre alten Sohn in die Fluten. „Da sind Kühlschränke und Sofas herumgeschwommen.“ Am Ende ging alles gut: Polizisten halfen der Familie, sich auf ein im Wasser treibendes Dach zu retten. Von dort konnte sie sich schließlich in Sicherheit bringen.

Eine dreiköpfige Familie nur ein paar Häuser näher am Ufer hatte weniger Glück. Ebenso wie Michelle Zito hatten diese Nachbarn die Evakuierungsanweisung für ihr Viertel nicht beachtet. Beim Hurrikan Irene vor gut einem Jahr hatte sich die Familie noch in Sicherheit gebracht - und es hinterher bedauert: Irene war nicht so schlimm wie erwartet, dafür war bei der Rückkehr das Haus ausgeraubt. Deshalb trafen sie dieses Mal die fatale Entscheidung auszuharren. Der Sturm riss ihr Haus mit, der Vater und die 13 Jahre alte Tochter kamen ums Leben, die Mutter ist schwer verletzt. Von dem Haus sind nur noch das Fundament und ein paar Treppenstufen übrig. Ein paar Meter daneben erinnern Blumen an das Schicksal der Familie.

Die „harmlose“ Irene hatte viele Bewohner Staten Islands in falsche Sicherheit gewiegt. „Hier hat keiner damit gerechnet, dass uns bei Sandy so etwas passieren könnte“, sagt der für Staten Island zuständige Stadtrat Vincent Ignizio bei einem Rundgang durch das Viertel. Staten Island verzeichnet mehr als die Hälfte der 40 Todesopfer in New York. Wie hart es die Insel getroffen hat, ging nach dem Sturm in der öffentlichen Wahrnehmung zunächst unter. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf andere Teile der Stadt, vor allen Manhattan. Auch Bürgermeister Michael Bloomberg kam erst fünf Tage nach dem Hurrikan nach Staten Island. „Man hat uns erst einmal allein gelassen“, klagt der 25 Jahre alte Keith Lambe, der auf der Insel aufgewachsen ist und jetzt zurückkam, um seinen Eltern beim Aufräumen ihres übel zugerichteten Hauses zu helfen.

Der vergessene Stadtteil

„Staten Island war schon immer so etwas wie der vergessene Stadtteil“, sagt die 25 Jahre alte Elizabeth Manning aus Tottenville. Neben Manhattan, Brooklyn, Queens und der Bronx gehört Staten Island zu den fünf Stadtbezirken („boroughs“) von New York. Staten Island ist gemessen an der Fläche der drittgrößte Stadtteil, hat aber mit weitem Abstand die wenigsten Einwohner und ist aus Sicht anderer New Yorker auch am wenigsten „hip“. Touristen strafen Staten Island mit Desinteresse: Viele nehmen die berühmten orangefarbenen Gratisfähren auf die Insel, um den Blick auf die Skyline Manhattans und die Freiheitsstatue zu genießen, fahren dann aber gleich zurück.

Staten Island ist ein ruhiges Arbeiterviertel, die meisten Bewohner sind italienischer oder irischer Abstammung - eine andere Welt als Manhattan mit seinem Großstadtglamour. Aber die Menschen sind stolz auf ihre Heimat. Elizabeth Manning erzählt: „Manche verlassen Staten Island ihr ganzes Leben nicht.“ Sie wurde von Sandy weitgehend verschont, sie war in ihrem Haus nur einige Tage ohne Strom. Wie viele in der Region kann sie aber viele Schreckensgeschichten erzählen. Ihre 86 Jahre alte Großmutter etwa wohnte in einem der 110 Häuser in Breezy Point im Stadtteil Queens, die in der Nacht des Sturms abbrannten. Die alte Frau blieb unverletzt, weil sie vorher Unterschlupf bei ihrer Tochter in New Jersey gefunden hatte. Dass ihr Haus verbrannt war, erfuhr sie wegen des Stromausfalls erst nach Tagen.

Stadtrat Ignizio zeigt sich überzeugt davon, dass Tottenville wiederaufgebaut werden kann und so sein wird wie vor dem Sturm. „Wir sind jetzt noch in der Phase des Trauerns, aber wir werden uns davon erholen.“ Michelle Zito, die mit ihrer Familie fürs erste bei den Schwiegereltern untergekommen ist, weiß noch nicht, wie es weitergehen soll. Sie kann seit dem Sturm kaum schlafen und hat finanzielle Sorgen. Von der Versicherung wird vielleicht weniger Geld kommen, als sie noch Schulden auf das beschädigte Haus hat. Wieder an der gleichen Stelle so nahe am Ufer zu wohnen kann sie sich nach den Erlebnissen der vergangenen Tage nicht vorstellen. Aber ihre Heimat Staten Island zu verlassen kommt nicht in Frage.

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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