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Helden des Alltags:
Warum helfen Menschen?

Von MATTHIAS GROßKÄMPER

Die einen ignorieren das Elend der Welt, solange es sie selbst nicht trifft. Die anderen können ihre Augen davor nicht verschließen. Über vier Männer, die zu Helfern wurden, und die Frage nach dem Warum.

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resno, Kalifornien, im Oktober 2014: Ein Haus in einer Wohnsiedlung steht in Flammen, es herrscht Panik. Die Menschen strömen auf den Bürgersteig und rufen, dass noch ein Mann im Haus sei. Aber keiner traut sich, ihn zu retten. Plötzlich taucht ein Mann auf, betrachtet kurz das Haus und geht mit großen Schritten hinein. Kurz darauf erscheint er wieder, auf den Armen trägt er den Mann, der noch im Haus war. Und dann verschwindet er.

© YouTube, thefresnobeeTony Artiaga rettet einen Mann aus einem brennenden Haus

Warum riskiert einer sein Leben, um das eines anderen zu retten? Tom Artiaga, der Held von Fresno, der eigentlich unerkannt bleiben wollte, es weder auf Ruhm noch auf Dank abgesehen hatte, gibt, als amerikanische Reporter ihn schließlich aufspüren, eine denkbar einfache Antwort: „Ich konnte den Mann doch nicht dort drin lassen.“ Viele andere, das zeigt das Video eines Augenzeugen des Brandes, konnten es. Was macht den Unterschied? Warum eilt der eine zur Hilfe, während der andere nur um Hilfe ruft?

Freilich ist nicht jeder zum Helden geeignet, der sich todesmutig für andere einsetzt. Aber Hilfe kann viele Gestalten haben – und in genauso vielen verwehrt werden. Der eine spendet Geld, ein anderer opfert seine Freizeit, ein Dritter macht sich das Helfen zum Beruf. Und viele machen nichts davon. Also: Was macht den Unterschied? Vier Männer, die sich stark für andere eingesetzt haben, und zwei Wissenschaftler, die etwas vom Wesen des Menschen verstehen, liefern Antworten.

Der Mediziner

Warum stellt sich jemand freiwillig dem Ebola-Virus? Warum setzte sich jemand dieser unsichtbaren Gefahr aus, die in gut einem Jahr mehr als 10.000 Menschen getötet hat? Mario Di Gennaro aus Oberursel hat darauf eine einfache Antwort: Weil er dafür ausgebildet ist. Nicht nach Afrika zu fahren, sagt er, das wäre in seinem Fall mit einem Feuerwehrmann zu vergleichen, der vor einem brennenden Haus steht und aus Angst nicht hineingeht. Wenn Di Gennaro von seiner Zeit als Chef-Hygieniker des Deutschen Roten Kreuzes im Ebola-Gebiet erzählt, dann geht es nicht um Heldenmut. Er ist abwägend, sachlich, kalkulierend.

© Matthias GroßkämperWarum helfen Menschen? - Der Mediziner

Der Soldat

Hilfe ist nicht zwangsläufig etwas Geplantes. Mancher begibt sich auch in eine Situation, in der er zum Helfer wird, ohne dass er sich dessen bewusst ist. So ging es etwa dem früheren Bundeswehrsoldaten Nils Thies, der 1999 für drei Monate als Soldat im Kosovo war und 2002 dann auch in Afghanistan. Thies meldete sich nicht für die Auslandseinsätze, weil ihn der Wunsch antrieb, den Menschen dort eine Unterstützung zu sein. Dass er das aber war, ist ihm erst lange danach klar geworden.

© Matthias GroßkämperWarum helfen Menschen? - Der Soldat

Der Lehrer

Die Situation von Flüchtlingen in Deutschland ist unübersehbar. Sie leben in den Städten und auf dem Land, manchmal am Rand und manchmal im Zentrum, auf jeden Fall aber mitten unter uns. Um durch den Alltag und besonders durch die deutsche Bürokratie zu kommen, sind sie oft auf Hilfe angewiesen, schon weil sie kein Deutsch sprechen. Die meisten Menschen ignorieren das, Ulrich Tomaschowski aber konnte das nicht. Der „Lehrer Uli“ gründete 2013 ein Projekt, das Flüchtlingen umsonst Deutsch beibringt.

© Matthias GroßkämperWarum helfen Menschen? - Der Lehrer

Mittlerweile sind die „Teachers On The Road“ im ganzen Land unterwegs – Ulrich Tomaschowski ist mit seinen Anstrengungen aber noch nicht am Ende. Sein nächstes Ziel: Die Zustände in Flüchtlingsheimen verbessern. Mit seinem Team machte er eine Rundreise zu einer Reihe von Unterkünften – und war erschrocken.



