Erst sechs Jahre sind seit dem letzten Jahrhunderthochwasser vergangen. Und nun heißt es wieder „Land unter“: Zahlreiche Dörfer am Alpenrand von der Außenwelt abgeschnitten, festsitzende Urlauber, Autobahnen gesperrt, Straßen und Keller überflutet. Bayerns Ministerpräsident Stoiber (CSU) hat sich ein Bild gemacht, der Kanzler hat sich angekündigt und schon mal großzügige Hilfe versprochen. Der sogenannte „Wechsel-Gipfel“ von Union und FDP wurde abgesagt - abermals wird in einem Hochwassergebiet Wahlkampf geführt.
Davon abgesehen: Alle menschliche Vorsorge scheint machtlos gegen die entfesselten Naturgewalten, die „noch verheerender sind als das Pfingsthochwasser 1999“, wie Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) sagt. Auf weitere Dörfer und Städte an der Donau rollt die Hochwasserwelle nun zu.
„300-Jahre-Hochwasser“
In Kempten flüchten sich die Menschen in Sarkasmus. 1999 wurde die Stadt im Allgäu von einem „300-Jahre-Hochwasser“ überflutet; an diesem Dienstag übertrifft der Pegel der Iller die Spitze des Pfingsthochwassers um 20 Zentimeter. Dabei ist die neue Schutzmauer entlang der Iller erst fünf Jahre alt. Jetzt haben die Anwohner Sandsäcke auf die Mauerkrone gelegt. „So schnell vergehen die Jahre“, spotten die Einwohner.
„Land unter“ in Bayern - Die Wahlkämpfer kommen
Die Einsatzkräfte bereiten sich auf das Schlimmste vor. Es ist nur eine Frage von Zentimetern, ob die Altstadt in den braunen Hochwasserfluten versinkt. Einsatzleiter Wolfgang Klaus resigniert: „Wir haben zur Zeit alle Schutzmaßnahmen ausgeschöpft. Jedes weitere Ansteigen des Pegels führt zur Überflutung.“
Katastrophe auch in Österreich
Von überall kommen die Nachrichten. Der Dauerregen, der am Sonntag begann und auch am Dienstag nicht enden will, hat große Teile Bayerns, Tirols, Vorarlbergs und der Schweiz unter Wasser gesetzt. In den Landkreisen Garmisch-Partenkirchen, Weilheim-Schongau und Bad Tölz-Wolfratshausen sowie in den Städten Augsburg und Kempten wird Katastrophenalarm ausgelöst. Nahe Gersthofen bei Augusburg wurde die A8 gesperrt, da eine neu gebaute Autobahnbrücke einzustürzen droht. Feuerwehr, Rettungsdienste, Technisches Hilfswerk (THW) und Bundeswehr sind pausenlos im Einsatz. Und auf der von München herbeiführenden Autobahn, die nur wenige Kilometer von den Streitels entfernt vor den Toren Garmisch-Partenkirchens endet, stehen Autofahrer plötzlich bis zum Rückspiegel im Wasser. Ganz Garmisch-Partenkirchen ist schon am späten Morgen von der Außenwelt nahezu abgeschnitten.
