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Flutkatastrophe in Südrussland „Handgemachter Tsunami“

 ·  Die Zahl der Toten bei der Flutkatastrophe in Südrussland hat längst 150 überschritten. Die Empörung über das Krisenmanagement ist riesig.

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© AFP Flutbrühe: Szene vom Sonntag aus der hart getroffenen Stadt Krymsk

Bei einer Flutkatastrophe in der südrussischen Region Krasnodar am Schwarzen Meer sind in der Nacht zum Samstag mindestens 152 Personen ums Leben gekommen. Getroffen waren die Städte Krymsk, wo allein etwa 130 Bewohner ums Leben kamen, sowie der Schwarzmeer-Badeort Gelendschik, die Hafenstadt Noworossijsk und einige Dörfer der Region. Das russische Katastrophenschutzministerium gab an, 5000 Wohnhäuser seien zerstört oder beschädigt worden. Auch am Sonntag war der Zugverkehr in der Region noch lahmgelegt. Präsident Wladimir Putin ordnete für diesen Montag Staatstrauer an. Gegen die Behörden der Region wurden schwere Vorwürfe laut.

Putin war am Samstagabend ins Katastrophengebiet gereist, um sich ein Bild von der Lage zu verschaffen und mit regionalen und lokalen Behörden zu beraten. Das russische Staatsfernsehen begleitete den Präsidenten. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass der Bürgermeister von Krymsk, Wassilij Krutko, schon gegen 22 Uhr am Freitagabend eine SMS mit einer Katastrophenwarnung erhalten hatte. Im Gespräch mit Putin sagte der Bürgermeister, eine halbe Stunde nach der Warnung seien städtische Bedienstete losgeschickt worden, um die fast 60.000 Einwohner vor der drohenden Flut zu warnen. Später sei auch im Fernsehen Alarm gegeben worden.

Unermessliche Empörung

Weder die mittelalterlich anmutende Warnung durch „Ausrufer“ noch die nächtliche Warnmeldung als Textzeile am Bildschirmrand der Fernsehgeräte zeigten Wirkung. Nach Augenzeugenberichten wurden die meisten Einwohner von Krymsk zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht von einer bis zu sieben Meter hohen Flutwelle in ihren Häusern und Wohnungen überrascht, während sie schliefen. Deshalb sei es bei der panischen Flucht auf die Dächer nur wenigen gelungen, auch nur Dokumente oder das wichtigste Hab und Gut zu retten.

Russlands stellvertretender Ministerpräsident Dmitrij Rogosin forderte, nachdem es für Rettung von Menschenleben schon zu spät war, ein Katastrophenfrühwarnsystem einzuführen. Als Einzelheiten über das Verhalten der Stadtobrigkeit von Krymsk am Sonntag die im Internet vernetzte Öffentlichkeit erreichten, wuchs die Empörung über die Schlamperei, die höchstwahrscheinlich viele Menschen das Leben gekostet hat, ins Unermessliche. Putins Ankündigung, dass die Familien der Todesopfer mit umgerechnet knapp 49.000 Euro entschädigt und dass die zerstörten Wohnungen und Häuser mit staatlicher Hilfe an sicher gelegenen Orten wieder aufgebaut würden, änderte nichts daran, weil die Einlösung solcher Versprechen meist weit hinter den Ankündigungen zurückbleibt. Besänftigen konnte auch nicht die Mitteilung, das „Ermittlungskomitee“ (SK), eine Art russisches FBI, werde die Missstände untersuchen und ermittele gegen Unbekannt wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung.

Schleusen geöffnet?

Bis zu den deutlichen Hinweisen auf ein Versagen der Stadtobrigkeit von Krymsk hatte vor allem die Frage die Gemüter bewegt, wie es überhaupt zu einer solch gewaltigen Flutwelle kommen konnte. Schon unmittelbar nach Überflutung der Stadt hatten Blogger, anfangs unterstützt von einem bekannten Umweltschützer der Region, vermutet, dass wegen starker Regenfälle die Schleusen eines Wasserauffangbeckens bei Neberdschajewsk geöffnet worden seien. Neberdschajewsk liegt nordöstlich von Krymsk und etwa 100 Meter höher als die Stadt der Flutopfer. Putin war rapportiert worden, dass Wasserreservoir habe gar keine technischen Möglichkeiten, auf einen Schlag größere Mengen Wassers abzulassen. Eine Einwohnerin von Krymsk hatte dagegen den Verdacht mit der Behauptung genährt, ihr Vater sei Zeuge der Entscheidung gewesen, die Schleusen zu öffnen.

Aus den Strukturen des „Ermittlungskomitees“ erreichten die Öffentlichkeit widersprüchliche Mitteilungen. Zunächst hieß es, Wasser sei nicht abgelassen worden. Später wurde zugegeben, dass Wasser abgelassen worden sei, aber nur in geringem Umfang. In Krymsk machte da schon die sarkastische Wendung die Runde, die Stadt sei Opfer eines handgemachten Tsunamis geworden.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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