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Gutachter nach Amoklauf von Winnenden: : „Die Eltern sind mitverantwortlich“

Der Amokläufer von Winnenden soll schon länger vor der Tat Tötungsfantasien gehabt haben Bild: ddp

Nach einem jetzt bekannt gewordenen psychiatrischen Gutachten über Tim K., den Amokläufer von Winnenden, sind seine Eltern mitverantwortlich für die Taten. Tim K. soll vor der Tat von Tötungsphantasien gesprochen haben.

          Nach einem jetzt bekannt gewordenen psychiatrischen Gutachten über Tim K., den Amokläufer von Winnenden, hätten die Eltern gewarnt sein müssen. Der Jugendpsychiater Reinmar du Bois kommt zu dem Ergebnis, dass Tim K. manisch-depressiv war und zudem an einer masochistischen Persönlichkeitsstörung litt. „Normal aufmerksame und wachsame Menschen“, so der Gutachter, hätten „aufgrund der vorhandenen Informationen eine Risikosituation bei Tim identifizieren“ müssen. Die Eltern müssen nach den bisherigen Ermittlungen aber die psychische Verfassung ihres Sohnes falsch eingeschätzt haben und seine Vorliebe für Gewaltfilme- und Spiele sogar noch unterstützt haben.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Einige Horrorfilme soll die Mutter Tim beschafft haben, von den Ballerspielen auf dem Computer ihres Sohnes müssen die Eltern vermutlich gewusst haben. In Tims Zimmer und auf seinem PC fanden die Ermittler zahlreiche Gewaltspiele und Horror-Filme, darunter zum Beispiel den Film „Natural Born Killers“, der auch schon den Amokläufer von Columbine als Vorlage diente. Obwohl die Mutter vom psychischen Zustand ihres nicht volljährigen Sohnes wusste, soll sie ihm - die Altersbeschränkung ignorierend - einige dieser Filme gekauft haben. Auch den sehr brutalen und grausamen Filmen „Hundert Tears“, in dem ein Clown seine Opfer mit einem gigantischen Fleischerbeil zerhackt, soll sich Tim immer wieder angesehen haben.

          „Die Eltern hätten die Waffen wegschließen müssen“

          Allein die Beschäftigung mit Horrorfilmen und Killerspielen hätten nach Auffassung des in Tübingen lehrenden und in Stuttgart praktizierenden Jugendpsychiaters nicht ausgereicht, um den 17 Jahre alten, unter sozialer Isolation leidenden Tim K. zum Amokläufer zu machen. Entscheidend ist in der eher freudianisch motivierten Analyse von Tims Charakter seine „masochistische Persönlichkeitsstörung“, also auch das gestörte Verhältnis zur Sexualität. So soll er sich immer wieder Filme und Bilder aus dem Internet beschafft haben, in denen Männer von dominant auftretenden Frauen beherrscht und gequält werden. Noch am Abend vor seiner Tat in Winnenden und Wendlingen, bei der zunächst 15 Menschen und dann sicht selbst tötete, soll er sich einen sadomasochistischen Film angeschaut haben.

          „Das Gutachten benennt klar, dass die Eltern mitverantwortlich sind, denn sie hätten erkennen müssen, dass sein Tun hätte gefährlich werden können“, sagte ein Anwalt der Amoklauf-Opfer FAZ.NET. Auf dem Computer des Amokschützen war auch ein Stadtplan von Erfurt gespeichert, wo es am Gutenberg-Gymnasium 2002 ebenfalls einen Amoklauf gegeben hat. Der Gutachter ist der Auffassung, dass die Eltern angesichts des psychischen Zustandes ihres Sohnes die Waffen hätten wegschließen müssen, auch hätten sie ihn davon abhalten müssen, Schießsport zu betreiben.

          Die Eltern leugnen, von den Mordphantasien gewusst zu haben

          Auch dürfte die Atmosphäre innerhalb der Familie, die von der Schwester als „gefühlskalt“ geschildert worden ist, zur psychischen Degenration von Tim K. beigetragen haben. Der Vater, der sich als Unternehmer hochgearbeitet hatte, soll Leistungen immer wieder vor allem mit Geld belohnt haben. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt seit März gegen den Vater des Amokläufers wegen fahrlässiger Tötung, weil er die Munition und die Tatwaffe nicht in einem Schrank sicher verwahrt hat.

          Mittlerweile liegen alle Gutachten sowie der polizeiliche Ermittlungsbericht vor. Anfang Oktober will die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob sie gegen Tims Vater Anklage erhebt. Die Aussage einer Therapeutin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weinsberg dürfte dies wahrscheinlicher machen: Die Therapeutin, die Tim K. im Frühjahr 2008 zu mehreren ambulanten Beratungsgespräch aufgesucht hatte, hat nämlich in einem polizeilichen Verhör zwei Mal ausgesagt, die Eltern über die Mordphantasien ihres Sohnes informiert zu haben. Die Eltern bestreiten das. Tim habe in der Ambulanz von heftigen Stimmungsschwankungen, Hassgefühlen und der „Idee“ berichtet, die gesamte Menschheit zu töten.

          Über Tims Waffenvorliebe informierten Tims Eltern die Therapeutin in Weinsberg offenbar nicht. Nach einem Bericht der „Waiblinger Kreiszeitung“ haben die Ermittler im Zimmer des Amokläufers auch ein Schriftstück gefunden, das ein Abschiedsbrief sein könnte: „Es gibt zwei Behauptungen, warum es solche Menschen gibt. Die einen sagen, man wird so geboren, die anderen sagen, man wird zu dem gemacht. Die Wahrheit ist, diejenigen haben es schon von Geburt an in sich, es kommt jedoch nur raus, wenn das Gemachte hinzukommt!“

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