http://www.faz.net/-gum-7ih2v

Luftschiff-Unglück vor 100 Jahren : Ein Traum der Lüfte explodiert

In Brand: Das Luftschiff „L 2“ ist bereits unrettbar verloren, was die Zuschauer am Boden erkennen, die deshalb um ihr Leben laufen Bild: ullstein bild

Vor 100 Jahren verunglückte das Marineluftschiff „L 2“ bei Berlin. Mit an Bord war sein Konstrukteur. Trotzdem ließ der Kaiser weiterhin Zeppeline bauen - für den Krieg.

          Der Kaiser persönlich ließ den Chef seines Marine-Kabinetts, Admiral Georg Alexander von Müller, „ein Allerhöchst entworfenes Gedenkblatt als Erinnerung an den Absturz von ,L.2.‘“ und dazu einige tröstende Worte an „Frau Marine-Schiffbaumeister Frieda Pietzker geb. Knaths“ schicken: „Seine Majestät haben mich ferner Allerhöchst beauftragt Ihnen Allerhöchst sein wärmstes Beileid auszusprechen. Seine Majestät hoffen, daß es Ihnen und den Ihrigen ein Trost sein werde, zu wissen, daß Ihr Gatte in treuester Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes einen ehrenvollen Tod gefunden hat.“ Frieda Pietzker fand in den Worten wenig Trost. Der Tod Ihres Gatten, 34 Jahre alt und Vater zweier kleiner Kinder, schien für sie weniger ehrenvoll als vor allem schrecklich qualvoll gewesen zu sein.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Meine Großmutter war zeitlebens traumatisiert“, erzählt ihr Enkel Andreas Meckel. Die 32 Jahre alte Frieda Pietzker war, kaum hatte sie von der Katastrophe erfahren, von ihrer Charlottenburger Wohnung zum Unglücksort auf dem Flugplatz Johannisthal bei Berlin geeilt und hatte nur die verkohlten Überbleibsel des Luftschiffs vorgefunden, an dem ihr Mann mitgebaut hatte. Nur die Hand von Felix Pietzker war unversehrt und lugte unter einer Plane hervor. Frieda Pietzker soll sie, nachdem sie den Ring am Finger erkannt hatte, noch einmal geküsst haben. Danach sprach sie nie mehr von ihrem ersten Ehemann.

          Der Konstrukteur: Felix Pietzker kurz vor dem Unglück 1913 mit seiner Frau Frieda und den Kindern Wolfgang und Annemarie

          Auch das Unglück selbst, am 17.Oktober 1913, geriet bald fast in Vergessenheit. Dabei war der Absturz von „L2“, bei dem alle 28 Personen an Bord ums Leben kamen, über Jahrzehnte das schlimmste Luftfahrtunglück über Berlin. Und es war ein Schlag für die Kaiserliche Marine, damals gab es noch keine Luftwaffe. Sie setzte große Hoffnungen in den Bau von Luftschiffen, denn nur sie waren in der Lage, Bomben in großer Zahl zu transportieren. Die Vorbereitungen auf einen möglichen Krieg, der auch in der Luft geführt werden sollte, liefen vor 100 Jahren bereits auf Hochtouren.

          Die Lebensdauer betrug meist nur wenige Monaten

          Felix Pietzker, Jahrgang 1879, stand seit 1903 in den Diensten der Kaiserlichen Marine. Er war Schiffbaumeister, und als solcher wurde er von 1910 an mit der Konstruktion der Luftschiffe für Kriegszwecke betraut. Damit wurde er ein enger Vertrauter von Ferdinand Graf von Zeppelin, der sein erstes Luftschiff, „LZ 1“ (LZ für „Luftschiff Zeppelin“), im Jahr 1900 in Friedrichshafen am Bodensee hatte fahren lassen. Spätestens seit 1908 interessierte sich das Militär verstärkt für die „fliegenden Schiffe“ und kaufte 1909 einen ersten Zeppelin. Schnell war klar, dass man neue und größere Luftkreuzer haben wollte. Dafür kommandierte man Deutschlands „hoffnungsvollsten Schiffbauingenieur“, wie es im Nachruf auf Pietzker in der Zeitschrift „Schiffbau“ heißt, zur Luftschiffwerft nach Friedrichshafen ab.

          Nach Pietzkers Plänen entstand „LZ 18“ – Graf von Zeppelins 18. Luftschiff –, das mit der taktischen Numerierung „L2“ im Marineluftschiff-Register eingetragen wurde. Es war der zweite Zeppelin, der für militärische Zwecke gebaut wurde. Um den Erfordernissen der Auftraggeber entsprechen zu können, hatten Graf von Zeppelin und Pietzker dem Stahlgerippe allerdings ein weitaus größeres Volumen geben müssen als allen bisherigen Konstruktionen.

          Marinesoldaten bei der Landung des Luftschiffs „L 2“ auf dem Flugplatz Johannisthal

          Pietzkers Enkel Andreas Meckel bezeichnet den Einsatz der als Wunderwaffen gefeierten Zeppeline als Irrweg. Tatsächlich betrug die Lebensdauer der für die Marine gebauten Luftschiffe meist nur wenige Monate, selten mehr als ein Jahr – und das schon vor Ausbruch des Krieges. In der Abendausgabe des „Berliner Lokal-Anzeigers“ vom 17. Oktober 1913 heißt es dazu pathetisch: „Die Überwindung der Luft kostet Hekatomben von Menschenopfern. ,Geheimnisvoll am letzten End’, läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben‘ – das Element verteidigt sich gegen das Eindringen der Staubgeborenen, die nicht ungestraft triumphieren sollen.“ (Das Zitat aus Goethes „Faust“ lautet: „Geheimnisvoll am lichten Tag,/Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,/Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,/Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.“)

          Topmeldungen

          Hohe Spritpreise : Benzindiebe gehen um in Deutschland

          Die hohen Benzinpreise sind nicht nur an der Tankstelle ärgerlich – es wird auch lukrativer, Sprit zu klauen. Die Polizei warnt inzwischen vor Benzindiebstählen in ungekanntem Ausmaß. Bei den Ermittlungen sind die Beamten meist machtlos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.