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Nach dem Beben in Italien Wir wanken, geben aber nicht auf

 ·  Den kleinen Ort San Felice Sul Panaro in Italien hat das zweite Beben hart getroffen – doch seine Bewohner wollen den Mut nicht verlieren. Sie bauen sich gegenseitig auf.

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© Martino Lombezzi/contrasto/laif Drei Türme sind schon gefallen: Das 500 Jahre alte Kastell im Ort San Felice Sul Panaro ist vom Erdbeben gezeichnet

Ein stilles Dorf in der Emilia-Romagna nicht weit von Modena. Im Zentrum steht ein Kastell, das einst der Familie D’Este gehörte. Hier am Ortsrand scheint in der Nacht zum Donnerstag der Mond auf duftende Rosenbüsche, den frisch geschnittenen Rasen. Romantisch mutet das Haus im Garten halb versteckt hinter Bäumen an. Der Schornstein scheint sich höher als gewöhnlich in den Nachthimmel zu recken. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man: Die dritte Etage ist zur Hälfte in sich zusammengebrochen. „Gucken Sie, dort war bis Montag mein Schlafzimmer“, sagt Gianni Lamberti und zeigt auf etwas, das wohl einmal ein Fenster war. Die letzten, Ende Mai schon warmen Nächte schlief er in einem Liegestuhl im Freien. Lamberti und seine Familie sind seit Montagmorgen neun Uhr nicht mehr in ihr Haus zurückgekehrt, seit die Erde fast genauso heftig bebte wie schon am 20. Mai. „Wir schlafen draußen hinterm Haus; und zur Straße hin hält stets jemand Wache. Es könnten Plünderer kommen“.

Seit dem 20. Mai kommt die Erde nicht zu Ruhe. „Das erste Beben vor gut zehn Tagen war mit 6,0 das schwerste“, sagt Gianni Lamberti. „Aber zermürbender ist alles gewesen, was danach kam.“ Vor zehn Tagen kamen sieben Menschen ums Leben, am Montag 17. Rund 8000 Einwohner leben seit dem 20. Mai bei Verwandten, bei Freunden, in Zelten oder anderen Notunterkünften. „Die Erde bebt noch immer“, sagt Lamberti. Kurz darauf hebt er den Finger, als sollte sein Gegenüber die Ohren spitzen. Tatsächlich geht ein Wanken durch die Beine wie nach mehreren Gläsern Lambrusco; aber vielleicht ist es auch nur das aufgeregte Herz, das schneller pocht. „Das eben war nicht viel“, sagt Lamberti. „Gewöhnen aber kann man sich an so etwas nicht.“

Einsturzgefährdet und abgesperrt

Kaum ist am Donnerstag die Sonne wie ein leuchtend roter Ball hinter den Weinstauden der wie ewig großen Lambrusco-Plantagen aufgegangen, setzt sich Lamberti auf sein Fahrrad und radelt in die Dorfmitte. Das Viertel beim Kastell ist einsturzgefährdet und abgesperrt. Nur von einiger Entfernung aus lässt sich die Burg betrachten. Sie entstand kurz nach dem letzten großen Beben in der Region im Jahr 1570. Damals arbeitete die Erde noch Jahre lang. Gianni Lamberti und sein Schulkamerad Roberto Gulio bereden die Lage. Die Polizei habe gesagt, der große Turm des Kastells werde bald einstürzen. Er hat tiefe Risse.

Die drei kleineren Türme sind schon gefallen. Gulio hat sich die Zeitungen geholt. Seitdem der Kiosk im Zentrum geschlossen ist, werden sie an einem Stand am Straßenrand verkauft. Im Nachbardorf musste die Apotheke auf die Straße ziehen: „Wir bitten unsere Kunden um Verständnis. Heute können wir nur Medikamente für Notfälle, vor allem für Kinder und Ältere ausgeben.“ In San Felice gab es bis zum 20. Mai vier Bäckereien. Jetzt gibt es nur noch einen Bäcker, und auch nur noch eine Bar für den Cappuccino am Morgen.

