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Loveparade - ein Jahr danach Der Weg aus dem Tunnel

Ein Jahr nach der Loveparade blickt der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes zurück auf den schwärzesten Tag in der Geschichte seiner Einsätze: Selbst erfahrene Kräfte hätten sich bisher ungekannten Anblicken stellen müssen.

© Vergrößern Loveparade: Die Alarmierung der Rettungskräfte lautete zunächst auf eine Schlägerei

Die Präsentation zur Love Parade, die Frank Marx auf Kongressen für Notfallmediziner und Rettungsdienstpersonal zeigt, teilt den 24. Juli 2010 in zwei Hälften: eine bis 17 Uhr und eine danach. In der ersten Hälfte sieht man freundlich lächelnde Helfer vor Sanitätszelten oder Einsatzfahrzeugen, Würstchenesser und gute Stimmung. Es sollte für sie der krönende Abschluss einer monatelangen Vorbereitung werden, sagt Frank Marx. In der zweiten Hälfte zeigt Marx, der als ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes an dem schwarzen Tag Duisburgs dabei war, Bilder aus dem Karl-Lehr-Tunnel, die um die Welt gingen: den Müll, die Sanitäter im Noteinsatz, die abgedeckten Toten.

Sein regulärer Arbeitsplatz ist der Hubschrauberstützpunkt an der Duisburger Unfallklinik. Von hier aus fliegt Marx als Notarzt mit der Besatzung des Rettungshubschraubers Christoph 9 zu schweren Unfällen oder anderen Notfällen in der Gegend. Kaum hat er sich hingesetzt, um über Duisburg zu reden, da geht der Pieper: Jemand ist in Gelsenkirchen von einem Baugerüst gestürzt. In diesem Fall jedoch fliegt eine Kollegin den Einsatz – ehe man sich's versieht, ist der Hubschrauber in der Luft. Als der Rotorenlärm verklingt, ist es still auf der Wache. Frank Marx wirkt bedächtig, spricht stets wohlüberlegte Sätze und scheint seinen Worten manchmal noch hinterherzuschauen.

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Zum Einsatz kamen an diesem Tag nur die Fahrzeuge

Neun Rettungshubschrauber standen am Tag der Love Parade bereit. Aber zum Einsatz kamen an diesem Tag nur die Fahrzeuge. Marx war mit seinem Wagen ganz in der Nähe des Karl-Lehr-Tunnels. Die Alarmierung lautete zunächst auf eine Schlägerei. Marx fuhr auf der A 59, die für den Tag präventiv gesperrt worden war, zu dem Punkt, an dem man von oben in den Tunnel heruntersteigen kann. Was er sah, als er unten ankam, beschreibt er heute mit einem Wort: „unwürdig“ habe es ausgesehen, wie dort die vollkommen verdreckten Körper zwischen Bergen von Müll lagen. Einige wurden bereits reanimiert. „Sie waren so dreckig, dass ich unwillkürlich denken musste: Die kommen aus dem Bergbau.“

Tote bei Loveparade 2010 in Duisburg © dpa Vergrößern „Unwürdig” habe es ausgesehen, wie dort die vollkommen verdreckten Körper zwischen Bergen von Müll lagen

Binnen kurzer Zeit war der Tunnel mit Rettungskräften wie geflutet, erzählt Marx. Besonders herausfordernd sei es gewesen, die Gleichzeitigkeit all der verschiedenen Vorgänge zu begreifen. Zum einen waren da die vielen Helfer mit ihren Fachfragen. Daneben Menschen, die schimpften oder um Hilfe riefen. Nur ein paar Meter weiter andere, die johlten und noch gar nicht mitbekommen hatten, was passiert war. Und wiederum andere, die still da saßen oder lagen, manche weinend.

Für 21 „rote“ Patienten kam jede Hilfe zu spät

Als Koordinator klassifizierte Marx die Verletzten nach Gefährdungsgraden: rot für jene, die Soforthilfe benötigen, gelb für Schwerverletzte, die innerhalb von zwei Stunden dringend einer Behandlung in der Klinik bedürfen (etwa wegen Knochenbrüchen oder inneren Verletzungen) und gelb für Leichtverletzte, die zunächst zurückgestellt werden können.

Für 21 „rote“ Patienten kam jede Hilfe zu spät. Bei fünf von ihnen habe man vorerst noch die Kreislauffunktion wiederherstellen können, sie seien jedoch dann im Krankenhaus gestorben. Ihm sei jedoch ganz wichtig, sagt Marx, dass alle Angehörigen wüssten: Bei jedem, der leblos dort lag, wurden Wiederbelebungsversuche ausgeführt. Niemand sei vernachlässigt oder gar aufgegeben worden.

Gehört eben das nicht zum Szenario einer Massenpanik?

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