Und wieder, wie schon schon zu Pfingsten 1999 und wie vor drei Jahren, als die Nachrichten aus Österreich und Bayern bald von jenen in Sachsen abgelöst wurden, scheint es überall gleichzeitig zuzuschlagen. Viele Orte in Vorarlberg und Tirol sind am Dienstag von der Außenwelt abgeschnitten. Telefonleitungen sind außer Betrieb. Inn- und Lechtal sind überflutet, Stadt und Universität Innsbruck melden „Land unter“. Der Verkehr ist weithin zusammengebrochen. Die Inntalautobahn wird am Dienstag mittag gesperrt, der Verkehr bereits in Bayern sowie in Südtirol angehalten. Im Außerfern (Bezirk Reutte) und im Gebiet Landeck werden Pionierverbände des österreichischen Bundesheeres mit schwerem Räumgerät eingesetzt. Im Ötztal fordert eine Steinlawine ein Todesopfer und einen Schwerverletzten. Zahlreiche Gemeinden melden Trinkwasserverunreinigungen. Im Paznauntal sind ein Drittel aller Straßen und Wege zerstört oder beschädigt. Viele Gebäude sind weggerissen oder unbewohnbar geworden. Das Kleinwalsertal, sieben Gemeinden im Bregenzerwald, drei im Arlberggebiet sowie Gargellen im Montafon sind am Dienstag von der Außenwelt abgeschnitten. Auch die Donau in Niederösterreich steigt an. Dagegen entspannt sich die Lage in der Steiermark, wo es im Grenzgebiet zu Slowenien, aber auch im Bezirk Weiz zu großflächigen Zerstörungen gekommen war. Rund um das Dorf Gasen sind Hänge abgerutscht und Muren abgegangen. Rumänien wird schon seit einer Woche heimgesucht. Bis Dienstag kamen dort 18 Menschen um. Auch in Ungarn müssen Hunderte Keller ausgepumpt werden.
In Oberbayern und Schwaben werden am Dienstag nicht nur in Kempten viele Straßen und Bahnstrecken gesperrt, Häuser und Campingplätze evakuiert. Regensburg meldet drastisch steigende Pegel. In Rosenau werden viele Einwohner in Sicherheit gebracht. Die Wassermassen sind so groß, daß der Sylvensteinspeicher im Isar-Tal, da er überzulaufen droht, kontrolliert geöffnet wird. Das Wasser läuft in gigantischen Mengen ab - etwa 1000 Kubikmeter pro Sekunde. Daher wird man mit Überschwemmungen auch an der Isar rechnen müssen. Aber die zieht man einem unkontrollierten Überfließen vor. Und Balderschwang im Oberallgäu, gleich an der Grenze zu Österreich gelegen, die ohnehin regenreichste Gemeinde Deutschlands, ist nach Murenabgängen nur noch aus der Luft erreichbar.
In der Schweiz hat man sich schon abgefunden
In der Schweiz dauert das Hochwasser schon so lange an, daß man sich mit den Folgen schon abgefunden zu haben scheint. Nachdem tagelanger Dauerregen überall im Land Überschwemmungen verursacht hat, bummeln am Dienstag in Luzern die Touristen wieder trockenen Fußes durch die Innenstadt. Die Behörden hatten kurzerhand die malerische Stadt am Vierwaldstättersee - für viele Touristen die erste Adresse auf einer Reise durch die Schweiz - mit einem Netz von Fußgängerstegen aus Holz versehen. Die Rechnung der Politiker ging auf: Innerhalb kurzer Zeit herrscht auf den Übergängen großer Andrang.
Weniger idyllisch geht es an anderen Orten der Schweiz zu. Den gesamten Dienstag über jagen sich die Schreckensnachrichten. Von Dammbrüchen, Flutwellen, Stromausfällen, verunreinigtem Trinkwasser oder tagelangen Unterbrüchen von Straßen und Schienen ist die Rede - Nachrichten, wie sie in der beschaulichen Schweiz höchst selten auf der Tagesordnung stehen. Betroffen vom schlimmsten Unwetter seit Jahrzehnten sind insbesondere die bekannten Feriengebiete Berner Oberland und Zentralschweiz. Touristenorte wie Grindelwald und Engelberg sind von der Umwelt abgeschnitten. Fünf Todesopfer fordert das Hochwasser binnen zweier Tage. Erste Schätzungen gehen von Schäden in dreistelliger Millionenhöhe aus. Derweil muß in der Hauptstadt Bern ein Stadtviertel in der Nähe des Flusses Aare geräumt werden. Das Wasser steht mannshoch in den Altstadtgassen. Zupass kommt die außergewöhnliche Situation nur den Sumpfbibern im Zoo von Bern. Da ihr Gehege ebenfalls überflutet wurde, konnten sie ausbüxen.
