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Hochwasserschutz : Aus Schaden nicht klug geworden

Das Hochwasser der Mulde hat Grundstücke nördlich von Eilenburg (Sachsen) umschlossen. Bild: dpa

Die Flut fällt mitten in den Ausbau umfassender Hochwasserschutz-Projekte. Aufgrund von Bürgerprotesten gibt es vielerorts aber immer noch keinen adäquaten Flutschutz.

          In Eilenburg ging es verhältnismäßig schnell. 2009 war die Kleinstadt nordöstlich von Leipzig als erste sächsische Kommune mit neuen Flutschutzanlagen dauerhaft vor einem statistisch einhundertjährigen Hochwasser geschützt. Für 35 Millionen Euro wurden 13 Kilometer Deiche und Hochwasserschutzmauern rund um das Zentrum errichtet, das im August 2002 noch meterhoch in den Fluten der Mulde versunken war.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Der Schaden belief sich damals auf mehr als 135 Millionen Euro. Nach den heftigen Regenfällen am Wochenende aber wurde die Innenstadt Eilenburgs am Montag abermals evakuiert. Die Mulde drohte die neuen Schutzanlagen zu überspülen, die den Wassermassen bis dahin gut standgehalten hatten. War also alles umsonst?

          Die Frühjahrsflut des Jahres 2013 fällt mitten in den Ausbau umfassender Hochwasserschutz-Projekte, wahrscheinlich der größten, die Deutschland je erlebt hat. Allein Bayern hat 2,3 Milliarden Euro für sein „Aktionsprogramm 2020“ bereitgestellt und lässt damit Flussläufe renaturieren, um Fließgeschwindigkeit zu reduzieren, Deiche zurückverlegen und Uferflächen aufkaufen, um Raum zu gewinnen, sowie Schutzmauern bauen. Doch dagegen regt sich immer wieder Protest. Im Landkreis Donauwörth versuchte eine Bürgerinitiative, die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten und Rückverlegung von Deichen zu verhindern. „Wir rechnen mit weitaus drastischeren Hochwassern als in der Vergangenheit“, heißt es dagegen aus dem bayerischen Umweltministerium. Die frühere Begradigung von Flüssen und die Bebauung ufernaher Gebiete und Auen habe man längst bereut. Die Gegenmaßnahmen seien ein wirksamer Flutschutz.

          Eine barocke Schönheit, allerdings nah am Wasser gebaut: Das überflutete Passau am Montag Bilderstrecke

          Bürgerproteste behindern die Vorhaben

          Auch Sachsen hat nach der Flut 2002 ein langfristiges Schutzkonzept entwickelt und stellt dafür bis zum Jahr 2020 eine Milliarde Euro bereit. Von den 351 Vorhaben, die bis dahin verwirklicht werden sollen, sind bisher jedoch erst 80 abgeschlossen und 55 weitere im Bau. 216 Projekte stecken noch in Planungs- und Genehmigungsverfahren. So wurden von 450 Kilometer Deichen erst 120 Kilometer aus- und 23 Kilometer neu gebaut. Der Stauraum in den Talsperren wurde durch Senkung der Wasserspiegel und den Bau von vier neuen Rückhaltebecken immerhin um ein Drittel auf 160 Millionen Kubikmeter vergrößert. In vielen bewohnten Gebieten jedoch stockt der Flutschutz. In Grimma, oberhalb von Eilenburg gelegen und 2002 von der Mulde schwer getroffen, ist bis heute nur ein Teil der geplanten Schutzanlagen fertiggestellt. Der Ausbau ist kompliziert, auch weil sich die hohen Mauern sowie mehr als 100 Klappen und Tore in das barocke Stadtbild einfügen sollen. Noch am Wochenende herrschte in Grimma Hoffnung, doch auch dort wurde das Zentrum in der Nacht zum Montag abermals überflutet.

          Darüber hinaus behindern auch in Sachsen Bürgerproteste die Vorhaben. In Wilkau-Haßlau im Erzgebirge zogen Anwohner vor Gericht, um eine Flutschutzmauer zu verhindern. Der Bau verzögerte sich um ein Jahr, seit 2012 sind erst 2,5 der acht Kilometer langen Mauer fertig. „Die hat sich jetzt prima bewährt“, sagt Christel Galla vom Ordnungsamt. Im noch nicht gesicherten Ortsteil aber gebe es abermals massive Schäden.

          Hochwasserschutz eine „Generationenaufgabe“

          In Dresdner Stadtteil Laubegast wurde der Plan für eine Schutzmauer nach massiven Protesten fallengelassen; dem Stadtteil droht nun wieder die Überflutung. Immerhin, die Altstadt sowie angrenzende Gebiete sind heute im Gegensatz zu 2002 bis zu einem Pegel von 9,50 Metern vor der Elbe sicher. Für gut 130 Millionen Euro ließ die Stadt Deiche und Mauern bauen sowie mobile Schutzwände anschaffen. Im westlich gelegenen Stadtteil Gohlis wiederum verzögerten Anwohner die Erhöhung der Deiche, nun rollt die neue Flutwelle mitten in die Baustelle, die eiligst provisorisch verschlossen wurde.

          „Viele Leute verlässt das Gespür für die Gefahr, sobald das Wasser wieder weg ist“, kritisierte Sachsens Umweltminister Frank Kupfer (CDU). Sicher könne man heute an manchen Stellen schon viel weiter sein. Doch Hochwasserschutz sei auch eine Generationenaufgabe, das Jahr 2020 nur ein Zwischenziel. Ob die bisherigen Konzepte, die auf ein statistisch alle einhundert Jahre vorkommendes Hochwasser ausgelegt sind, dann noch ausreichen, stellt die gegenwärtige Flut in Bayern und Sachsen allerdings in Frage.

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