  • © dpaDramen, wie sie in letzter Zeit immer wieder passieren: Flüchtlinge, die auf dem offenen Meer auf Hilfe angewiesen sind.
  • © Netzwerk Konkrete SolidaritätUnd so sehen sie meist aus - die Unterkünfte für Flüchtlinge, hier in Trier. Abgeschottet und eingezäunt.
  • © Matthias GroßkämperInnen wird es meist auch nicht besser: Kaputte Sanitäreinrichtungen ermöglichen wohl kaum eine normale Körperhygiene.
  • © Netzwerk Konkrete SolidaritätDas gilt auch für die Zustände der Duschen.
  • © dpaDoch manches lässt sich verbessern. Die “Teachers on the road” geben Flüchtlingen in mehreren Städten Deutschlands kostenlosen Deutsch-Unterricht.

Der Kinderschützer

Hans Gurdzel kam als Katastrophenhelfer viel herum, nach Rumänien aber ging er seinen Kindern zuliebe. Sie wiesen ihn auf das Leid behinderter Kinder hin, die im Regime von Diktator Nicolae Ceau?escu wie Tiere in speziellen Heimen eingesperrt wurden. Gurdzel wollte ihnen ein Vorbild sein und ging hin.

© Matthias GroßkämperWarum helfen Menschen? - Der Kinderschützer

Was Gurdzel in Rumänien erlebt hat, veränderte ihn für immer. Noch heute muss er oft daran zurück denken. Einmal, er war gerade mit einem Hilfstransporter unterwegs, stoppten ihn Kriminelle. Sie hielten ihm eine Waffe an den Kopf und wollten ihn ausrauben, doch Gurdzel sagte ganz ruhig: „Ich habe nichts dabei.“ Die Männer ließen ihn ziehen – zusammen mit umgerechnet einer halben Million Euro Hilfsgeldern.

Die Zahlen

Mario Di Gennaro, Nils Thies, Hans Gurdzel und Ulrich Tomaschowski: Vier Typen von Menschen, vier unterschiedliche Antriebe. Der Blick auf diese Männer gibt einen Eindruck davon, wie breit das Spektrum an Gründen ist, sich für andere einzusetzen, und wie vielfältig die Gebiete sind, auf denen Menschen anderen helfen. Aufgrund dieser Vielfalt lässt sich nicht verlässlich messen, wie weit verbreitet die Bereitschaft zum Engagement in der Gesellschaft ist. Aber es gibt Statistiken, die eine Annäherung ermöglichen. In diesem Jahr brachte der Deutsche Spendenrat zusammen mit der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) eine „Bilanz des Helfens“ heraus. Die Studie untersuchte vor allem das Spendenverhalten der Deutschen. Und die Bilanz ist positiv: 2014 spendeten die Deutschen insgesamt 4,96 Milliarden Euro – deutlich mehr als im Jahr 2005 (4,6 Milliarden), in dem der Tsunami im Indischen Ozean viele Menschen in den Tod riss.

Die Erklärung

Es steht außer Frage: Menschen sind in der Lage und bereit, anderen zu helfen. Aber eben längst nicht jeder. Was macht den Unterschied? Und warum bleibt sich nicht einfach jeder selbst der Nächste? Das sind Fragen, die mehrere Disziplinen der Wissenschaft umtreiben.

© Matthias GroßkämperJoachim Müller-Jung und Prof. Dr. Rolf van Dick erklären das Phänomen des Helfens.

Wer andere fragt, warum sie sich für diejenigen einsetzen, die es schlechter haben als sie, bekommt darauf auch eine Antwort. Dem früheren Soldaten Nils Thies wurde beigebracht, dass man erntet, was man sät. Mario Di Gennaro vom Deutschen Roten Kreuz wägt die Fakten ab und handelt nach der Philosophie seines Arbeitgebers. Hans Gurdzel, der sich vernachlässigten Kindern in Rumänien annahm, handelte nach seinem Glauben. Alles rationale und nachvollziehbare Gründe. Aber ist es so einfach? Was ist mit den inneren Triebkräften, der Fähigkeit zur Empathie etwa, die nicht nur dem eigenen Willen unterliegen? Warum Thies, Di Gennaro, Gurdzel und die unzähligen Helfer dieser Welt handeln, wie sie handeln – ganz können sie es am Ende womöglich selbst nicht erklären. Sie tun es einfach.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 19.05.2015 10:27 Uhr