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Erdbeben in Mexiko : 20 Sekunden, die Leben retten

  • -Aktualisiert am

20 Sekunden vor dem Beben wurden die Einwohner von Mexiko-Stadt gewarnt. Bild: Edgar Cabalceta/HANDOUT/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Mexiko ist eines der wenigen Länder, in denen ein Frühwarnsystem vor bevorstehenden Erdbeben warnt. Ohne den Alarm Sekunden vor dem Beben wären noch viel mehr Menschen ums Leben gekommen.

          Als am Dienstag um 13.15 Uhr die Sirenen in Mexiko-Stadt zu heulen begannen, wussten die meisten Einwohner genau, was zu tun war. Entweder rannten sie aus dem Haus auf die Straßen und Plätze, oder sie verkrochen sich in den Häusern unter soliden Tischen und anderen schweren Möbeln. Für Chilangos - so nennen Mexikaner die Einwohner ihrer Hauptstadt – ist das Sirenengeheul kein Zeichen für einen bevorstehenden Fliegerangriff, wie es vielen älteren Deutschen noch in unangenehmer Erinnerung ist. Die heulenden Sirenen zeigen dort vielmehr an, dass mit einer großen Gefahr von unten gerechnet werden muss. Sie sind Teil eines seit Jahrzehnten durchweg gut funktionierenden Frühwarnsystems für Erdbeben, des Sistema de Alerta Sísmica Mexicano (Sasmex). Mexiko ist eines der wenigen Länder, in denen ein Frühwarnsystem vor bevorstehenden Erschütterungen warnt.

          Obwohl sich seismische Wellen rasend schnell durch das Erdinnere ausbreiten, ist ihre Geschwindigkeit viel geringer als die des Lichts. Während potentiell zerstörerische S-Wellen mit knapp 15.000 Kilometern pro Stunde vom Erdbebenherd aus durch die Erde eilen, bewegen sich elektromagnetische Wellen mit knapp 300.000 Kilometern pro Sekunde. Strenggenommen gilt diese Grenzgeschwindigkeit zwar nur für die Wellenausbreitung in einem Vakuum, aber bei ihrem Ritt durch Lufthülle oder Glasfaserkabel sind Licht und Radiosignale nur unwesentlich langsamer.

          Computerprogramme überprüfen die Warnung blitzschnell

          Ein System, das vor den Auswirkungen eines Erdbebens warnt, macht sich diesen riesigen Unterschied in den Geschwindigkeiten zunutze. Wenn man nämlich ganz in der Nähe eines Erdbebenherdes feststellt, dass ein schweres Beben begonnen hat, kann man diese Information mit Lichtgeschwindigkeit über Funk oder Kabel an ein Datenzentrum übertragen. Dort überprüfen Computerprogramme blitzschnell, ob die anfänglichen Erschütterungen tatsächlich von einem Beben ausgelöst wurden. Anschließend rechnen die Maschinen aus, wie lange es dauern wird, bis die seismischen Wellen große Städte erreichen. Diese Informationen werden dann ebenfalls per Funk in die bewohnten Gebiete übertragen und kommen dort wegen des großen Unterschieds in den Geschwindigkeiten der beiden Wellenarten viel früher an als die seismischen Wellen. Sirenen und andere Warnsignale werden automatisch eingeschaltet, und die Bevölkerung kann sich in Sicherheit bringen.

          Nach Erdbeben : Verzweifelte Suche nach Überlebenden in Mexiko

          Bei dem Erdbeben am Dienstag betrug die Vorwarnzeit in Mexiko-Stadt knapp 20 Sekunden. Obwohl das auf den ersten Blick sehr kurz erscheint, konnte sich der größte Teil der Bevölkerung schützen. Die Chilangos haben viel Übung darin, denn in jeder Schule und in vielen Behörden und Betrieben der Hauptstadt gibt es regelmäßig Übungen zum korrekten Verhalten bei einem Erdbebenalarm. Solche Übungen gab es auch am Dienstag in vielen Teilen der Stadt, nur wenige Stunden vor der neuerlichen Katastrophe. Anlass war der 32. Jahrestag des schweren Erdbebens von 1985, bei dem allein in Mexiko-Stadt mehr als 10.000 Menschen ums Leben kamen.

