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Meteoriteneinschlag Ein großer Brocken wie vom kleinen Prinzen

Ein Volltreffer sieht anders aus: Der größte Teil des Meteoriten vom Ural war verdampft. Wäre er über Mitteleuropa oder den Ballungszentren in Asien niedergegangen, hätte es dennoch eine Katastrophe geben können.

© dpa Vergrößern Hier ist ein Brocken abgetaucht: Das Loch am Tscherbakul-See am Ural ist am Wochenende schon wieder zugefroren

Als Antoine de Saint-Exupéry seinen „kleinen Prinzen“ auf dem Asteroiden B-612 reitend auf der Erde landen ließ, ging es ohne Donnerknall, ohne gleißenden Feuerball und ohne zerbrochene Fensterscheiben ab. Schließlich landete der Prinz auch nicht im Süd-Ural, sondern in der Sahara, wo er auf die Schlange, die Rose und einen nach seiner Notlandung sehr durstigen Flieger trifft. B-612, die Heimat des kleinen Prinzen, war so groß wie ein Haus.

„2012DA14“, der echte Asteroid, der am Freitagabend an der Erde vorbeirauschte, war größer als B-612. Sein Durchmesser wird auf etwa 50 Meter geschätzt. Der Himmelskörper wiederum, der am Freitagmorgen (Ortszeit) den Himmel über Tscheljabinsk erglühen ließ und dessen Druckwelle rund um die Welt gespürt wurde, war nach Berechnungen der Nasa zwischen 15 und 17 Meter groß - hatte also etwa die Dimensionen von B-612.

Bisher keine Fragmente gefunden

Dass der eine nun als Asteroid, der andere dagegen zunächst als Meteorid - beziehungsweise nach seiner Landung im vereisten Tscherbakul-See - als Meteorit bezeichnet wird, spielt keine Rolle. Die Grenzen zwischen diesen kosmischen Gesteinsbrocken, die allesamt aus der Frühzeit des Sonnensystems vor etwa 4,5 Milliarden stammen, sind fließend. Schon von einer Größe von einigen Metern an können sie erhebliche Schäden anrichten.

Meist wird angenommen, dass ein solcher Treffer ein Zusammenstoß ist. Weil die Erde aber eine Atmosphäre hat, ist ein Volltreffer eines kosmischen Boliden nicht so einfach. So wirken die Luftmoleküle in den höheren Schichten der Atmosphäre wie eine Bremse auf den mit einer Geschwindigkeit von mehreren 10.000 Kilometern pro Stunde heranrasenden Gesteinsbrocken. Aufgrund der beim Bremsen entstehenden Reibungshitze beginnt der Brocken zu verdampfen. Die Hitze und der plötzliche Einfluss der irdischen Schwerkraft lassen den Boliden zudem in mehrere Stücke zerfallen. Berechnungen der Nasa ergaben, dass der allergrößte Teil der ursprünglichen Masse des über dem Ural niedergegangen Meteoriten von mehr als 7000 Tonnen verdampfte. Obwohl bisher noch keine Fragmente am Boden gefunden wurden, dürften sie höchstens einige Dutzend Kilogramm schwer sein. Eines dieser Fragmente traf eine Zinkhütte am nördlichen Stadtrand von Tscheljabinsk.

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Der Eintritt des massiven und extrem schnellen Boliden in die Erdatmosphäre sorgt aber auch dafür, dass die Luft sehr rasch sehr stark komprimiert wird. Dabei entsteht - ähnlich wie beim Überschallknall eines Düsenjägers - eine intensive Druckwelle. Sie war am Freitag so stark, dass sie in der Gegend von Tscheljabinsk Fensterscheiben zerspringen und Hauswände einstürzen ließ.

Glimpflich trotz tausend Verletzten

Diese atmosphärische Druckwelle wurde auch von den Sensoren eines weltumspannenden Messnetzes für Infraschall registriert. Daraus konnten Forscher den Kurs und die Geschwindigkeit des Boliden bestimmen. Nach einer ersten Auswertung von Peter Brown von der Universität von West-Ontario in Kanada trat der Bolide über Alaska in die höchsten Schichten der Erdatmosphäre ein. In den folgenden 32 Sekunden flog er dann über den Nordpol und Sibirien bis in den Süd-Ural, wo er zerplatzte. Der lange Flug deutet nach Angaben von Brown auf einen sehr flachen Eintrittswinkel hin. Außerdem zeige der Kurs des Boliden, dass er nichts mit dem Asteroiden 2012DA14 zu tun hatte, der wenige Stunden später der Erde auf einer ganz anderen Bahn sehr nahe kam.

Nach Meinung der ehemaligen Astronauten Rusty Schweickart und Ed Lu - der erste flog mit Apollo, der zweite flog im Space Shuttle und in der Raumstation - ist der Meteoritentreffer am Freitag trotz der mehr als 1000 Verletzten noch glimpflich verlaufen. Das lag einerseits an seiner im kosmischen Maßstab geringen Masse. Ein schwererer Himmelskörper, wie beispielsweise der etwa 1,5 Kilometer große Asteroid, der vor 14,5 Millionen Jahren im heutigen Süd-Deutschland einschlug, hätte katastrophale Folgen gehabt. Er hinterließ das fast 350 Quadratkilometer große Nördlinger Ries. Die Druckwelle war so stark, dass sie die Gesteine auf der Erdoberfläche verdampfen ließ.

Durchsuchung des erdnahen Weltraums

Die Bahn des Meteoriten am Freitag war ein weiterer Grund, warum recht wenig Schaden entstand. Schließlich flog der Bolide die meiste Zeit über unbewohntem Areal. Und selbst im Landegebiet des Süd-Ural ist die Bevölkerungsdichte gering. Wäre er in Mitteleuropa oder einem der Ballungsräume Asiens niedergegangen, hätte der Eintritt eine Katastrophe bedeuten können.

Schweickart und Lu haben sich von Saint-Exupéry inspirieren lassen und gemeinsam mit dem Stanford-Professor Scott Hubbard die privat finanzierte Stiftung „B-612“ gegründet. Die drei wollen die öffentlichen Anstrengungen bei der Suche nach jenen Boliden unterstützen, die sich auf Kollisionskurs mit der Erde befinden. Dazu wollen sie im Jahr 2016 an Bord einer Rakete vom Typ Falcon-9 ein Infrarot-Teleskop starten. Es soll in der Nähe der Umlaufbahn der Venus geparkt werden und von dort den erdnahen Weltraum nach solchen kosmischen Gesteinsbrocken durchsuchen, die der Erde gefährlich werden könnten. Damit könnten nach Angaben von Lu mehr als 90 Prozent aller Asteroiden von mehr als 100 Meter Durchmesser entdeckt werden. Für das Auffinden kleinerer Objekte, wie die beiden planetaren Vagabunden, die am Freitag die Erde besuchten, wird wohl auch die Auflösung des Teleskops „Sentinel“ der B-612-Stiftung nicht ausreichen. Bei der Einschätzung des von diesen kleineren Boliden verursachten Risikos kann womöglich nur der kleine Prinz mit seiner entwaffnenden Weisheit weiterhelfen.

Quelle: F.A.Z.

 
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