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Großbrand in Backnang Keine Chance im dichten Rauch

 ·  Bei einem Großbrand in Backnang bei Stuttgart sind mindestens acht Menschen gestorben. Darunter sind sieben Kinder. Die Brandursache ist bislang noch unklar.

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© dapd Vergrößern Wodurch der Brand in Backnang ausgelöst wurde, ist noch unklar

Aus dem Giebelfenster im zweiten Stock hängt eine verkohlte Gardine. Die gelbe Fassade von Nummer 33 ist im ersten Stock und am Giebel tiefschwarz verfärbt. Über dem Haus im ehemaligen Gerberviertel der baden-württembergischen Stadt Backnang, eine halbe Stunde nordöstlich von Stuttgart, hängt noch am Nachmittag Rauch.

Als am Sonntagmorgen um 4.30 Uhr im ersten Stock ein Feuer ausbricht, wird im „Merlin“, einer Bar im Hinterhof des Unglückshauses, noch gefeiert. Sieben Minuten brauchten die Feuerwehrleute bis zum Haus Nummer 33 in der Wilhelmstraße. Der aufmerksame Bürger, der das Feuer entdeckt hatte, trat die Wohnungstür ein, weil er helfen wollte. Doch während das Treppenhaus zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Flammen stand und auch noch frei von Brandrauch war, hatten die Mitglieder der türkischstämmigen Großfamilie schon über Minuten giftigen Rauch eingeatmet. Sieben tote Kinder im Alter von sechs Monaten bis 16 Jahren und ihre tote Mutter bergen die Feuerwehrleute im Laufe des Morgens aus zwei Räumen im ersten Stock des Hauses.

“Mit großer Wahrscheinlichkeit entwickelte sich der Brand von drinnen nach draußen“, sagt Klaus Hinderer, der Sprecher der Waiblinger Polizei. Der Einsatzleiter der Feuerwehr berichtet, dass seine Leute schon bei der Anfahrt auf das am Rande der Backnanger Innenstadt gelegene Viertel eine große Rauchsäule gesehen hätten. Ein Fenster sei geborsten gewesen, der erste Stock komplett verraucht. Hermann Schröder, der baden-württembergische Landesbranddirektor, sagt am Sonntagvormittag in einer eilig anberaumten Pressekonferenz, die Bewohner hätten keine Chance gehabt. „Es gab eine schnelle Rauchentwicklung, wahrscheinlich sind alle dadurch getötet worden.“

Komplizierte Bauweise, viel Holz

Das Gerberhaus ist nur wenige Meter vom Gelände des alten Telefunken-Werks entfernt. Im Erdgeschoss des ausgebrannten Hauses hat ein türkischer Kulturverein seinen Sitz, dort soll es auch einen kleinen Gebetsraum geben. Hinter dem ausgebrannten Haus sieht man einen alten Fabrikschornstein, die Bar „Merlin“ und zahlreiche Sonnenkollektoren auf mehreren ineinander verschachtelten Flachbauten. Die komplizierte Bauweise und viel verarbeitetes Holz machten die Löscharbeiten kompliziert, sagt ein Sprecher der Feuerwehr.

Über einen Balkon im Hinterhof konnte die Feuerwehr aber drei Menschen retten: ein Kind, dessen Onkel und Großmutter. Für die Polizei ist nur schwer festzustellen, wie viele Menschen in der Nacht zum Sonntag in der hauptsächlich betroffenen Wohnung waren. Beim Einwohnermeldeamt sind zehn Bewohner registriert, doch die Familie beherbergte offenbar noch einige Gäste. Retter betreuten rund 50 Familienangehörige und Bekannte. Der Vater der Kinder war nicht zu Hause; angeblich hatte er sich von seiner Frau getrennt und war ausgezogen.

Ein Ofen oder ein elektrischer Defekt könnten die Brandursache sein. Für einen ausländerfeindlichen Anschlag von Rechtsextremisten gibt es nach Angaben der Polizei keine Anhaltspunkte. „Das Verhältnis zur türkischen Gemeinde ist sehr harmonisch“, sagt Backnangs Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU). „Von Segregation kann man bei uns nicht sprechen.“

Feuchte Augen, selbst bei der Feuerwehr

Die Fragen vieler Passanten nach einem fremdenfeindlichen Hintergrund haben Gründe: Im Rems-Murr-Kreis gibt es seit Jahren immer mal wieder Schwierigkeiten mit der militant-rechtsextremen Szene. Am 10. April 2011 hatte eine Gruppe gewaltbereiter Rechtsextremer in Winterbach, etwa 20 Kilometer von Backnang entfernt, ein Gartenhäuschen auf einer Streuobstwiese angezündet, in der sich junge türkischstämmige und italienischstämmige Deutsche aufgehalten hatten. Mustafa Türker Ari, der türkische Generalkonsul in Stuttgart, spricht am Sonntag von einem „tragischen Tag“. Trotz der Ermittlungspannen bei der Aufklärung der NSU-Morde habe er großes Vertrauen in die deutsche Kriminalpolizei. „Wir müssen die Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung abwarten.“

Hinter den Absperrbändern an der Kreuzung Friedrichstraße/Gerberstraße haben sich 300 Backnanger Bürger versammelt, viele türkischstämmige Familien, aber auch viele alteingesessene Backnanger schauen schockiert auf den Fortgang der Rettungsarbeiten. Zwischen den Dachziegeln steigt immer noch Rauch in den Himmel. Das Haus ist einsturzgefährdet.

Gegen Mittag spannen Polizisten und Feuerwehrleute einen schwarzen Sichtschutz über die Wilhelmstraße. Demnächst sollen die Leichen zur Obduktion abtransportiert werden. Innenminister Reinhold Gall (SPD), ein erfahrener Feuerwehrmann, lässt sich an den Einsatzort führen. Seine Augen sind feucht. Am späten Nachmittag kommen dann auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und der türkische Botschafter an den Katastrophenort.

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