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Haiti Abgerissen von Sean Penn

Das Erdbeben in Haiti ist fast drei Jahre her, und Trümmer gibt es noch mehr als genug. Die Stiftung des amerikanischen Schauspielers Sean Penn beseitigt auch den Präsidentenpalast.

© Matthias Rüb Vergrößern Nie ein Zeichen der Größe: Der beim Beben eingestürzte Präsidentenpalast in Port-au-Prince verschwindet nun ganz aus dem Stadtbild

Bis zum Ende des Monats werden der letzte Haufen Schutt, das letzte Armiereisen und die letzte Säule verschwunden sein. Was dann kommt, weiß niemand. Zunächst wird ein leerer Platz bleiben, auf dem vielleicht irgendwann wieder ein großes Gebäude steht.

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Der Nationalpalast im Herzen der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince war beim verheerenden Erdbeben vom 12. Januar 2010 irreparabel beschädigt worden. Die mächtige Kuppel hatte mehrere Stockwerke zusammengedrückt und saß auf einem Trümmerberg, manche Seitenflügel waren eingestürzt. Mehr als zweieinhalb Jahre lag das waidwunde Gebäude, unberührt und wenig beachtet, am Rande des Champs de Mars, wo Opfer des Erdbebens ein Lager aus Notunterkünften errichtet hatten: ein trauriges Symbol für die Zerstörung Haitis und für die immer wieder vertagten Hoffnungen auf den Wiederaufbau der Hauptstadt und des Landes.

Mitte September rückten die Bagger an

Bis Sean Penn kam. Der Hollywood-Schauspieler, mit seiner Stiftung „J/P Haitian Relief Organization“ (J/P HRO) seit dem Erdbeben vom Januar 2010 in Port-au-Prince und anderen Städten präsent, bot Präsident Michel Martelly im Sommer dieses Jahres an, den Palast abzureißen. Martelly gab Penn und seiner Stiftung den Zuschlag. Ob J/P HRO die Abrissarbeiten komplett umsonst ausführt oder dafür nur „eine minimale Summe“ erhält, bleibt im Dunkeln - wie so vieles in der Geschichte und der Gegenwart dieses geschundenen Landes.

Jedenfalls rückten Mitte September die Bagger an, rissen die Fassaden ein, zertrümmerten Betonbrocken zu Schutt, zerrten Armiereisen aus den Trümmern. Schweißer zerlegen sie in Stücke, damit sie zur Wiederverwertung fortgeschafft werden können. Der Schutt wird mit Lastwagen in den berüchtigten Slum Cité Soleil gefahren, wo er als Fundament für einfache Häuser und Hütten dient, in denen Opfer des Erdbebens endlich ein festes Dach über dem Kopf finden. „Die verabredete Frist zur vollständigen Räumung des Geländes bis zum 30. November werden wir einhalten“, sagt der amerikanische Vorarbeiter Jeff, der die Abbrucharbeiten überwacht. Die werden von einheimischen Angestellten von J/P HRO ausgeführt.

Mehr als doppelt so groß wie das Weiße Haus

Mehr als 300 Haitianern gibt die Penn-Stiftung Lohn und Brot. Für Jean-Louis und seine Kollegen, die aus dem Schutt die wiederverwertbaren Backsteine herausklauben und auf Schubkarren verladen, sind die Abrissarbeiten am Nationalpalast ein Job wieder jeder andere: „Trümmer sind Trümmer, und davon haben wir mehr als genug.“ Ein Symbol für die nationale Größe Haitis war der Nationalpalast ohnedies noch nie, allenfalls für den Größenwahn seiner korrupten Diktatoren.

Der Palast wurde 1912 zwar von dem haitianischen Architekten Georges Baussan (1874 bis 1958) im klassizistischen Stil der Pariser Beaux Arts entworfen, aber seine Fertigstellung verdankt er im Wesentlichen dem Ingenieurkorps der amerikanischen Streitkräfte. Denn kaum ein Jahr nach dem Beginn der Bauarbeiten vom Mai 1914 kam es in Haiti wieder einmal zu einem Putsch, den weder Präsident Vilbrun Giullaume Sam noch der Rohbau des Palasts überlebten. Und wieder einmal rückten die Amerikaner ein, um Ordnung zu schaffen. Während der von 1915 bis 1934 dauernden amerikanischen Besetzung Haitis wurde der Palast fertiggestellt: 1920 war der strahlend weiße Präsidentenpalast, der mehr als doppelt so groß ist wie das Weiße Haus in Washington, endlich bezugsfertig.

Am längsten konnten sich die Diktatoren „Papa Doc“ Francois Duvalier und dessen Sohn „Baby Doc“ Jean-Claude Duvalier als Bewohner des Palastes halten: kombinierte drei Jahrzehnte (1957 bis 1986). Jean-Claude Duvaliers Ehefrau Michèle Bennett ließ in den Wohnquartieren im Obergeschoss des Palastes einen Kühlraum für ihre Pelzkollektion einbauen - und in eines der Schlafzimmer eine Decke aus Spiegelglas einziehen. Nichts als Staub ist von alledem übriggeblieben. Haitis Nationalpalast: von amerikanischen Ingenieuren gebaut, von haitianischen Diktatoren missbraucht, von einem amerikanischen Schauspieler abgerissen.

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Etwa 300.000 Tote

Das Erdbeben in Haiti am 12. Januar 2010 mit seinem Epizentrum etwa 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince hatte eine Stärke von 7,0. Es war das schlimmste Beben in der Geschichte des Kontinents. Die Zahl der Opfer kann bis heute nur geschätzt werden. Sie liegt vermutlich über 300.000 Personen. Eine gleiche Anzahl Bewohner wurde bei der Naturkatastrophe verletzt, 1,85 Millionen wurden obdachlos. Der wirtschaftliche Schaden für das Land soll umgerechnet etwa 5,4 Milliarden Euro betragen, mehr als das Bruttoinlandsprodukt. Im Oktober 2010 brach im Erdbebengebiet die Cholera aus, es gab Hunderte Tote. (F.A.Z.)

Quelle: F.A.Z.

 
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