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Aktualisiert: 16.06.2017, 13:57 Uhr

Brand-Katastrophe in London Zahl der Todesopfer steigt auf mindestens 30

Nach dem Hochhaus-Brand in London suchen Freunde und Angehörige verzweifelt nach Vermissten. Die für das Gebäude verantwortlichen Behörden werden scharf kritisiert. Die Polizei geht derzeit nicht von Brandstiftung aus.

© Reuters Königin Elizabeth am Freitag im Gespräch mit Bewohnern des abgebrannten Grenfell-Hochhauses.

Nach dem verheerenden Hochhausbrand in London gelten einem Medienbericht zufolge immer noch Dutzende Menschen als vermisst. Es sei zu befürchten, dass sie ums Leben gekommen seien, berichtete die Zeitung „The Sun“ am Freitag. Die Polizei hat am Freitag den Tod von 30 Menschen bestätigt, aber hinzugefügt, dass die Zahl noch steigen dürfte. Auf die Frage, ob es mehr als 100 Todesopfer sein könnten, sagte Polizeichef Stuart Cundy am Donnerstag: „Ich hoffe, dass es nicht eine dreistellige Zahl sein wird.“ Laut dem staatlichen Gesundheitsamt NSH werden 24 Menschen noch in Krankenhäusern behandelt, sieben davon sind in kritischem Zustand. Die Feuerwehr durchsucht das Haus seit Donnerstag nur noch mit Drohnen und Hunden. Menschen werden nicht mehr in das Gebäude gelassen, weil es strukturell unsicher ist.

© Twitter

Der Brand in der Nacht zum Mittwoch hat den 24-stöckigen Grenfell Tower im Stadtteil North Kensington völlig zerstört. In dem Sozialblock lebten bis zu 600 Menschen in mehr als 120 Wohnungen. Alle Bewohner des Hochhauses sollen bis zum Wochenende eine neue Wohnung erhalten, sagte Megan Hession von der Bezirksverwaltung in Kensington und Chelsea. Zahlreiche Menschen hatten auch die vergangene Nacht noch in Turnhallen und Hotels verbracht. Freunde und Verwandte suchen mit Postern und in den sozialen Medien zunehmend verzweifelt nach Vermissten.

47000647 © AFP Vergrößern Viele Menschen werden nach dem Hochhausbrand verzweifelt gesucht.

Königin Elizabeth II. und Prinz William haben Opfer und Helfer der Brandkatastrophe am Grenfell Tower in London getroffen. Die Queen und ihr Enkel besuchten am Freitag eine Notunterkunft in einem Fitness-Center im Stadtteil Kensington in der Nähe des Brandorts. Schon am Donnerstag hatte die Monarchin den Mut der Feuerwehrleute und die „unglaubliche Großzügigkeit“ der freiwilligen Helfer gewürdigt.

Umfassende Untersuchung der Ursache

Premierministerin Theresa May wurde am Freitag Medienberichten zufolge dabei gefilmt, wie sie ein Krankenhaus betrat, in dem neun Verletzte versorgt werden. Vorher war sie kritisiert worden, weil sie am Donnerstag keine Opfer getroffen hatte. May kündigte eine umfassende Untersuchung der Ursache an. Die Polizei geht derzeit nicht von Brandstiftung aus. „Es gibt zu diesem Zeitpunkt keinerlei Hinweise darauf, dass das Feuer mit Absicht gelegt wurde“, sagte Stuart Cundy von Scotland Yard Reportern am Freitag. Er rechnet mit langwierigen Bergungsarbeiten. „Das Gebäude selbst ist in gefährlichem Zustand.“ Daher werde es sehr lange dauern, bis die Spezialkräfte von Polizei und Feuerwehr den Sozialbau vollständig durchsucht und alle Opfer geborgen hätten

Viel Ärger fokussiert sich unterdessen weiter auf die erst kürzlich angebrachte Fassadenverkleidung. Die Grenfell-Mieterinitiative teilte mit, man habe wegen der schlechten Sicherheitsstandards in dem Hochhaus und anderswo im Bezirk in den vergangenen Jahren häufig gewarnt. Der Chef der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, sagte laut dem britischen Guardian nach einem Besuch am Hochhaus: „Die Anwohner sind sehr wütend, dass nicht gehandelt wurde, nachdem sie ihre Bedenken geäußert hatten.“ Es sei nicht zu akzeptieren, dass in London Luxuswohnungen leer stünden, während für sozial schwächere Menschen wenig getan werde. 

© Reuters, afp Hochhaus-Brand in London: Polizei rechnet nicht mehr mit Überlebenden

Nick Paget-Brown, Leiter des Bezirks, dem das Hochhaus gehört, erklärte am Morgen, warum es in dem Haus keine Sprinkleranlage gegeben habe: Die Bewohner hätten das nicht gewollt. „Es gab keinen Konsens, dass alle Wohnungen mit Sprinklern ausgestattet sein sollten, weil die Sanierung des Blocks dann noch länger gedauert hätte.“ Selbstverständlich bereue er jetzt alles, was nicht gemacht worden sei, um so ein Feuer zu verhindern.

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Der Minister für Gemeinden und Kommunalverwaltung, Sajid Javid, teilte mit, dass die Regierung eine Notfall-Überprüfung aller Hochhäuser in Großbritannien angeordnet hat. Dabei soll auch geprüft werden, ob andere Gebäude mit demselben Material verkleidet sind, das den Brand in London so beschleunigt haben soll: „Das wird innerhalb weniger Tage geschehen. Es gibt etwa 4000 Hochhäuser im Land, aber nicht alle von ihnen wurden saniert. Lassen Sie uns nicht annehmen, dass es nur um die Verkleidung geht.“ Man werde alles tun, um diese Gebäude sicherer zu machen und die Menschen zu schützen.

© Twitter

„Sky News“ veröffentlichte unterdessen ein Video, in dem der ehemalige Minister für Wohnungsbau, Gavin Barwell, heute Stabschef der Premierministerin, Fragen von Reportern zu dem Brand ignoriert und einfach weiterläuft. Ihm wird vorgeworfen, nach einem Brand in Groß-Britannien 2009 nicht genug für den Brandschutz getan zu haben. Die berüchtigten britischen Boulevardzeitungen schrieben auf ihren Titelseiten von „großer Wut“, „einer Schande für die Nation“ und „teuflischem Versagen“ der Behörden, die beim Wohnungsbau auf Kosten der Sicherheit Geld gespart hätten.

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Obwohl die Brandursache weiter unklar ist, ist auch die Wut vieler Bürger auf die Politik bereits groß. Mehr als 6000 Menschen zeigten sich am Freitagmittag auf Facebook „interessiert“ an der Veranstaltung „Gerechtigkeit für Grenwell“. Die Organisatoren rufen zu einer Demonstration vor dem Ministerium von Sajid Javid am Freitagabend um 18 Uhr in Westminster auf: „Mindestens 150 Menschen sind durch das Feuer gestorben. Wir fordern Gerechtigkeit“, schreiben sie. Sängerin Lily Allen, die in der Gegend lebt und aufgewachsen ist, warf der Regierung und den Medien vor, die Tragödie herunterzuspielen. 

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