„Dann kam der Montag“

Lamberti und Gulio bereiten sich auf eine lange Zeit der Provisorien und Unsicherheiten vor. „Ich hatte gerade begonnen, die Risse in meinem Haus selbst wieder instand zu setzen“, sagt Gulio. „Dann kam der Montag. Jetzt sagen die Statiker, ich dürfe nur noch im Anbau wohnen.“ Er ist es zufrieden, denn einige hundert Bürger von San Felice mussten in drei Zeltlager ziehen. Dort sind nun alle gleich. Die Großmutter aus der Apotheke-Familie muss mit denselben Feldbetten und Decken auskommen wie die schwarzhäutigen Migranten, die bisher in einem schon halb verfallenen Haus in der Ortsmitte wohnten.

Ganz San Felice trauert um seine beiden Toten, Ingenieur Gianni Bignardi und Mohammed Azarg. Der Muslim aus Tunesien war 1990 Italiener geworden. Er sei ein Vorbild an Hilfsbereitschaft gewesen und eine Brücke zwischen den Kulturen, sagen die Leute in der Bar. Er hatte in einer der Fabriken gearbeitet, deren Dach am Montag über den Arbeitern zusammenstürzte. Am Mittwoch war noch ein vermisster Arbeiter gefunden worden. 13 der 17 Toten vom Montag waren Arbeiter wie Mohammed Azarg. Allein in Medolla kamen vier Arbeiter in den Trümmern der Fabrik des Medizingeräteherstellers Haemotronic ums Leben.

Aufbauende Worte

In Mirandola, das auch zur Provinz Modena gehört, wurden am Donnerstag die Angestellten eines Unternehmens für Herz- und Lungen-Maschinen einbestellt, um ihre Lohnbescheide für Mai entgegenzunehmen. Seit dem 20. Mai arbeitet das international tätige Unternehmen „Sorin - Cardio-Pulmonary-Business-Unit“ schon nicht mehr. In Amerika mussten sogar bereits Operationen abgesagt werden, weil Sorin keine Ersatzteile mehr liefern könne, heißt es. Für einige Zeit bekommen die Arbeitnehmer 80 Prozent ihres Lohns. „Ich hoffe darauf, dass so ein gut aufgestelltes, auf der ganzen Welt exportierendes Unternehmen bald wieder flott ist“, sagt Chiara Martinelli, die gemeinhin im Lager arbeitet. „Aber heute leben wir von einem zum anderen Tag, und versuchen, eine neue Routine zu finden“.

Malgozata, die vor 30 Jahren aus Polen einwanderte und kaum mehr Polnisch spricht, gelingt das nicht. Sie friert trotz der schwülwarmen Luft; sie ist bleich und zittert auch in der Sonne am ganzen Leib: „Ich kann nicht mehr schlafen, habe Angst um mein Kind, bin kopflos“, sagt sie und beginnt zu weinen.“ Eine Kollegin an ihrer Seite muntert sie auf: „Wir wanken zwar, aber wir geben nicht auf.“

„Selbstmöderisches Bauen“

Bei der Erdbebenkatastrophe in Norditalien sind Schäden in Milliardenhöhe entstanden. Die Zeitung „La Repúbblica“ bezifferte das Ausmaß am Donnerstag auf zwei Milliarden Euro. Allein in der Landwirtschaft und Lebensmittelbranche wurden die Schäden nach Angaben des Bauernverbands Coldiretti auf eine halbe Milliarde Euro geschätzt. Die Emilia Romagna ist Heimat des berühmten Balsamico-Essigs und des Parmesan-Käses.

Bei dem Erdbeben der Stärke 5,8 waren am Dienstag in der Region Emilia-Romagna 17 Personen getötet und 350 verletzt worden. In der Nacht zum Donnerstag wurden im betroffenen Gebiet bei Modena weitere 30 Nachbeben registriert. Auch in Süditalien bebte die Erde. In der Gegend von Sapri südlich von Salerno wurden nach Angaben des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie Erdstöße der Stärke 3,0 registriert. Es wurden keine Schäden gemeldet.

Die Staatsanwaltschaft von Modena nahm Ermittlungen auf, warum bei den Beben am Vortag und am 20. Mai so viele Werkshallen eingestürzt sind. „Die nationale Industriepolitik ist, was die Bauten angeht, selbstmörderisch“, sagte der leitende Staatsanwalt von Modena, Vito Zincani. Neben zahlreichen Kirchen und anderen historischen Bauten in der Region trafen die beiden Beben vor allem Fabrikgebäude: Allein in Medolla starben vier Arbeiter in den Trümmern einer Fabrik des Medizingeräteherstellers Haemotronic - Feuerwehrleute bargen am Mittwoch den letzten von ihnen.

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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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