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Augenzeugen-Berichte : „Sie warfen ihre Kinder in die Tiefe“

  • Aktualisiert am

Schock und Entsetzen: Noch ist unklar, wie viele Bewohner des Grenfell Tower sich retten konnten Bild: EPA

Das Feuer im Grenfell Tower hat viele Bewohner in den oberen Stockwerken eingekesselt. Augenzeugen berichten von dramatischen Rettungsversuchen: Verzweifelte Eltern haben ihre Kinder aus dem Fenster geworfen, darunter auch ein Baby.

          Mitten in der Nacht gellen Alarmschreie durch den Grenfell Tower im Westen Londons. „Fire! Fire!“, rufen die Einwohner durch die Treppen des 27 Etagen hohen Betonklotzes. Augenzeugen berichten von dramatischen Szenen. So haben sich wohl einige Eltern in der Not dafür entschieden, ihre Kinder aus dem Fenster in die Tiefe fallen zu lassen – in der Hoffnung, dass sie von Rettungskräften gefangen würden.

          Eine Mutter habe ihren Säugling aus dem „neunten oder zehnten Stock“ geworfen, sagte Samira Lamrani der britischen Nachrichtenagentur PA am Mittwoch. Die Frau habe von einem halb geöffneten Fenster aus mit Gesten angedeutet, dass sie das Kind herunterwerfen wolle. Daraufhin sei ein Mann in Richtung des Fensters gerannt und habe das Baby aufgefangen. Was später aus der Familie wurde, war zunächst nicht bekannt.

          Der 17-jährige Tiago Etienne sagte der PA, er habe gesehen, wie Eltern drei Kinder ungefähr aus dem 15. Stock geworfen hätten. „Sie waren jung, vielleicht zwischen vier und acht Jahren alt.“ Er habe aber nicht sehen können, ob die Kinder von der Polizei oder der Feuerwehr aufgefangen worden seien.

          Auch andere Eltern nahmen das Wagnis in Kauf, um ihre Kinder zu retten. „Sie haben erst länger mit ihren Kindern an den Fenstern gestanden und sie dann in die Tiefe geworfen“, sagte eine 30-jährige Frau am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur in London. Über das Schicksal der Kinder war zunächst nichts bekannt.

          Keine Lebenszeichen aus den oberen Stockwerken

          Andere Bewohner können sich noch aus dem Haus retten, auch die 39-jährige Hanan Wahabi aus dem neunten Stock. Dann telefoniert sie gleich mit ihrem Bruder in der 21. Etage. Er will auch raus, doch es gibt zu viel Rauch. „Das letzte Mal, als ich ihn sah, winkte er aus dem Fenster, zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern.“

          Hanan Wahabi, die am Mittwochmorgen mit Kopftuch und Pyjama in einem Gemeindezentrum von North Kensington steht, wurde um 01.00 Uhr nachts auf den Brand aufmerksam. „Asche wurde durch das halb geöffnete Fenster ins Wohnzimmer geweht“, berichtet die Frau, die zunächst einmal erleichtert darüber ist, dass auch ihr Mann, ihr 16-jähriger Sohn und ihre achtjährige Tochter dem Inferno entkamen. Als sie den Brand bemerkte, züngelten die Flammen bereits an dem Hochhaus empor.

          Schockierte Anwohner: „Wir konnten nichts tun“, sagte eine Augenzeugin.
          Schockierte Anwohner: „Wir konnten nichts tun“, sagte eine Augenzeugin. : Bild: AFP

          Kaum war die Familie Wahabi in Sicherheit, rief Hanan gleich in der 21. Etage an, aus Sorge um den Bruder und dessen Familie. „Zu dem Zeitpunkt war das Feuer noch nicht ganz oben angekommen“, sagt sie. „Er sagte, dass ihm geraten worden sei, drinnen zu bleiben und Handtücher vor die Türen zu legen. Aber ich sagte ihm, dass er raus muss. Er wollte kommen, aber dann sagte er, es gebe zu viel Rauch.“ Dann hat Hanan noch einmal mit der Schwägerin telefoniert, während ihr Bruder mit der Feuerwehr telefoniert. Seit 02.00 Uhr gibt es kein Lebenszeichen mehr.

          „Sie sind verbrannt“

          Die Menschen in den oberen Etagen des Grenfell Tower saßen in der Falle, wie ein Augenzeuge namens Daniel der BBC schildert. „Sie sind verbrannt“, sagt Daniel. „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“ Er hat auch gesehen, wie Menschen aus dem brennenden Gebäude sprangen, vermutlich ins Verderben

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          Unter den Überlebenden ist der 55-jährige Eddie aus der 16. Etage. Er wurde mitten in der Nacht vom Brandschutzmelder der Nachbarn aus dem Bett geschreckt. Er hörte, wie die Nachbarn „Fire! Fire!“ riefen. Als er die Tür öffnete, schlugen ihm schon Rauchschwaden entgegen. Irgendwie hat Eddie es nach draußen geschafft, wo er jetzt mit T-Shirt, Shorts und Turnschuhen steht, ein feuchtes Handtuch über die Schultern geworfen, das er geistesgegenwärtig noch mit auf die Flucht genommen hatte.

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          Eddie ist überzeugt, dass es „eine Menge Leute nicht nach draußen geschafft haben“. Das macht ihn wütend. Eddie gehört zu der Nachbarschaftsinitiative, die schon vor Jahren über ein Blog vor der Brandgefahr in dem 1974 errichteten und zuletzt umfassend renovierten Gebäude gewarnt hat. Es müsse wohl erst eine „Brandkatastrophe“ eintreten, bevor die Eigentümer „zur Verantwortung gezogen“ werden, hieß es da. Bei dem verheerenden Hochhausbrand in London sind nach Angaben der Behörden mindestens sechs Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl der Toten dürfte aber noch steigen, teilte die Polizei am Mittwoch über Twitter mit.

          Quelle: AFP

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