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Hawaiianer nach Vulkanausbruch : „Wir leben von Minute zu Minute“

Lava schießt am Sonntag hinter einem Haus in der Region Puna auf Hawaii in die Höhe. Bild: Reuters

Maija Stenback musste mit ihrer Familie vor dem Vulkanausbruch auf Hawaii fliehen. Ein Interview über die Flucht vor der Lava, Besuche im Evakuierungsgebiet und das Bangen um die eigene Existenz.

          Am Donnerstagnachmittag erschütterte ein Erdbeben Hawaii, in der Siedlung Leilani Estates im Bezirk Puna schossen wenige Stunden später Lavafontänen aus Rissen in den Straßen bis zu 50 Meter hoch in die Luft. Mehreren hundert Menschen blieben nur wenige Minuten Zeit, um das Nötigste zu packen und sich in Sicherheit zu bringen. Unter ihnen war die Familie der 54 Jahre alten Maija Stenback, die seit 1984 auf Hawaii lebt.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Frau Stenback, wie haben Sie den Vulkanausbruch am Donnerstag erlebt?

          Schon am Mittwoch hatten sich in den Straßen in der Nähe von unserem Haus mehrere Risse aufgetan. Ich wollte am Donnerstag mit meiner Tochter gerade aus dem Haus gehen, um Fotos davon zu machen, als mich mein Sohn anrief und sagte, dass der Vulkan ausbricht. Wir sind ins Auto gestiegen, um uns das anzuschauen. Wir wollten einfach wissen, was wirklich passiert. Und schon wenige Blocks von unserem Haus entfernt haben wir gesehen, wie Lava aus einem Riss in der Straße aus dem Boden sprudelte. Man hat es gerochen, gehört und vor allem gefühlt: Diese enorme Kraft, die da aus der Erde herauskommt. Alles hat vibriert. Ich habe ein Video von der Straße gemacht, aus der die Lava kam, das ging auf meiner Facebook-Seite viral. Dann wollte meine Tochter weg, wir sind nach Hause und haben angefangen zu packen. Da kam auch schon die erste Warnung, dass alle ihre Sachen packen und Leilani Estates verlassen sollen. Und eine halbe Stunde später hieß es: Alle müssen jetzt sofort raus!

          Maija Stenback (von links) mit Tochter Leilani Abaya und Familie

          Was konnten Sie mitnehmen?

          Nicht viel. Ich lebe mit meiner Tochter, ihrem Partner und ihren zwei Kindern zusammen, außerdem haben wir noch zwei Hunde. Und wir hatten nur ein Auto, da war also kaum Platz. Wir haben versucht, die wichtigsten Unterlagen mitzunehmen, Ladegeräte, Computer, außerdem Babyfotos und solche Sachen. Für meine Schmuckkiste war kein Platz, also habe ich mir eine Handvoll Schmuck in die Taschen gestopft. Jedes Kind durfte drei Spielzeuge mitnehmen. Der Highway war dann zum Glück frei, uns kamen nur sehr viele Autos entgegen, die ganzen Rettungskräfte. Es war ein völlig irreales Gefühl, wir waren wie taub.

          Wohin fuhren Sie?

          Zuerst zu einer Freundin, die eine halbe Stunde entfernt wohnt. Am Freitag sind wir weiter in ein anderes Haus, das mir und meinem Ex-Mann gehört. Dort sind wir seitdem, zwei Stunden entfernt von unserem Zuhause. Am Samstag haben wir versucht herauszufinden, was wir machen sollen. Wir haben uns Gasmasken organisiert. Am Sonntag kam die Nachricht, dass die Einwohner von Leilani Estates kurz in ihre Häuser dürfen, um mehr Sachen rauszuholen. Es weiß ja keiner, wie lange die Häuser noch stehen. Meine Tochter ist mit ihrem Freund losgefahren. Aber das erzählt sie am besten selbst, ich reiche mal das Telefon weiter.

          Leilani Abaya: Hallo! Also wir sind am Sonntag gleich los gefahren, als wir gehört haben, dass wir rein dürfen. Es waren sehr viel Autos unterwegs und wir mussten an einem Checkpoint warten. Sie haben immer nur ein Auto reingelassen, wenn ein anderes rausgefahren ist. Unsere größte Angst war, dass Plünderer unser Haus ausgeräumt hatten. Als wir rein durften, haben wir die Lava gesehen, sie kam nur wenige Blocks von unserem Haus entfernt aus der Straße. In unserem Haus war zum Glück alles in Ordnung. Wir hatten eine Liste mit Sachen, die wir mitnehmen wollten, in absteigender Priorität.

          Wie lange konnten Sie bleiben?

          Während wir gepackt haben, wurde es draußen immer lauter, der Vulkan brach weiter aus. Irgendwann wurde es so heftig, dass wir richtig Angst bekamen. Dann kam die Nachricht, dass alle sofort raus müssen. Das haben wir dann gemacht. Als wir zurück bei meiner Mutter waren, waren wir einerseits super erleichtert. Andererseits war es auch sehr traurig, weil wir nicht wissen, was aus unserem Haus wird und allem, was immer noch drin ist. Wir haben dafür hart gearbeitet. Am nächsten Morgen hieß es, dass sich ein neuer Riss auf der Hauptstraße bei uns in der Nähe aufgetan und der Vulkan mehr als 20 Häuser zerstört hat. Fünf Freunde von mir haben ihr Zuhause verloren. Eines der Häuser war nur zwei Straßen von unserem entfernt. Wir wollen jetzt noch einmal hinfahren, um so viel wie möglich rauszubekommen. Das könnte die letzte Chance sein.

          „Die Kinder verlassen Leilani Estates“, schrieb Maija Stenback zu diesem Foto am Montagabend (Ortszeit).

          Sie machen regelmäßig Live-Videos auf Facebook. Warum?

          Es ist der einzige Weg, wie ich alle auf Stand halten kann. Als Leilani Estates evakuiert wurde, hatte ich mehr als 50 Anrufe in Abwesenheit auf dem Handy und hundert Nachrichten. Ich will, dass alle wissen, dass es mir gut geht. Aber wir leben hier von Minute zu Minute. Und viele Minuten sind kritisch. Ich kann nicht dauernd telefonieren. Für uns ist es das erste Mal, dass wir in so einer Situation sind. Wir leben zwar in der sogenannten „Lava Zone eins“, wo das Risiko eines Ausbruchs sehr groß ist. Aber wir haben trotzdem nie gedacht, dass wirklich etwas passiert. Schlimm ist auch, dass man keine Versicherung bekommt, wenn man in dieser Zone lebt. Alles, was wir verlieren, ist dann einfach weg. Es wird eine Weile dauern, bis wir in unserem Haus wieder gut schlafen können. Aber hoffentlich wird es dazu kommen.

          Das Gespräch wurde am Montagvormittag (Ortszeit) geführt. Am Mittag konnte Leilani Abaya noch einmal zurück in das Haus fahren. Beim Erscheinen dieses Artikels war sie gerade auf dem Rückweg. Ihre Mutter bekam unterdessen die Nachricht , dass die Aktivitäten des Vulkans zurückgehen. Eine Entwarnung gibt es aber noch nicht.

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