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Macron für Untersuchung : Haben Paris und London die Gefahr durch Irma unterschätzt?

Er kam nicht mit leeren Händen: Der französische Präsident Emmanuel Macron auf dem Weg zu den verwüsteten Inseln. Bild: dpa

Emmanuel Macron besucht die verwüsteten Karibikinseln und kündigt eine der größten Luftbrücken seit Ende des Zweiten Weltkrieges an. Spätestens seit er aufgebrochen war, ließ sich auch die Reise des britischen Außenministers nicht mehr aufschieben.

          Emmanuel Macron ist nicht mit leeren Händen zu den vom Hurrikan Irma verwüsteten französischen Karibikinseln Saint-Martin und Saint-Barthélemy gereist. Insgesamt zwölf Tonnen Medikamente sowie Nahrungsmittel, Trinkwasservorrichtungen und aufblasbare Zelte brachte die Präsidentendelegation aus dem fernen Paris mit. Macron kündigte an, dass der Versorgungsnachschub aus dem Mutterland nicht abreißen solle: „Wir bauen eine der größten Luftbrücken seit Ende des Zweiten Weltkrieges auf“, sagte er und spendete den Opfern der Naturkatastrophe Trost: „Es wird eine neue Zukunft geben“.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          95 Prozent der Wohn- und Geschäftshäuser im französischen Teil der Insel Saint-Martin sind beschädigt oder verwüstet. Die Versicherungsgesellschaft „Caisse centrale de réassurance“ (CCR) bezifferte den Sachschaden auf 1,2 Milliarden Euro. Auf Saint-Barth, zu normalen Zeiten ein Urlaubsparadies für vermögende Reisende, ist das Ausmaß der Zerstörung nur etwas geringer. Noch immer sind die meisten Hauptverkehrswege auf St-Martin durch Trümmer versperrt, funktioniert die Strom- und Wasserversorgung nicht oder nur eingeschränkt.

          Monster-Hurrikan im Video : Das war „Irma“

          Viele Bewohner, insbesondere die vom französischen Festland entsandten öffentlich Bediensteten, wollen deshalb nur noch weg. Premierminister Edouard Philippe hat von Paris aus einen eindringlichen Appell an alle Staatsdiener gerichtet, an ihren Posten zu bleiben. Am Sonntag hat ein Katastrophensender auf Französisch, Kreolisch und Englisch den Betrieb aufgenommen, um die meist von der Außenwelt abgeschnittenen Bewohner zu informieren.

          Juan Antonio Higuey vor seinem zerstörten Zuhause auf Saint-Martin
          Juan Antonio Higuey vor seinem zerstörten Zuhause auf Saint-Martin : Bild: AP

          Unmittelbar nach dem schwersten jemals auf den beiden Inseln verzeichneten Hurrikan brach die öffentliche Ordnung zusammen. Überseeministerin Annick Girardin bestätigte, dass es zu Plünderungen kam. Inzwischen hat Paris zusätzliche Sicherheitskräfte entsandt. 400 Gendarme sichern die Insel. Aber dennoch bleiben Bürgerwehren aktiv, die sich nach den Plünderungen gebildet hatten. In die Debatte, ob die Verantwortlichen in Paris die Gefahr durch den Hurrikan Irma unterschätzt hätten, mischte sich Macron jetzt ein. Er befürworte eine Untersuchungskommission, sagte er bei seinem Besuch.

          „Boris Johnson flieht in die Karibik“

          Spätestens seit Macron in die Katastrophenregion aufgebrochen war, ließ sich auch die Reise des britischen Außenministers Boris Johnson nicht mehr aufschieben. Er wurde am Dienstag in den British Virgin Islands und in Anguilla erwartet. „Boris Johnson flieht in die Karibik“, meldete die Nachrichtensprecherin der BBC-News am Dienstag – und korrigierte sich sogleich: Der Außenminister „fliegt“ natürlich in die Karibik. Der Versprecher kam nicht von ungefähr. In den vergangenen Tagen war auch die Kritik an der Reaktion der britischen Regierung auf die Orkanschäden in den Überseegebieten stetig gewachsen.

          Abfahrt in London: Boris Johnson will mehrere Tage in der Karibik bleiben
          Abfahrt in London: Boris Johnson will mehrere Tage in der Karibik bleiben : Bild: Getty

          Die Labour Party hatte Johnson und die Premierministerin aufgefordert, die Betroffenen zu besuchen, „ihnen in die Augen zu gucken und ihre Sorgen in den Mittelpunkt des Hilfsplans der Regierung zu stellen“. Der bekannte Unternehmer Richard Branson rief nach einem „Marshall-Plan“ für die verwüstete Region. Auch auf den betroffenen Inseln selbst wurde Kritik am Rettungsengagement in London laut. Die Hilfsmaßnahmen auf Saint Martin seien schneller und effektiver angelaufen, hieß die Klage.

          Johnson und Entwicklungshilfeministerin Priti Patel hatten die britische Reaktion verteidigt. Mehr als 700 Marine-Soldaten, 50 Polizisten und zahlreiche Hilfsgüter seien auf die betroffenen Inseln entsandt worden. „Ich bin zuversichtlich, dass wir alles gemacht haben, was möglich war, um den britischen Staatsbürgern zu helfen“, sagte Johnson kurz vor seinem Abflug. Laut Außenministerium plant er, mehrere Tage zu bleiben.

          Auf den British Virgin Islands leben knapp 30.000 Einwohner, in Anguilla etwa halb so viele. Hinzu kommen Touristen, die die Inseln nicht rechtzeitig verlassen hatten. Beide Überseeterritorien sind, wie auch Turcs and Caicos, schwer vom Hurrican Irma heimgesucht worden. Die Zahl der Toten und Verletzten ist unbestätigt. Auf den British Virgin Islands wurde zudem das Gefängnis zerstört, was die Sicherheitslage zusätzlich belastet.

          Quelle: F.A.Z.

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