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New York : Ein vergessener Stadtteil hilft sich selbst

Knapp davongekommen: Michelle Zito im verwüsteten Staten Island Bild: Roland Lindner

In New York hat Hurrikan „Sandy“ kein Viertel so hart getroffen wie Staten Island – und schon kommt der nächste Sturm.

          Gäbe es nicht ringsherum Häuserruinen, könnte man meinen, auf einem Straßenfest gelandet zu sein. Fast an jeder Ecke hier in Tottenville auf der New Yorker Insel Staten Island wird gegrillt, und es stehen Paletten mit Getränken herum. Die Verpflegungsstationen haben freilich eine traurige Aufgabe: Das küstennahe Viertel ist vor gut einer Woche vom Wirbelsturm Sandy verwüstet worden. Jetzt hilft man hier denen, die es am schlimmsten getroffen hat. Am Donnerstag wurde alles noch schlimmer, als sich Schnee auf die Trümmer legte. Athena, ein „normaler“Wintersturm, erreichte die amerikanische Ostküste, also auch New York, und brachte eisige Kälte, Schnee, starke Windböen und abermalige Stromausfälle mit sich.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Am schwer beschädigten Haus von Michelle Zito kommt dieser Tage alle paar Minuten jemand vorbei. Erst fragen drei Jugendliche, ob sie beim Aufräumen mit anpacken können. Dann erscheint ein Nachbar mit einem Tablett voller Grillwürstchen. Später verteilen zwei Mitarbeiter des italienischen Lokals „Fratelli“ Gratis-Pizza. Die Menschen in Staten Island sind eine verschworene Gemeinschaft geworden, vereint in dem Gefühl, vom Rest New Yorks ausgeschlossen zu sein. Also lernen sie, sich gegenseitig zu helfen.

          Tottenville gibt noch immer ein desolates Bild ab. Viele Häuser sehen aus, als ob sie auf Stelzen stünden. Das Sturm-Hochwasser kam mit solcher Gewalt, dass es ganze Erdgeschosse mitriss, von denen jetzt nur die tragenden Pfeiler übriggeblieben sind. Einige Häuser am Ufer wurden ganz weggeschwemmt. Was blieb, liegt herum: Pfannen, Fernsehgeräte, ein Bügelbrett. Bagger schieben die Trümmer zusammen. Viele Bewohner tragen Masken.

          Die fatale Entscheidung, auszuharren

          Das Haus von Michelle Zito steht noch, aber sie hält es für unbewohnbar. In der Nacht, als der Hurrikan hier tobte, hat die 32 Jahre alte Lehrerin Stunden der Angst durchlebt. Das Wasser stieg bis auf die oberste Stufe der zwei Meter hohen Treppe vor ihrer Tür, das Haus wackelte bedrohlich. Zito und ihr Mann sahen keine andere Wahl: Sie stürzten sich mit dem zwei Jahre alten Sohn in die Fluten. „Da sind Kühlschränke und Sofas herumgeschwommen.“ Am Ende ging alles gut: Polizisten halfen der Familie, sich auf ein im Wasser treibendes Dach zu retten. Von dort konnte sie sich schließlich in Sicherheit bringen.

          „Sandy, du hast unsere Herzen gebrochen“: Der „harmlose“ Sturm Irene hatte jetzt viele Bewohner in falsche Sicherheit gewiegt.
          „Sandy, du hast unsere Herzen gebrochen“: Der „harmlose“ Sturm Irene hatte jetzt viele Bewohner in falsche Sicherheit gewiegt. : Bild: Roland Lindner

          Eine dreiköpfige Familie nur ein paar Häuser näher am Ufer hatte weniger Glück. Ebenso wie Michelle Zito hatten diese Nachbarn die Evakuierungsanweisung für ihr Viertel nicht beachtet. Beim Hurrikan Irene vor gut einem Jahr hatte sich die Familie noch in Sicherheit gebracht - und es hinterher bedauert: Irene war nicht so schlimm wie erwartet, dafür war bei der Rückkehr das Haus ausgeraubt. Deshalb trafen sie dieses Mal die fatale Entscheidung auszuharren. Der Sturm riss ihr Haus mit, der Vater und die 13 Jahre alte Tochter kamen ums Leben, die Mutter ist schwer verletzt. Von dem Haus sind nur noch das Fundament und ein paar Treppenstufen übrig. Ein paar Meter daneben erinnern Blumen an das Schicksal der Familie.

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