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Grevenbroich : Tod auf Montage

  • Aktualisiert am

Auf der Großbaustelle ruht die Arbeit Bild: ddp

Bei dem schweren Unglück auf einer RWE-Kraftwerksbaustelle in Grevenbroich sind drei Arbeiter ums Leben gekommen. Am Samstag sind die Arbeiten zur Bergung des dritten Todesopfers fortgesetzt worden.

          Einen Tag nach dem schweren Unglück auf der Baustelle des neuen Braunkohlekraftwerks in Grevenbroich-Neurath ruht dort die Arbeit. Immer noch nicht ist die Sicherheit gewährleistet. Immer noch drohen tonnenschwere Metallteile in die Tiefe zu stürzen. Immer noch war es nicht möglich, alle drei der Opfer zu bergen. Einer der Männer hatte in etwa 140 Meter Höhe von weitem sichtbar in seinem Sicherungsgeschirr gehangen. Der Tote konnte genauso geborgen werden wie der Arbeiter, der vom Gerüst zu Boden gestürzt und von Metallteilen begraben worden war.

          Ein weiteres Opfer aber liegt noch auf etwa 70 Meter Höhe. Die Rettungskräfte gehen davon aus, dass der Mann tot ist. Bis zum Freitagmorgen war man noch von fünf Toten ausgegangen. Zwei Arbeiter waren allerdings doppelt gemeldet worden. Fünf weitere Männer sind zum Teil schwer verletzt, doch sind sie inzwischen außer Lebensgefahr. Ein Sanitäter hat zudem während des Einsatzes einen Herzinfarkt erlitten.

          Aus Tschechien und der Slowakei

          Alle Opfer, Tote und Verletzte, sind zwischen 20 und 35 Jahren alt. Sie stammen aus der Tschechischen Republik und aus der Slowakei. Sie waren für ein tschechisches Subunternehmen damit beschäftigt, den Brennofen für das neue Kraftwerk zu errichten. Dafür wird zunächst ein 170 Meter hohes Stahlgerüst zwischen Betonsäulen hochgezogen, in das die verbindenden Stahlteile eingehängt werden. Am Donnerstagnachmittag war man damit beschäftigt, ein solches Bandageteil, das vierte, einzuhängen und zu befestigen. Es wiegt mehr als 100 Tonnen. Gegen 16.30 Uhr - das schwere Element wurde gerade verschraubt und der Spezialkran ließ es langsam los - stürzte es ab. Dabei riss es Teile der ganzen Konstruktion mit sich, so dass jetzt ein Stahlgewirr von schätzungsweise 450 Tonnen Gewicht am Boden liegt. Andere Teile hängen in der Konstruktion, man weiß noch nicht, wie stabil sie sind.

          Das teilweise eingebrochene Gerüst auf der Baustelle des Kraftwerks

          Einige Männer wurden wohl mit in die Tiefe gerissen und dabei verletzt, andere von den herabstürzenden Teilen getroffen. Im ersten Moment war nur zu erkennen, dass es sich um einen „großen Schadensfall“ handelte. Es wurde Alarm ausgelöst, ein Krisenstab gebildet, alle Rettungskräfte aus dem Kreis Neuss wurden alarmiert und Feuerwehren aus Düsseldorf und Köln gerufen. Zeitweise waren neunzehn Notärzte an der Unfallstelle, mehrere Rettungshubschrauber standen auf einem angrenzenden Feld bereit.

          Wie das Unglück genau abgelaufen ist, wusste am Freitag noch niemand zu erklären. RWE-Werksdirektor Eberhard Uhlig verweist auf die hohen Sicherheitsstandards. Rund 200 Polizisten sperren die Unglücksstelle ab, die Staatsanwaltschaft ermittelt mit etwa 50 Beamten. Gleichzeitig sichern Feuerwehrleute der Höhenrettung aus Köln und Düsseldorf das Gelände. Zeugen werden gehört, doch obwohl auf der Baustelle bis zu 1000 Menschen gearbeitet haben, hat kaum einer etwas gesehen. Die meisten von ihnen sind erst durch den geräuschvollen Absturz aufmerksam geworden. Sachverständige sind hinzugezogen. Sie versuchen, soweit sie sich nähern können, Spuren zu finden und die Abläufe nachzuvollziehen. Materialschaden oder menschliches Versagen? So lautete eine vielgestellte Frage. Das Team an der Unglücksstelle gilt als eingespielt und erfahren. Der Staatsanwalt sagt, dass es sich noch um ein Todesermittlungsverfahren handle, niemand sei bisher beschuldigt oder verdächtig.

          Ein Projekt der Superlative

          Die Kraftwerksbaustelle in Grevenbroich ist ein bedeutendes Prestigeprojekt des Energiekonzerns RWE. Die Firma investiert hier nach eigenen Angaben 2,2 Milliarden Euro. Die Arbeiten begannen im Januar 2006 auf einem 52 Hektar großen Gelände; die beiden Blöcke des Braunkohlekraftwerks sollen im Jahr 2010 in Betrieb genommen werden.

          Die Baustelle gehört zu den größten in Europa. Fast zweineinhalb Millionen Kubikmeter Erde wurden ausgehoben und abgetragen. Der Stahlbau der Anlage wird den Angaben zufolge 90.000 Tonnen wiegen - zum Vergleich nennt die Firma den nur 7300 Tonnen schweren Eiffelturm. Kühltürme und Kesselhäuser sollen 170 Meter hoch werden. Außerdem ist die Verlegung von 2500 Kilometern Kabel vorgesehen.

          In Spitzenzeiten arbeiten laut RWE bis zu 4000 Menschen auf der Baustelle. Das sogenannte Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik soll im Vergleich zu Vorgängermodellen weniger Kohlendioxid ausstoßen.

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