Im Tal der Loisach ist man noch nicht bereit, über solche Anekdoten zu schmunzeln. Seit Montag abend sind die Streitels auf den Beinen, pumpen immer wieder den Keller ab, wo sich das Wasser längst seinen Weg gesucht hat. Sandsäcke sollen das Wohnzimmer vor den Fluten schützen. Als die Tochter am Morgen kommt, zerlegt sie die Eckbank in Einzelteile. Die Möbel lassen sich nicht abtransportieren, denn viele Straßen sind gesperrt. Es herrscht Fahrverbot. „Ich hoffe“, sagt Annemie Streitel, „daß uns die Katastrophe erspart bleibt.“ Doch der Himmel zeigt sich in einem dunklen Grau, der Regen hört nicht auf. Erst am Abend Entwarnung: Die Pegel steigen nicht mehr. Aber die Nacht werden die Streitels zu fünft damit verbringen, den Keller auszupumpen.
„Wechsel-Gipfel“ abgesagt, der Kanzler kommt
Bereits jetzt ist ein erster Streit um die politische Verantwortung für die abermalige Wasserkatastrophe absehbar. Nach den verheerenden Fluten von 1999 und 2002 hatte die bayerische Staatsregierung ein „Aktionsprogramm 2020“ angekündigt. Dies beinhaltete, daß bis zum Jahre 2020 insgesamt 2,3 Milliarden Euro in den Hochwasserschutz investiert werden sollten. Das Programm jedoch wurde im Zuge des Sparkurses der Staatsregierung um rund 31 Millionen Euro gekürzt - immer noch mehr als alle anderen Bundesländern bereitstellen, argumentiert Umweltminister Schnappauf. Grüne und SPD werfen der Staatsregierung allerdings schwere Versäumnisse vor.
Schnappauf, Ministerpräsident Edmund Stoiber und Innenminister Günther Beckstein präsentieren sich an diesem Dienstag als Katastrophenmanager vor Ort. Stoiber sage einen Wahlkampftermin in Lenggries ab, weil „alle Kräfte gemeinsam für den Schutz der Bevölkerung“ benötigt würden, wie es die Staatskanzlei formulierte. „Wir wollen natürlich die betroffenen Gemeinden und Bürger dann mit ihren Schäden nicht allein lassen“, sagt Stoiber in Eschenlohe. Mit derselben Begründung sagen die Führungen von Union und FDP am Abend den für Mittwoch anberaumten sogenannten „Wechsel-Gipfel“ in Berlin ab. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) will sich am Donnerstag ein Bild von der Hochwasser-Situation machen. Wiederholt sich etwa die Wahlhistorie? 2002 sammelte Schröder in Gummistiefeln im Flutgebiet in Sachsen die entscheidenden Stimmen für seine Wiederwahl. Schon am Dienstag abend verkündete der Kanzler auf einer Wahlkampfveranstaltung der SPD, die Bundesregierung werde Bayern jede Hilfe anbieten, die sie leisten könne sowie alle Anstrengungen auf nationaler und europäischer Ebene mobilisieren.
In jedem Fall wird der Kanzler die Gelegenheit nutzen, den Wahlkampf-Gegnern von der CSU Versäumnisse vorzuwerfen? Diese wird entgegnen, die neuen Schutzmaßnahmen würden ohne Zweifel schon Wirkung zeigen. In Kempten stünde den Einwohnern das Wasser ohne die neue Mauer bereits bis zum Hals, heißt es. Doch für viele andere Menschen in Bayern ist das an diesem Katastrophen-Dienstag nur ein schwacher Trost. Und an die anstehende Wahl denken sie wohl nicht eine Sekunde lang.
Flut in Bayern
Jörg A. Bahnemann (J.A.Bahnemann)
- 23.08.2005, 21:27 Uhr