Home
http://www.faz.net/-hrv-79q47
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Hochwasser in Bad Schandau Leben mit der wiederkehrenden Katastrophe

Versunkene Pensionen, Läden und Cafés: Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz ist stets die erste deutsche Stadt, die das Elbhochwasser trifft. Die Einwohner haben sich fast schon an die Flut gewöhnt.

© Lüdecke, Matthias Vergrößern Noch nicht der Höchststand: Am Mittwochnachmittag durchspülte die Elbe die Erdgeschosse der Kurstadt.

Mario Albrecht steht an der Poststraße oberhalb des Bad Schandauer Marktes und beobachtet sein Haus. „Bis gestern Abend haben wir noch Möbel nach oben gebracht“, sagt er. Dann war das Wasser da. Gut 50 Meter hat die Elbe ihn jetzt schon von seinem Haus getrennt, das dreistöckige Gebäude steht bis zur ersten Etage unter Wasser. „Wenigstens scheint die Sonne“, sagt der Einundfünfzigjährige und macht ein Foto. Es ist das erste Mal seit zehn Tagen, dass es nicht mehr regnet.

Stefan Locke Folgen:  

Blauer Himmel, die Bäume in saftigem Grün und dazu die hellen Sandsteinfelsen - normalerweise beginnt in Bad Schandau im Juni die Hochsaison. Viele Hotels und Pensionen waren seit Wochen ausgebucht, doch am Montag mussten die Betreiber ihren Urlaubern absagen und Gäste nach Hause oder in höher gelegene Unterkünfte schicken. Die Stadt wurde geschlossen, seit Dienstag ist das Zentrum nur noch im Boot erreichbar. An der Elbstraße, die zu Markt und Fluss hinunterführt, ist am Mittwochmorgen schon auf halber Höhe Schluss. Zwei Boote des Technischen Hilfswerks liegen im Wasser, das ein paar Häuser weiter schon an der Unterkante zum ersten Obergeschoss steht. „Wir können nicht fahren“, sagt einer der Männer. „Die Strömung ist zu stark.“

Baumstämme, Strohballen, Tische und ein Gastank

Die sonst gemächlich dahin fließende Elbe schießt in enormem Tempo an der Stadt vorbei. Und sie reißt gnadenlos mit, was an ihrem Oberlauf nicht festgemacht war: Baumstämme und Strohballen rauschen flussabwärts, ein Tisch mit vier Beinen nach oben jagt ihnen hinterher, dicht gefolgt von einem großen, weißen Gastank. Der rammt die Anlegestelle für Elbdampfer, die, vom Ufer aus längst unerreichbar, schief aus dem Wasser ragt, dreht sich einmal um sich selbst und schwimmt dann weiter.

Von der Schlossbastei, einem Aussichtspunkt hoch über dem Kurort, verfolgen einige Schandauer gebannt die Lage. „Jetzt macht der am Bahnhof vorbei“, kommentiert ein Mann den Weg des Tanks. Der ist, wie sich später herausstellt, einer von mehreren Gasbehältern, die der Fluss von einem Betriebsgelände im tschechischen Aussig (Ústí nad Labem) mitgerissen hat. Sie sollen leer sein, immerhin, aber THW und Bundeswehr versuchen elbabwärts mit Hubschraubern, die Behälter ans Ufer zu schwemmen. Die Gefahr für Brücken und Häuser, die im Wasser stehen, ist einfach zu groß.

Hochwasser -  Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz lebt vom Tourismus und wurde von der Flut stark beschädigt. Die Einwohner fürchten nun um ihre Einkommensgrundlage. Das Zentrum von Bad Schandau steht unter Wasser. © Lüdecke, Matthias Bilderstrecke 

Hier oben steht auch René Hille und blickt resigniert auf seine Stadt. Der Siebenunddreißigjährige arbeitet in der örtlichen Tourismuszentrale am Markt, der längst unter Wasser steht. Pensionen, Läden, Cafés, Kirche, Rathaus, das Fünf-Sterne-Hotel-Elbresidenz - alles ist versunken. Am Dienstagabend erreichte die Flut sein Haus, mit Frau und zwei Kindern zog er zu Freunden, die weit oberhalb des Tals im Trockenen wohnen. Jetzt will er nach der „Albrechtsburg“ sehen, einem Apartmenthaus, das er mit seiner Frau betreibt. Es liegt an der Kirnitzschtalstraße, und weil das Zentrum dicht ist, nutzt er einen alten Hochwasserweg über den Berg.

Schmale Sandsteinstufen und eine Metallgittertreppe führen erst steil hinauf, und dann in Serpentinen hinab. Der Regen der vergangenen Wochen hat den Hang aufgeweicht, der Weg ist schlammig und glitschig. Ein Steg führt vom Hang auf einen Balkon des Hauses, in der oberen Etage sind die Betten gemacht, fertig zum Empfang von Urlaubern. „Am Sonnabend musste ich alle 20 Gäste heimschicken“, sagt Hille. Das Landeshochwasserzentrum hatte eine Flutwarnung herausgegeben, und es gibt niemanden in der Stadt, der das nicht ernst nähme.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Trend kommt nach Deutschland Hauswächter auf Zeit: Aufpassen für den Steuerzahler

Sie leben in leerstehenden Gebäuden, schrecken Einbrecher ab und verhindern sinnlose Zerstörung: Hauswächter. Der Trend kommt aus den Niederlanden und England. Auch in Deutschland spricht sich die Idee jetzt herum. Mehr

08.09.2014, 06:00 Uhr | Wirtschaft
Amateurvideo zeigt Hochwasserschäden in Serbien

Amateuraufnahmen vom Sonntag zeigen die Verwüstung, die das Hochwasser in Serbien hinterlassen hat. Nach massiven Zerstörungen durch das Wasser warten immer noch viele Menschen auf Hilfe. Mehr

20.05.2014, 12:02 Uhr | Aktuell
Zeltcamp vor der EZB Kleiner Protest am großen Turm

Seit 80 Tagen werben Aktivisten am Fuße des EZB-Neubaus im Frankfurter Ostend für den Frieden. Nun droht eine Auseinandersetzung mit der Stadt. Mehr

06.09.2014, 17:26 Uhr | Rhein-Main
Serbien ruft wegen Überschwemmungen Notstand aus

Das Land ist von der schwersten Flut seit 120 Jahren betroffen. Mehr als 1000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Teilweise stehen die Fluten meterhoch. Mehr

16.05.2014, 10:51 Uhr | Gesellschaft
Santiago de Compostela Die Farben des Lebens und des Todes

Santiago im Nordwesten Spaniens ist nicht nur die Stadt des Maurentöters, sondern auch des Pazifisten Franz von Assisi. Er soll vor achthundert Jahren hier gewesen sein - und wird jetzt mit einer wunderbaren Ausstellung geehrt. Mehr

16.09.2014, 19:19 Uhr | Reise
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.06.2013, 17:15 Uhr