          Der Erdbebenherd war nur 120 Kilometer von Mexiko-City entfernt

          Die Naturkatastrophe war damals der Anlass zum Aufbau von Sasmex. Dabei kamen den Erdbebenwissenschaftlern die geologischen Verhältnisse in Mexiko zu Hilfe. Die meisten schweren Erdbeben in dem Land ereignen sich nämlich entlang des Mittelamerikagrabens vor der Pazifikküste. Dort lag auch der Herd des schweren Bebens von 1985. Mexiko-Stadt mit seinen etwa 20 Millionen Einwohnern ist aber zwischen 400 und 600 Kilometern von der erdbebenträchtigen Küste entfernt. Seismische Wellen brauchen also zwischen einer und zwei Minuten, bis sie von den Erdbebenherden an der Küste in die Stadt gelangen und dort Schäden anrichten können. Nach dem schweren Beben von 1985 begannen Seismologen im Rahmen eines von der Regierung finanzierten Programms damit, entlang der Pazifikküste Erdbebensensoren aufzustellen und deren Daten per Funk in ein Zentrum in Mexiko-Stadt zu übertragen. Seit 1991 werden dort die Messwerte von Computern analysiert. Wenn Gefahr besteht, geben diese Computer entsprechende Warnungen. Der Vorgang läuft vollautomatisch ab. Jeder menschliche Eingriff würde wertvolle Sekunden kosten.

          Bild: F.A.Z.-Karte

          In Mexiko-Stadt beträgt die typische Vorwarnzeit vor den seismischen Wellen, die von einem Erdbeben nahe der Küstenstadt Acapulco ausgehen, etwa 70 Sekunden. Dass diese Zeitspanne am Dienstag nur knapp 20 Sekunden betrug, lag daran, dass der Herd des zerstörerischen Bebens nicht an der Küste lag, sondern nur 120 Kilometer von Mexiko-Stadt entfernt im Inland.

          Nur wenige Länder haben so gut ausgestattete Frühwarnsysteme

          Neben Mexiko haben noch Japan und Taiwan entsprechende vollautomatische Frühwarnsysteme. In beiden Ländern erscheinen bei einem Erdbeben Warnungen in Fernsehen und Rundfunk. Sie werden auch über das Internet und die Handynetze an Computer, Tablets und Handys übertragen. Obwohl es auch an der Westküste der Vereinigten Staaten immer wieder zu schweren Erdbeben kommt, gibt es dort zwar einen Prototypen zur Erdbebenfrühwarnung, aber noch kein funktionierendes öffentliches Warnsystem, mit dem die Bevölkerung zuverlässig vor Erdstößen gewarnt werden könnte. Das liegt vor allem daran, dass Politiker in Washington und den Hauptstädten der Küstenstaaten Kalifornien, Oregon und Washington jahrelang kein Geld für ein derartiges System zur Verfügung stellen wollten.

          Diese falsche Zurückhaltung änderte sich erst in den letzten beiden Amtsjahren des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama. In dem von seinem Nachfolger Donald Trump vorgelegten Etatentwurf ist allerdings wieder eine erhebliche Kürzung der Mittel für den Geologischen Dienst der Vereinigten Staaten vorgesehen. Dabei sind dessen Wissenschaftler gerade dabei, zusammen mit dem California Institute of Technology in Pasadena und der Universität in Berkeley das rudimentäre Sensornetz auszubauen. So konsequent wie in Mexiko wird eben in den Vereinigten Staaten nicht immer gehandelt.

          Quelle: F.A.Z.

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