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Ingenieur zum Brückeneinsturz : „Das ist ein sehr, sehr außergewöhnlicher Fall“

Die Rettungsarbeiten an der zum Teil eingestürzten Brücke gehen weiter. Bild: dpa

Die Brücke in Genua soll unter andauernder Instandhaltung gewesen sein. Ingenieur Markus Hennecke erklärt im Interview, wie es dennoch zu einem Einsturz kommen kann – und wie Brücken in Deutschland überprüft werden.

          Herr Hennecke, wie kann es dazu kommen, dass eine Brücke einstürzt?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Es kann daran liegen, dass einzelne Bauteile versagen, zum Beispiel wegen Überlastung. Oder weil es aufgrund von Umwelteinflüssen zu Beschädigungen kommt. Rost kennt jeder aus dem Alltag. Bei starkem Rostbefall verliert Eisen den Widerstand, weil es sich auflöst. Normalerweise ist es aber so, dass nicht sofort die ganze Brücke einstürzt, wenn ein Bauteil versagt. Die Bauwerke sind so konstruiert, dass mehrere Teile parallel tragen.

          Also ist es sehr ungewöhnlich, wenn eine Brücke wie in Genua fast in Gänze zusammenstürzt?

          Definitiv ja. Das ist ein sehr, sehr außergewöhnlicher und seltener Fall. Gerade wenn eine Brücke schon lange steht, es also keinen grundsätzlichen Fehler in der Statik gibt, kommt das eigentlich nicht vor.

          Im Gespräch: Markus Hennecke, Vorstandsmitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau in München

          Kündigt sich der Zusammensturz einer Brücke an?

          Es hängt von dem System ab, wie die Brücke konstruiert ist. Grundsätzlich sind Systeme, bei denen das Versagen von einzelnen Bauteilen dazu führt, dass größere Verformungen auftreten, sehr positiv. Weil dann erkennt man früh, dass es eine Schädigung gibt, gegen die man Maßnahmen ergreifen muss. Bevor ein Bruch auftritt, sollten Schäden auftreten, die zumindest ein Experte erkennen kann.

          Der italienische Universitätsprofessor Antonio Brencich hat in einem Interview gesagt, die Brücke in Genua sei aufgrund „ernsthafter Korrosions-Probleme“ andauernd unter Instandhaltung gewesen. Was bedeutet das?

          Korrosion ist der Fachausdruck für Rost. Das bedeutet, dass wir in der Brücke Stahlbauteile haben, die aufgrund der Umwelteinflüsse in diesem maritimen Klima verrostet sind. Wenn Stahl verrostet, verliert er an Volumen und Masse und dadurch an Tragfähigkeit. In Deutschland wird seit Anfang der siebziger Jahre Salz auf Straßen gestreut, das führt zum Beispiel ebenso zu solchen Schädigungen im Stahlbau. Auch in Beton ist Stahl verbaut, die Salze dringen ein und können das Stahl zerstören, wodurch die Tragkraft der Brücke geringer wird. Deswegen versucht man bei einem Neubau dafür zu sorgen, dass Stahl ausreichend vor Korrosion geschützt ist. Im Stahlbau streicht man ihn, beim Betonbau sorgt man dafür, dass mindestens vier bis fünf Zentimeter Beton um den Stahl sind. Und dann muss man regelmäßig kontrollieren, ob es trotzdem Rost gibt und den Stahl gegebenenfalls austauschen.

          Beim Einsturz einer vierspurigen Autobahnbrücke in der italienischen Hafenstadt Genua sind am Dienstag zahlreiche Menschen ums Leben gekommen. Die Retter gingen ein hohes Risiko ein. Bilderstrecke

          Augenzeugen wollen vor dem Zusammenbruch der Brücke in Genua gesehen haben, dass ein Blitz in die Brücke einschlug. Kann das dazu führen, dass eine Brücke zusammenstürzt?

          Meine Einschätzung ist, dass ein Blitzeinschlag nicht zu einem Einsturz führt. So ein Bauwerk hat so viel Stahl in sich, dass der Blitz in den Untergrund abgeleitet wird. Es kann vielleicht zu einem Brand kommen, wenn es Holzelemente gibt. Aber dass ein Bauwerk aufgrund eines Blitzeinschlages einstürzt, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

          Wie werden Brücken in Deutschland auf ihre Sicherheit überprüft?

          In Deutschland hat ein Bauwerk verschiedene Lebensphasen: Wenn eine Brücke gebaut wird, gibt es Planer, die machen die Berechnungen. Und es gibt einen Prüfingenieur für Baustatik, der überprüft diese Pläne und die statischen Berechnungen. Erst danach kann gebaut werden. Wir haben also ein Vier-Augen-Prinzip, das ist weltweit ziemlich einzigartig. Auch während der Bauausführung gibt es in Deutschland verschiedene Parteien, die die Arbeiten überwachen. Wenn das Bauwerk fertig ist und in den Unterhalt kommt, haben wir das System der Bauwerksprüfung. Es gibt seit knapp hundert Jahren eine Norm, die vorschreibt, dass eine Brücke alle sechs Jahre einer intensiven Prüfung unterzogen wird. Jedes Bauteil muss handnah geprüft werden. Der Brückenprüfer fährt zu allen Bauteilen und schaut sich an, ob dort Schäden sind. Dazwischen gibt es alle drei Jahre eine Prüfung geringeren Umfangs. Die Bauwerksnoten, von denen man öfter in der Presse liest, sind die Ergebnisse dieser Prüfungen. Mit ihnen wird der Zustand der Brücken bewertet. Daraus resultieren gegebenenfalls Instandsetzungsmaßnahmen oder Neubauten.

          Das kann dazu führen, dass keine Laster mehr über die Brücke fahren dürfen?

          Genau. Überhaupt nicht mehr oder nur noch auf einer bestimmten Spur. Darüber hinaus läuft gerade ein Programm, in dem viele ältere Bauwerke nachberechnet werden, ob sie den heutigen Belastungen noch entsprechen. Das Ergebnis kann auch da eine Verkehrs- oder Lasteinschränkung sein. Bei Bauarbeiten versucht man, dass der Verkehr weiter laufen kann. Aber das wird sehr stark abgesichert. Man verändert zum Teil die Linienführung, das wird untersucht und berechnet. Es gibt auch Maßnahmen, für die eine Brücke komplett gesperrt wird.

          Hält eine Brücke weniger Lasten aus, wenn sie älter wird?

          Wir kennen das durchaus, dass wir bei älteren Brücken die Lasten beschränken müssen. Die Ursache kann eine Schädigung des Bauwerks sein, da ist die Leverkusener Brücke ein Beispiel. Da hat man den Schwerlastverkehr runtergenommen, weil man eine Beschädigung festgestellt hat. So kann man den Verkehr aufrecht erhalten. Auf der anderen Seite spielt eine große Rolle, dass es insbesondere auf der Straße eine andere Verkehrslast gibt, als noch vor 50 Jahren. Die Last ist extrem angestiegen. Züge sind tendenziell leichter geworden. Im Straßenbereich haben wir dagegen eine sehr starke Zunahme an Gewicht. Deswegen untersuchen wir in Deutschland die alten Bauwerke. Außerdem gibt es mehr Verkehr, jedes Fahrzeug, das über eine Brücke fährt, hinterlässt eine kleine Schädigung. Umso mehr das ist, umso mehr muss man aufpassen. Für den Brückenunterhalt müssen deswegen genügend Mittel zur Verfügung gestellt werden. Und es muss genug gut ausgebildete Ingenieure geben.

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